Mehr als zwei Jahre nach dem 7. Oktober fahndet das Spezialkommando NILI der israelischen Geheimdienste weiter nach den Verantwortlichen des Massakers. Zwischen Aufklärung, Abschreckung und Vergeltung steht eine Botschaft. Die Täter sollen sich nicht in Sicherheit wiegen können – ganz gleich, wie viel Zeit vergeht.
Als am 5. September 1972 palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München elf israelische Sportler ermordeten, zog der jüdische Staat eine Lehre, die seine Sicherheitsdoktrin bis heute prägt: Wer Juden und Israelis massakriert, soll sich nirgendwo auf der Welt sicher fühlen. In den Jahren nach dem Anschlag verfolgten israelische Geheimdienste die Verantwortlichen und Unterstützer des Olympia-Attentats. Eine eigens dafür eingesetzte Einheit des Mossad, die sogenannte Caesarea-Gruppe, spielte bei dieser Jagd eine zentrale Rolle. Zahlreiche Personen aus dem Umfeld des Olympia-Anschlags wurden in den folgenden Jahren bei israelischen Operationen getötet.
Doch die Geschichte israelischer Geheimdienste reicht noch weiter zurück. Schon während des Ersten Weltkriegs existierte in der damaligen osmanischen Region Palästina ein jüdisches Spionagenetzwerk mit dem Namen NILI. Die Gruppe sammelte Informationen für die Briten und gegen die türkische Herrschaft. Eine ihrer bekanntesten Figuren war Sarah Aaronsohn, die in Israel bis heute als Heldin verehrt wird. Der Name NILI ist ein Akronym für den biblischen Satz »Netzach Israel Lo Yeshaker« (»Die Ewigkeit Israels wird nicht lügen«), aus dem ersten Buch Samuel.
Jahrelange Kleinarbeit
Mehr als fünf Jahrzehnte nach München stand Jerusalem erneut vor einer ähnlichen Herausforderung. Am 7. Oktober 2023 drangen fast 6.000 Hamas-Terroristen sowie weitere bewaffnete Angreifer aus Gaza nach Israel ein. Sie ermordeten rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln in den Küstenstreifen.
Wie zahlreiche Medien berichten, hat der jüdische Staat wieder eine Jagd auf die Verantwortlichen eröffnet. Sein Inlands- und sein Auslandsgeheimdienst – Shin Bet und Mossad – haben eine Spezialeinheit mit dem Namen NILI geschaffen, deren Auftrag darin besteht, die Planer, Kämpfer und weiteren Beteiligten des 7. Oktober aufzuspüren. Ihre Existenz wurde inzwischen von hochrangigen israelischen Sicherheitsvertretern bestätigt. Tausende Namen sollen auf ihrer Zielliste stehen. Mehr als 2.700 davon sind laut den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) nicht mehr am Leben. Darunter sind Täter, die bereits während der Offensive getötet wurden, sowie solche, die im Gazastreifen im Zuge des Krieges gezielt angegriffen wurden. Weitere dreihundert mutmaßliche Täter wurden von Israel gefasst und warten auf ihr Urteil vor speziellen Militärtribunalen.
Bei ihrer Suche greifen die Ermittler dabei auf Videoaufnahmen der palästinensischen Terrororganisation, abgefangene Kommunikation, Standortdaten und weitere nachrichtendienstliche Quellen zurück. Für die Identifizierung von Verdächtigen wurden zudem spezielle Werkzeuge zur Gesichtserkennung entwickelt, mit denen selbst kurze oder schwer erkennbare Aufnahmen ausgewertet werden können.
»Es ist eine klare Botschaft an alle gegenwärtigen und zukünftigen Feinde«, sagt der ehemalige hochrangige Shin-Bet-Mitarbeiter Shalom Ben Hanan. »Jeder sollte zweimal darüber nachdenken, welchen Preis ein Terroranschlag wie der vom 7. Oktober auf Juden und Israelis haben kann. Natürlich steht aber auch hinter so einer Botschaft ein hochkomplexer Prozess. Wir sehen sehr präzise und detaillierte Erkenntnisse. Die Aufklärungsarbeit wird mit genauen nachrichtendienstlichen Zieldossiers vorbereitet.«
Für die israelischen Dienste beginnt die Jagd deshalb nicht erst in dem Moment, in dem ein Name auf einer Zielliste auftaucht, sondern mit Bildern und Aufnahmen. Ein Gesicht, das auf einer von der Hamas während des Massakers veröffentlichten GoPro-Aufnahme für wenige Sekunden zu erkennen ist. Überwachungskameras, die einen Grenzdurchbruch dokumentieren. Ein abgehörtes Telefonat, unterschiedliche Nachrichten, Standortsignale oder Fotos auf dem Mobiltelefon eines anderen Verdächtigen. Einzelne Puzzleteile, die zunächst unscheinbar wirken, können sich Jahre später zu einem Personenprofil verdichten.
