Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht der Autor und Verleger Klaus Bittermann über die deutsche Linke und Israel sowie über Wolfgang Pohrts Kritik deutscher Entlastungsstrategien über den jüdischen Staat.
Elisa Mercier (EM): Wie würden Sie die aktuelle Haltung der deutschen Linken gegenüber Israel charakterisieren?
Klaus Bittermann (KB): Als unreflektiert und nur emotional gesteuert. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass die beeindruckende Ahnengalerie der Theoretiker, auf die sich die Linke bezieht oder einmal bezogen hat, angefangen von Marx bis hin zu Adorno und Horkheimer, sie davor schützen würde, politische Konflikte rein moralisch und damit ideologisch zu bewerten, aber genau das tut sie. Und leider tut sie das eigentlich schon immer. Marx musste sich mit solchen Leuten in der Deutschen Ideologie herumschlagen, Adorno im Jargon der Eigentlichkeit.
Im Israel-Palästina-Konflikt ist das Phänomen seit dem Sechstagekrieg von 1967 zu beobachten, das sich seither mit jedem neuen Konflikt in immer heftigerer Intensität wiederholt. Die Palästinenser werden als indigenes Volk wahrgenommen, das schon immer in Palästina seine Heimat gehabt habe und nun unterdrückt werde, sogar einen Genozid erleiden müsse; die Israelis als Siedlerkolonialisten, Imperialisten, Mörder. Ein Blick in die Geschichte Palästinas wie zum Beispiel in die Bücher von Benny Morris oder in Oren Kesslers Palästina 1936 würde aufklären, aber viele Linke haben das vorherrschende Narrativ der »From the river to the sea«- und der »Globalize the Intifada«-Solidaritätsbewegung, und damit leider auch der Hamas, übernommen.
EM: Wolfgang Pohrt vertrat klare Positionen zu Antisemitismus und Solidarität mit Israel. Worin bestanden diese?
KB: Als Soziologe ging es Pohrt nicht darum, sich mit jemanden zu solidarisieren. Das überließ er den Unterschriftstellern, die zu allem eine Meinung haben. Pohrt ging es in seiner Analyse um die Frage, welche verborgenen Motive hinter der Ideologie wirken. Er fasste seine Aufgabe als Ideologiekritiker einmal so zusammen: »Sie sagen mir, was Sie denken, und ich sage Ihnen, warum das falsch ist.«
Pohrt befasste sich zum ersten Mal nach dem Libanonkrieg 1982 mit dem Palästinakonflikt. Er konstatierte bei der Linken, dass sie weder Auschwitz noch den Nationalsozialismus begriffen hatten, weil sie Ersteres mit einem »grausamen Blutbad« und Letzteres mit einem »tyrannischen Regime« verwechselten.
In dieser Annahme aber stecke der Entlastungsgedanke für die Deutschen: »Die Unterdrückung und Verfolgung der Palästinenser durch Israel werden so genau beobachtet und so leidenschaftlich angeprangert, weil sie beweisen sollen, dass es keinen Unterschied zu dem gibt, das die Nazis den Juden angetan hatten. Der bei den Deutschen immer wieder Verwunderung hervorrufende Gedanke, dass ausgerechnet die Israelis, die es doch besser wissen müssten, die Palästinenser unterdrücken würden, bedeutet, dass die Deutschen Auschwitz als »Besserungsanstalt« verstanden.
Langlebige Narrative
EM: In seinen Aufsätzen beschreibt Pohrt linke Sichtweisen auf Israel, die heute noch nachwirken, etwa der Völkermordvorwurf. Warum sind sie so langlebig?
KB: Diese Narrative sind so langlebig, weil sich an der moralischen Beurteilung des Konflikts nichts ändert, die darauf beruht, zunächst einmal immer auf der Seite der Unterdrückten zu stehen, unabhängig davon, welche politischen Ziele mit welchen verbrecherischen Mitteln auf dieser Seite verfolgt werden. Dass dies bei der Linken so vollständig ausgeblendet wird und von der Hamas so wenig die Rede ist, obwohl die Hamas stark in der Bevölkerung des Gazastreifens verankert ist und hohe Zustimmungswerte besitzt, ist ein wesentlicher Aspekt, der die Solidarität mit Gaza so bizarr macht.
