Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht Alan Wali über kurdische Selbstbestimmung und eine politische sowie gesellschaftliche Annäherung zwischen Kurden und Israel.
Alan Wali stammt aus Kobane, einer Stadt im kurdischen Rojava im Norden Syriens, die spätestens seit dem Vormarsch des Islamischen Staats (IS) zum Symbol für Widerstand und Zerstörung geworden ist. Heute lebt der Rettungsschwimmer in Deutschland. Seit Jahren setzt er sich öffentlich für kurdische Selbstbestimmung und eine politische und gesellschaftliche Annäherung zwischen Kurden und Israel ein. Seine Position ist klar, und seine Erfahrungen sind geprägt von Krieg, Flucht und dem Leben ohne staatliche Absicherung.
Der Krieg in Syrien zwang ihn und seine Familie zur Flucht. Nachdem der IS Kobane angegriffen und große Teile der Stadt zerstört hatte, blieb ihnen keine andere Wahl. Ihr Weg führte sie zunächst in die Türkei und dann weiter nach Europa. 2015 kam Wali nach Deutschland, das er inzwischen als zweite Heimat bezeichnet. Die Erlebnisse dieser Zeit haben ihn politisiert, allerdings nicht erst im Exil.
Politisches Bewusstsein, sagt Wali, beginne dort, wo Unterdrückung zum Alltag gehört. Wer in einer Gesellschaft aufwachse, in der Hass, Gefängnisse und staatliche Gewalt allgegenwärtig seien, könne gar nicht unpolitisch bleiben. Für die Kurden bedeute Politik vor allem das Festhalten an der eigenen Identität. Dass im irakischen Kurdistan zumindest ein gewisses Maß an Autonomie erreicht wurde, empfindet er als historischen Erfolg. »Ein Stück von den vier Teilen ist zurückgekommen«, wie er es formuliert.
Verbindende Erfahrung
Alan Walis Bezug zu Israel reicht weit zurück. Schon als Kind hörte er, wie sein Vater und Großvater über den jüdischen Staat sprachen, was sie allerdings aus Furcht vor Repressionen durch das syrische Regime nur heimlich und leise taten. Israel war ein verbotenes Thema, doch eines, das innerhalb der Familie präsent blieb. Es ging um historische Verbindungen, um gegenseitige Hilfe in Zeiten der Verfolgung. »Der Mut der Kurden war immer da, sie haben immer über Israel gesprochen, selbst wenn sie dafür bestraft werden konnten.«
Für Wali sind die Parallelen zwischen der Geschichte der Kurden und jener der Juden offensichtlich. Die Völker verbindet eine lange Erfahrung von Verfolgung, Entrechtung und Staatenlosigkeit. Historisch trifft dies auf beide zu, auch wenn sich ihre Gegenwart unterscheidet. Während die Juden seit der Gründung Israels 1948 über einen eigenen Staat verfügen, ist die kurdische Frage bis heute ungelöst.
Wenn Wali sagt, Kurden und Juden teilten das Schicksal der Staatenlosigkeit, ist diese Aussage daher symbolisch und historisch zu verstehen, ein Verweis auf jahrhundertelange Fremdherrschaft, Diaspora-Erfahrungen und den Versuch, Identität und politische Existenz auszulöschen. »Der Widerstand und der Erhalt der eigenen Identität sind für beide zentral.« Israel gilt ihm deshalb nicht nur als politischer Akteur im Nahen Osten, sondern als historisches Vorbild.
Der jüdische Staat habe gezeigt, dass es möglich ist, unter widrigsten Umständen ein Land trotz Terror und internationaler Feindseligkeit aufzubauen. Für die Kurden sei das ein wichtiger Bezugspunkt. Ziel sei nicht Gewalt, sondern staatliche Selbstbestimmung durch politische Prozesse.
Diese Haltung stößt nicht überall auf Zustimmung. In der kurdischen Diaspora, insbesondere in Europa, erfährt der Aktivist zwar große Unterstützung, da viele junge Kurden in der Geschichte Israels eine Spiegelung der eigenen sähen. Anders sei die Lage in Teilen Kurdistans selbst, etwa im Irak oder im Iran, wo religiöse Prägungen und politischer Druck offene Sympathien für Israel erschwerten. Wali berichtet auch von Drohungen innerhalb und außerhalb Deutschlands. An seiner Haltung ändert das nichts. »Ich bleibe auf der Seite Israels, auf der Seite Kurdistans und auf der Seite der Menschlichkeit.«
Was ihm fehlt, ist Sichtbarkeit. Die historischen und politischen Verbindungen zwischen Kurden und Juden spielten in den internationalen Medien kaum eine Rolle, obwohl sie real und gut dokumentiert seien. Israel habe kurdische Peschmerga unterstützt, lange bevor das Thema öffentlich diskutiert wurde. Der Respekt dafür sei bis heute vorhanden. Deshalb wünscht sich Wali, dass diese Beziehung auf politischer, kultureller und gesellschaftlicher Ebene offener thematisiert wird. Denn, so sagt Alan Wali: »Kurdistan und Israel sind zwei Völker, die trotz all ihres Leids ihre Würde und ihren Glauben an die Freiheit bewahrt haben.«