Dabei haben Mossad und Shin Bet einen entscheidenden Vorteil: Zeit. Ein Verdächtiger muss nicht sofort gefunden werden. Er kann aus dem Blickfeld verschwinden, seinen Namen ändern, seinen Aufenthaltsort wechseln oder sich jahrelang in Sicherheit wiegen. Was am 7. Oktober nur ein Gesicht in einem Hamas-Video war, kann Jahre später ausreichen, um einen Menschen eindeutig zu identifizieren und seinen Aufenthaltsort zu bestimmen. Die Fahndung läuft weiter – auch dann, wenn der Krieg längst aus den Schlagzeilen verschwunden ist.
»Bei dieser Mission werden am Ende mehr Menschen beteiligt gewesen sein, als man heute denkt: einige mit größerer Verantwortung, andere mit weniger«, betont Ben Hanan und beschreibt damit zugleich das Dilemma, vor dem die israelischen Geheimdienste stehen. »Der 7. Oktober war nicht das Werk einiger weniger Hamas-Kommandeure, sondern eine komplexe Operation mit unterschiedlichen Ebenen von Planung, Vorbereitung und Ausführung. Für die Ermittler bedeutet das, jeden Verdächtigen anhand der verfügbaren Beweise einzuordnen und seine jeweilige Rolle möglichst genau zu bestimmen.«
Mehrere Funktionen
Doch die Aufarbeitung endet nicht bei den Tätern. Ben Hanan fordert auch eine schonungslose Untersuchung des israelischen Versagens vor dem 7. Oktober: »vom nachrichtendienstlichen Versagen vor dem Krieg bis zu all den falschen Vorstellungen. Alle relevanten Apparate müssen überprüft werden.« Damit trennt er zwei Fragen, die in Israel nach dem Massaker immer wieder miteinander vermischt werden: die Verantwortung derjenigen, die den Angriff geplant und ausgeführt haben, und die Verantwortung derjenigen, die ihn hätten verhindern müssen. Die erste Frage beschäftigt NILI. Die zweite ist Thema für eine staatliche Untersuchungskommission.
Eine Verfolgung der Täter und die Aufarbeitung des eigenen Versagens schließen einander dabei nicht aus. Die Jagd nach den Verantwortlichen beantwortet nicht die Frage, warum der Angriff überhaupt möglich war. Zugleich ist sie Ausdruck einer israelischen Sicherheitskultur, in der die Fähigkeit, einen Gegner selbst Jahre später noch aufzuspüren, Teil der Abschreckung ist. »Im Nahen Osten ist Rache ein wichtiger Teil des Diskurses«, erklärt Michael Milshtein vom Moshe-Dayan-Center der Universität Tel Aviv. »Es wird sehr genau darauf geachtet, wie ein Land auf einen Angriff reagiert. Unglücklicherweise ist das die Sprache dieser Region.«
Der Nahostexperte und ehemalige Offizier des israelischen Militärgeheimdienstes Aman gilt als einer der profiliertesten israelischen Kenner der palästinensischen Gesellschaft und der Hamas. Für ihn kann die Jagd auf die Verantwortlichen des 7. Oktober aus dieser Perspektive mehrere Funktionen erfüllen. Ein entscheidender Punkt ist die Sicherung von Informationen über die Entscheidungsstrukturen der Hamas. Auch werden Netzwerke sichtbar gemacht und rekonstruiert, wie aus einzelnen Akteuren eine derart komplexe Operation entstehen konnte.
Zugleich aber hat diese Form der Verfolgung klare Grenzen: Die Ausschaltung einzelner Personen beseitigt weder die Ideologie der Hamas noch die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, aus denen die Organisation neue Kader hervorbringt. NILI kann Strukturen schwächen und Wissen über den Gegner liefern – den Konflikt selbst aber nicht lösen. Gerade deshalb liegt die langfristige Bedeutung ihrer Jagd nicht allein in der Verfolgung einzelner Täter. Jede identifizierte Person kann weitere Erkenntnisse liefern: über die Entscheidungswege innerhalb der Terrororganisation, über Unterstützer und Mittelsmänner und darüber, was der israelische Nachrichtendienst vor dem 7. Oktober nicht erkannt hat.
