»Kein Krieg, keine Politik der Welt rechtfertigt Judenhass«

Guy Katz als Redner bei einer Veranstaltung seiner Kampagne »München gegen Antisemitismus«

Im Gespräch mit Elisa Mercier stellt der Initiator der Kampagne Dach gegen Hass, Guy Katz, seinen Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus und die geplante Großdemonstration in München am 5. Oktober vor.

Elisa Mercier (EM): Sie sind Gründer mehrerer Initiativen gegen Antisemitismus und organisieren am 5. Oktober die große Dach-gegen-Hass-Demonstration in München. Was treibt Sie an?

Guy Katz (GK): Ich war israelischer Offizier und wir haben damals gelernt: Zuerst nach vorn. Nach den Massakern des 7. Oktober 2023 haben wir »Run for Their Lives«, eine Eventreihe zur Freilassung der israelischen Hamas-Geiseln, erstmals nach Europa gebracht. Aus einem kleinen Lauftreff ist die größte Gruppe weltweit geworden, inzwischen laufen schon über tausend regelmäßig mit. Aus »Run for Their Lives« wurde »Run for our own Lives«. Bald darauf entstand in München mit über 10.000 Teilnehmern eine der größten Demonstrationen gegen Antisemitismus in Europa.

Mir wurde klar: Sonntagsreden reichen nicht. Deshalb haben wir zusammen mit Juristen, Pädagogen, Politikern und Künstlern den Fünf-Punkte-Plan geschrieben. Unser Ziel ist es, dass die Parlamente in Berlin, Wien und Bern ihn beraten und verbindlich umsetzen.

EM: Sie berichten, dass Sie wegen Ihres Engagements regelmäßig Hassnachrichten erhalten. Wie erklären Sie sich diesen Hass?

GK: Leider ist das fast Alltag. Jede jüdische Stimme im öffentlichen Raum wird sofort zur Zielscheibe. Drei Viertel jüdischer Studenten weltweit geben an, ihre Identität an der Uni zu verstecken. Das allein zeigt, wie massiv das Problem ist. Die Mechanik ist klar: Man nimmt Israels Politik als Vorwand, um Antisemitismus zu legitimieren.

Darum haben wir in unserer Petition ausdrücklich geschrieben: Kein Krieg, keine Politik der Welt rechtfertigt Judenhass. Das ist der Kern. Und trotzdem: Während im Gazastreifen noch immer 48 Geiseln festgehalten werden – darunter sieben deutsche Staatsbürger – redet kaum jemand darüber. Dieser doppelte Standard verletzt.

EM: Ihr Fünf-Punkte-Plan fordert unter anderem eine Reform des Volksverhetzungsparagrafen. Wie realistisch ist die Umsetzung?

GK: Sehr realistisch. Viele Juristen und Staatsanwälte fordern schon lange, dass Vernichtungsaufrufe gegen Staaten – und besonders gegen Israel – endlich strafbar sein müssen. Der bestehende Paragraf ist zu unklar, zu kompliziert anwendbar. Hier kann die Politik mit wenig Aufwand viel bewirken.

Schwieriger ist das Thema Boykott. Aber auch dafür schlagen wir klare Kriterien vor. Ein Boykott klingt harmlos, ist aber oft nur die Tarnung für Diskriminierung. Es geht uns nicht um individuelle Konsumentscheidungen, die bleiben frei. Es geht um institutionelle Bühnen, wo mit Steuergeldern einseitige Kampagnen gefahren werden.

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Haltung zeigen

EM: Was erwarten Sie von der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft?

GK: Ganz einfach: Haltung zeigen. Nicht wegschauen. Antisemitismus betrifft nicht nur Juden. Er bedroht unsere freiheitliche Gesellschaft insgesamt. Solidarität bedeutet konkret: unterschreiben, teilen, widersprechen. Wir brauchen eine breite Bürgerrechtsbewegung, die sagt: Wer Antisemitismus stoppt, schützt die Demokratie. Das ist keine jüdische Aufgabe, es ist eine gesamtgesellschaftliche.

EM: Kritiker wenden ein, dass ein Verbot von Boykottaufrufen an Hochschulen die Meinungsfreiheit gefährde. Was entgegnen Sie?

GK: Privat kann und soll jeder selbst entscheiden, was er kauft oder nicht kauft. Aber an staatlich geförderten Einrichtungen – Universitäten, Theatern, Museen – ist es problematisch, wenn mit öffentlichem Geld einseitig gegen Israel aufgerufen wird. Solche Kampagnen führen fast immer dazu, dass jüdische Studenten oder Künstler sich ausgeschlossen fühlen, dass Hassparolen salonfähig werden. Das ist keine freie Debatte, sondern institutionalisierte Diskriminierung. Genau hier muss der Staat klare Grenzen setzen.

EM: Sie sagen, Hass auf Israel schlägt oft in direkten Hass auf Juden weltweit um. Warum wird dieser Zusammenhang so häufig verharmlost?

GK: Weil er unbequem ist. Die Dämonisierung Israels ist seit jeher ein Einfallstor in antisemitische Narrative. Wer Israel als »Wurzel allen Übels« zeichnet, öffnet automatisch die Tür zum Hass auf Juden weltweit. Viele Menschen wollen sich mit solchen Mechanismen nicht auseinandersetzen. »Das betrifft mich nicht«, höre ich oft. Aber Antisemitismus ist nie nur ein Problem der Juden. Er ist immer ein Frühwarnsystem dafür, dass liberale Werte insgesamt erodieren. Deshalb wird er auch so oft verharmlost – und genau deshalb ist er so gefährlich.

Man muss sich immer vergegenwärtigen: Der jüdische Glaube ist viele Jahrhunderte älter als jede Demokratie, jeder Staat und jede Politik. Weder der Krieg im Gazastreifen noch politische Entscheidungen in Israel können jemals ein Vorwand sein, Juden in Deutschland und Europa zu hassen, anzugreifen oder auszugrenzen. Antisemitismus ist und bleibt in jeder Form inakzeptabel.

EM: Was erhoffen Sie sich von der Demonstration am 5. Oktober in München?

Wir wollen ein sichtbares Zeichen setzen, nicht klein, nicht leise, sondern groß und klar. Mit Hunderten Organisationen, mit Sportvereinen, Kulturinstitutionen, Kirchen, Universitäten. Es geht nicht um eine jüdische Nischenveranstaltung. Es geht um eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Wir haben ein Ziel: Mindestens 100.000 Stimmen für unsere Petition, eigentlich 200.000 oder mehr. Am liebsten eine Million. Denn nur so wird unübersehbar: Unsere Zukunft in Europa ist nicht verhandelbar.

Guy Katz ist Professor für International Management an der Fakultät für Tourismus in München, israelischer Offizier a. D. und Initiator mehrerer zivilgesellschaftlicher Initiativen wie »Run for Their Lives« in Deutschland, »München gegen Antisemitismus« sowie der Kampagne »Dach gegen Hass«. Gemeinsam mit über zweihundert Organisationen präsentierte er Mitte September 2025 den Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus. Am 5. Oktober folgt die große Kundgebung in München.

Zur Kampagnenseite Dach gegen Hass geht es hier. Zum Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus samt Petition kommen Sie hier.

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