Dennoch muss der Krieg natürlich ein Ende finden, weil er bei der Art und Weise, wie ihn die Hamas führt, für Israel nicht zu gewinnen ist. Die Hamas hat bereits erreicht, was sie wollte, nämlich eine internationale Solidarisierung der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern, in denen der Völkermordvorwurf großen Anklang findet, der sich bei Netanjahus Ziel, die Hamas vollständig auszulöschen, leider nicht mehr völlig ausschließen lässt, weil die Hamas bereit ist, sich und die eigene Bevölkerung zu opfern.
Dennoch: Wäre es ein Völkermord, dann wäre es der erste, bei dem Flugblätter und Handynachrichten die Zivilbevölkerung vor Angriffen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte warnen. Das ändert natürlich nichts am Leid der Bevölkerung, aber der Krieg, bei dem die Zivilbevölkerung unbeschadet bleibt, muss erst noch erfunden werden, vor allem, wenn die Kriegführung der Hamas darin besteht, die palästinensische Bevölkerung zu opfern. Übrigens ähnlich wie Hitler, der meinte, das »deutsche Volk« habe es angesichts der Niederlage nicht verdient, zu überleben.
EM: Wie bewerten Sie die Debatte über den von Friedrich Merz verhängten Stopp der Waffenlieferungen an Israel und die deutsche Staatsräson?
KB: Zunächst einmal ist dieser Stopp nur vorübergehend. Merz dachte vermutlich, dass er siebzig Prozent der Deutschen entgegenkommen müsse, die gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen sind. Das kann man sogar verstehen, denn die Mehrheit der Bevölkerung beurteilt den Konflikt nach dem, was sie aus den Medien erfährt, und aus den Medien erfährt man fast ausschließlich mittels der vor allem von der Hamas gelieferten Bilder vom Leid der Bevölkerung. Zudem kann man den Stopp auch symbolisch verstehen, weil die Waffenlieferungen aus Deutschland für Israel nicht existenziell sind. Das wäre der Fall, würde Amerika einen Waffenstopp verhängen.
EM: Druck auf Israel, kaum Einsatz für die festgehaltenen Geiseln – wie würden Sie die deutsche Außenpolitik gegenüber Israel derzeit beschreiben?
KB: Ich kann nicht beurteilen, ob der Druck Deutschlands auf Israel wirklich so stark ist. Ich weiß nur, dass viele Israelis über den Einfluss der deutschen Regierung auf die israelische Politik eher lächeln. Und auf die Hamas dürften die Deutschen noch weniger Einfluss haben.
EM: Im Inland kritisieren viele, dass jüdisches Leben nicht genügend geschützt und zu wenig gegen Antisemitismus unternommen werde. Teilen Sie diese Einschätzung?
KB: Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Der Vorwurf lässt sich leicht erheben, aber wie sähe effektiver Schutz aus? Viele Angriffe sind Einzeltaten, die sich schwerlich unterbinden lassen. Deshalb müsste die Frage lauten, was gegen die Islamisten unternommen werden kann. Da müsste sich die Regierung in der Tat etwas einfallen lassen, um das Hamas-Rückzugsgebiet in Berlin Neukölln wirksam unter Druck zu setzen und die islamistischen Strukturen genauer zu beobachten und gegen sie vorzugehen, etwa in den Moscheen, die sich seit den 1980er Jahren extrem vermehrt haben.
Wie die Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln, Güner Balci, in einem Spiegel-Gespräch erwähnte, gibt es inzwischen dreißig Moscheen allein in Berlin-Neukölln, von denen viele von Katar finanziert werden oder der Muslimbruderschaft nahestehen, ideologisch also eng bei der Hamas sind. Aus eigener Anschauung kann ich bestätigen, dass im Stadtbild der 1980er Jahre Frauen mit Kopftuch kaum vorkamen: Heute ist das Symbol der Unterdrückung sehr präsent und legt Zeugnis ab von einem ungeheuren Backlash der Emanzipation und von einer konservativen bis reaktionären Gesinnung. Leider haben die Behörden Angst vor dem Vorwurf der Islamophobie.
Klaus Bittermann ist deutscher Journalist, Schriftsteller und Verleger, der in Berlin lebt. 1979 gründete er den Verlag Edition Tiamat, der seit 1981 in Berlin-Kreuzberg ansässig ist. Hier veröffentlichte er zahlreiche satirische und polemische Texte sowie Sammelbände. Als Satiriker schrieb er für verschiedene Zeitungen, darunter der taz und der Jungen Welt. Unter dem Pseudonym Artur Cravan veröffentlichte Bittermann eine Berlin-Krimi-Trilogie. 2022 veröffentlichte er eine Biografie über Wolfgang Pohrt, dessen Gesamtwerk er in seinem Verlag betreut.