»Wir müssen unsere Besessenheit von Technologie etwas zurückschrauben und wieder mehr zu traditionellen Fähigkeiten zurückkehren«, warnt Milshtein. »Also zur Beherrschung der Sprache des Feindes, zu Kenntnissen über seine Geschichte sowie zum Verständndnis der Kultur des anderen. Denn am 7. Oktober haben wir nämlich verstanden, dass wir Hamas überhaupt nicht verstanden haben.«
Gerade deshalb beschränkt sich die Suche nach den Verantwortlichen nicht auf die bekannten Hamas-Anführer. Mit jedem neuen Hinweis kann sich das Bild davon verändern, wer an den Vorbereitungen und an der Durchführung des Massakers beteiligt war. Manche Namen tauchen erst auf, wenn Aussagen, Bilder und andere nachrichtendienstliche Erkenntnisse miteinander abgeglichen werden. Andere werden erst dann interessant, wenn sich ihre Verbindung zu den Entführungen oder zur Behandlung der Geiseln nachvollziehen lässt. So entsteht das Bild eines weit verzweigten Geflechts, in dem nicht jeder Beteiligte dieselbe Rolle spielte – und manche erst im Nachhinein sichtbar werden.
»Auf der Liquidierungsliste stehen nicht nur die Terroristen, die an dem Massaker beteiligt waren, sondern auch diejenigen, die die Geiseln während ihrer Gefangenschaft misshandelten«, erzählt L., ein Leutnant des IDF-Südkommandos, der bei NILI im Einsatz ist. »Es kann also der Fahrer sein, der mit einem Traktor über die Grenze fuhr, oder der Kompaniechef der Hamas-Eliteeinheit Nukhba, der den Angriff anführte. Ihr Ende aber ist nur noch eine Frage der Zeit.«
Langfristiger Prozess
Die Ermittler arbeiten dabei mit unterschiedlichen Spuren. Ein Name kann aus einer Videoaufnahme stammen, aus der Aussage eines Verhörten oder aus Informationen, die bei der Rekonstruktion eines einzelnen Angriffs auftauchen. Erst das Zusammensetzen solcher Hinweise ergibt ein Bild davon, wer welche Rolle gespielt hat. Manche Verdächtige sind dabei längst tot, andere leben weiterhin im Gazastreifen und bewegen sich unter einer Tarnidentität. Für NILI beginnt die Arbeit deshalb oft dort, wo die Öffentlichkeit längst aufgehört hat, hinzusehen.
Zwischen einem Namen auf einer Liste und einem möglichen Zugriff können Monate oder Jahre liegen. Für die Ermittler, die an solchen Fällen arbeiten, bedeutet das vor allem Geduld: Hinweise müssen bewertet, Zusammenhänge überprüft und Verdachtsmomente immer wieder neu eingeordnet werden. Nicht jeder Fall führt unmittelbar zu einem Ergebnis, und nicht jede Spur lässt sich sofort weiterverfolgen.
Entscheidend ist, einen Verdächtigen nicht aus dem Blick zu verlieren – auch dann nicht, wenn seine Spur zunächst ins Leere führt. »Es geht nicht darum, jeden Tag einen Treffer zu haben«, sagt L. »Manchmal arbeiten wir wochenlang an einem einzigen Namen. Darunter sind einige, die sich sehr gut verstecken. Aber alle haben eine Schwachstelle und können nicht für immer verschwinden. Irgendwann machen sie einen Fehler und dann müssen wir bereit sein.«
Für die israelischen Dienste ist die Operation ein langfristiger Prozess, dessen Ende nicht davon abhängt, wie lange die Öffentlichkeit noch hinsieht. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, aus den Erkenntnissen einzelner Täter ein immer genaueres Bild der Strukturen zu gewinnen, die den Angriff ermöglichten, und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. »Nach dem Massaker hatte ich zunächst das Gefühl, dass diese Verbrecher eine Art Immunität genossen, weil viele von ihnen unversehrt in den Gazastreifen zurückkehren konnten«, erzählt Shalom Ben Hanan. »Doch im Nahen Osten wird Stärke anders gelesen: Wer sich behaupten will, muss Entschlossenheit zeigen, und wer angreift, muss mit einer Antwort rechnen.«
Die NILI-Mission steht damit für den Versuch eines Staates, die verstreuten Spuren eines historischen Angriffs zusammenzuführen. Aus einzelnen Namen, Hinweisen und Erkenntnissen soll ein immer genaueres Bild der Strukturen entstehen, die hinter dem Angriff standen. »Im entscheidenden Moment muss man wissen, wo sich der Terrorist befindet«, sagt Ben Hanan. »NILI steht damit für eine Logik, die im Nahen Osten tief verwurzelt ist: Zeit kann eine Spur verwischen, aber sie löscht sie nicht aus. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie lange sie verborgen bleibt, sondern ob man sie am Ende wiederfindet.«
