Wie die Medien zu Israelhass und Antisemitismus beitragen

Kürzlich fand ein »Zeit«-Artikel mit relativ wenig Substanz großen Anklang bei Israelkritikern

Die deutsche Wochenzeitung Die Zeit liefert den Israelkritikern Munition, indem sei eine statistische Hochrechnung aus fragwürdigen Quellen als Tatsachenfeststellung verkauft.

Nachdem die mit der Ausrufung einer Hungersnot im August prognostizierten 100.000 Toten im Gazastreifen ausgeblieben waren, wurde der Vorwurf, Israel würde die Küstenenklave aushungern, rasch durch jenen ersetzt, der jüdische Staat wolle die Hungersnot durch die vorsätzliche Lieferung zucker- und kalorienreicher Nahrung »verstecken«. Dass Israelkritiker aber doch eher auf tote Palästinenser aus sind als auf mit Süßigkeiten Aufgepäppelte, konnte man angesichts der geradezu begeisterten Reaktion erkennen, mit der in den sozialen Medien eine neue Veröffentlichung angeblicher Opferzahlen zum Gaza-Krieg verbreitet wurde.

Schätzungen als Tatsachen verkauft

»Die Zahl der toten Palästinenserinnen und Palästinenser im Gaza-Krieg könnte deutlich höher liegen als bislang angenommen«, schrieb die deutsche Wochenzeitung Die Zeit unter Berufung auf eine statistische Hochrechnung von Forschern der Max-Planck-Gesellschaft.

Während es laut dem von der Hamas geführten Gesundheitszentrum in den beiden Kriegsjahren 67.173 Tote gegeben habe, könnte Israels Waffengang gegen die islamistische Terrororganisation gemäß den Rostocker Wissenschaftlern mehr als 100.000 Opfer gefordert haben, erklärte Die Zeit. »In den ersten zwei Jahren des Krieges, also vom Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 bis zum 6. Oktober dieses Jahres, sind demnach zwischen 99.997 und 125.915 Menschen bei den Kämpfen im Gazastreifen gestorben oder getötet worden. Die mittlere Schätzung der Forscher beträgt 112.069 Menschen.«

Während Die Zeit konstatierend titelt: »Mehr als 100.000 Tote im Gazakrieg«, geht aus dem Artikel dann deutlich hervor, dass es sich hierbei nur um eine Hochrechnung bzw. Schätzung handelt, nach der »deutlich mehr Menschen gestorben sein könnten [sic!] als bekannt«. Als Quelle für diese Einschätzung wird lediglich angeführt, es gebe der Zeitung vorliegende »Forschungsergebnisse«, die in diese Richtung deuteten. Nähere Angaben macht der Zeit-Autor Christian Endt nicht, was nahelegt, dass es keine veröffentlichte Studie gibt, in der sich die Zahlen nachprüfen lassen.

Endt verweist lediglich darauf, dass »die Wissenschaftler im Oktober einen Aufsatz in der Fachzeitschrift Population Health Metrics veröffentlicht« haben, in dem sie ihre Vorgangsweise« darlegten. Wie der deutsche Militärblogger Joey Hoffmann aka U. M. festhält, geht es in diesem als Quelle verlinkten Artikel jedoch nicht um die tatsächlichen Toten im Gazastreifen, sondern »darum, ein statistisches Modell zu finden, nach dem man die Zahl der Toten schätzen kann«. Darüber hinaus beschäftige sich der Text mit dem Zeitraum 2023/24, was »die Frage nach den angeblichen ›zwischen 99.997 und 125.915‹ Getöteten bis Oktober 2025« aufwirft – zumal der Zeit-Artikel ja offenlässt, wie und wo die von ihm zitierten Forscher zu dieser Schätzung kamen.

»Die Forscherinnen und Forscher in Rostock bauten nun auf den bisherigen Erkenntnissen auf«, schreibt Endt und bezieht sich dabei auf drei Statistiken, die von den Forschern des Max-Planck-Instituts herangezogen worden seien.

Die erste bestehe aus den Zahlen des von Endt selbst als fragwürdig charakterisierten Hamas-Gesundheitsministeriums. Die zweite sei die einem britischen Team beim Palestinian Center for Policy and Survey Research (PCPSR) in Auftrag gegebene Erhebung in zweitausend Haushalten vor Ort. Allerdings ist das PCPSR im Westjordanland ansässig, weswegen es die Erhebung gar nicht selbst durchführen konnte, sondern wiederum an Bewohner des Gazastreifens delegieren musste – und Israel veröffentlichte bereits im August 2024 in Gaza gefundene Dokumente, die auf gezielte Verfälschungen seitens der Hamas bei der Erhebung hinweisen.

Das dritte Ergebnis, auf dem die Rostocker Forscher nun aufbauten, so Endt, sei ein Lancet-Artikel von Forschern der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Die Gruppe habe dafür drei Listen verglichen, von denen eine auf Todesanzeigen in sozialen Medien basiere und zwei vom Hamas-Gesundheitszentrum stammten, wobei Endt selbst – es sei wiederholt – zu Beginn seines Artikels darauf verweist, dass »auch DIE ZEIT … die Angaben des Ministeriums nur unter Vorbehalt« verbreitete, weil man »ihnen nicht trauen kann«.

Wenig Substanz

Sieht man sich den Zeit-Artikel also genauer an und prüft die Angaben, die der Autor dort selbst macht, wird schnell klar, dass die Forscher der Max-Planck-Gesellschaft keine eigene Forschung zu Opferzahlen betrieben, sondern lediglich bereits bekannte, ebenso fragwürdige wie hochumstrittene und zum Teil von der Zeit selbst kritisierte Zahlen herangezogen haben, um diese mit ihrer statistischen Hochrechnungsmethode neu zu gewichten. Dies alles hindert die deutsche Wochenzeitung aber nicht daran, ihren Artikel mit der Tatsachenbehauptung aufzumachen, es habe im Gaza-Krieg mehr als 100.000 Tote gegeben.

Die eingangs erwähnte, klammheimliche Freude, mit der Israelkritiker diese Zahlen aufgegriffen haben, um Israel daraus einen weiteren Strick zu drehen, verwundert nicht, hat man bei ihnen doch stets den Eindruck, es kann ihnen gar nicht genug tote Palästinenser geben, mit denen sie ihr immer schon feststehendes (Negativ-)Urteil über den jüdischen Staat bebildern können. Dass allerdings große Medien wie Die Zeit ihnen dafür die Munition liefern, zeigt, wie Recht Sarah Maria Sander und Alon David hatten, als sie im August im Mena-Talk ausführten, der Journalismus habe sein Scherflein dazu beigetragen, dass der Hass auf Israel und der israelbezogene Antisemitismus seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 immer weiter gewachsen ist.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 26. November. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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