Zum fünften Mal wurde am Donnerstagabend in Wien der Arik-Brauer-Publizistikpreis verliehen. Ausgezeichnet wurden die Filmemacherin und Journalistin Sarah Maria Sander sowie die Autorin und Journalistin Andrea Schurian.
Am Donnerstagabend, dem 5. November, wurde in Wien der Arik-Brauer-Publizistikpreis zum bereits fünften Mal verliehen. Ausgezeichnet wurden heuer die Filmemacherin und Journalistin Sarah Maria Sander und die österreichische Journalistin und Autorin Andrea Schurian. Zwei Frauen, deren publizistische Arbeit sich in unterschiedlichen Bereichen bewegt, die aber etwas Entscheidendes verbinden. Es ist die Bereitschaft, genauer hinzusehen, Widersprüche auszuhalten und sich nicht mit den Antworten zufriedenzugeben, die ohnehin schon überall zu hören sind.
Durch den Abend führte die österreichische Journalistin Danielle Spera, Geschäftsführerin von »Kultur. Medien. Judentum«. Eröffnet wurde die Preisverleihung von Erwin Javor, Gründer und Herausgeber von Mena-Watch, der in seiner Begrüßungsrede die Frage aufwarf, die angesichts der gegenwärtigen Weltlage ebenso naheliegend wie unbequem erscheint: Warum erfährt menschliches Leid in der öffentlichen Wahrnehmung so unterschiedliche Aufmerksamkeit?



Während der Krieg zwischen Israel und der Hamas eine intensive mediale und gesellschaftliche Auseinandersetzung hervorgerufen hat, bleiben die humanitären Katastrophen im Sudan, im Jemen oder die anhaltenden Folgen des syrischen Bürgerkriegs weit weniger sichtbar. Dabei sind auch dort Millionen Menschen von Krieg, Vertreibung, Hunger und Gewalt betroffen. Weshalb also beherrschen manche Konflikte über Monate die Schlagzeilen, während andere kaum über eine Randnotiz hinauskommen? Gibt es Opfer, deren Schicksal berichtenswerter erscheint als das anderer? Und welche Verantwortung tragen Medien, wenn sie durch die Auswahl und Gewichtung von Ereignissen mitbestimmen, welches Leid öffentliche Empörung hervorruft und welches weitgehend unbeachtet bleibt?
Es sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt, die aber umso dringlicher gestellt werden müssen. Gerade deshalb gehört es zu den essenziellen Aufgaben eines verantwortungsvollen Journalismus, menschliches Leid unabhängig von geografischen, politischen oder ideologischen Zugehörigkeiten wahrzunehmen und dabei auch die eigenen Gewissheiten einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
Zwei Journalistinnen, zwei Perspektiven
Mit Sarah Maria Sander wurde in diesem Jahr eine Journalistin ausgezeichnet, die insbesondere nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 die Berichterstattung über Israel kritisch hinterfragt hat. Angesichts einer medialen Darstellung, die sie vielfach als verzerrt, einseitig oder unzureichend empfand, entschied sie sich, selbst nach Israel zu reisen. Seither versucht sie mit Reportagen, Interviews und Filmen, ein differenzierteres Bild des Landes und seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit zu vermitteln.
Ihre Arbeit erinnert an eine journalistische Selbstverständlichkeit, die im politischen Meinungskampf erstaunlich leicht verloren gehen kann. Denn wer über ein Land berichtet, sollte sich zunächst einmal dafür interessieren, wie es dort tatsächlich aussieht. Das klingt banal, ist es aber offenbar nicht. Denn zwischen der Wirklichkeit eines Landes und den Vorstellungen, die sich andernorts über dieses Land verfestigt haben, können beträchtliche Unterschiede bestehen. Die Laudatio auf Sander hielt der Journalist und Buchautor Tobias Huch.



Die zweite Preisträgerin, Andrea Schurian, gehört seit Jahrzehnten zu den profilierten Stimmen des österreichischen Kulturjournalismus. Nach ihrer Tätigkeit beim ORF leitete sie von 2008 bis 2017 das Kulturressort der Tageszeitung Der Standard und war Chefredakteurin des jüdischen Magazins NU. Seit 2018 schreibt sie für Die Presse ihre Kolumne »Quergeschrieben«.
Schon dieser Titel verrät einiges über ihr journalistisches Selbstverständnis. Schurian beschäftigt sich mit gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, widerspricht politischen Gewissheiten und setzt sich in ihren Texten immer wieder mit Antisemitismus und Israelhass auseinander. Ihre Kolumnen stehen für eine Form der Publizistik, die nicht auf die möglichst reibungslose Bestätigung vorgefertigter Meinungen abzielt, sondern auf deren kritische Befragung. Die Laudatio auf Andrea Schurian hielt Almuth Spiegler, Co-Leiterin des Feuilletons der Presse.



Über die Wirklichkeit und ihre medialen Verzerrungen
Abgerundet wurde die Preisverleihung in diesem Jahr durch eine Diskussionsrunde, moderiert von Danielle Spera. Gemeinsam mit den beiden Preisträgerinnen diskutierten der wissenschaftliche Leiter von Mena-Watch, Florian Markl, und Chefredakteur Alexander Gruber über die mediale Berichterstattung zu Israel und die Frage, wie aus politischen Deutungsmustern vermeintlich unumstößliche Wahrheiten werden.
Dabei ging es um vorherrschende Narrative, die in Redaktionen mitunter so selbstverständlich übernommen werden, dass ihre Überprüfung offenbar als entbehrlich erscheint. Um verkürzte Darstellungen, ideologische Vorannahmen und haarsträubende Falschmeldungen, die selbst in renommierten internationalen Medien wie der New York Times ihren Weg in die Berichterstattung finden und erst nachträglich korrigiert werden müssen. Dass auch journalistisches Renommee nicht vor Fehlern schützt, ist dabei ebenso festzuhalten wie die Tatsache, dass bestimmte Behauptungen offenbar besonders bereitwillig geglaubt werden, sobald sie sich in ein bereits etabliertes Bild Israels einfügen.
Doch die Diskussion beschränkte sich keineswegs auf die Verantwortung der Medien. Auch Universitäten und Lehrpersonal gerieten in den Blick. Denn antisemitische Ressentiments und verzerrte Vorstellungen über Israel entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden gesellschaftlich vermittelt, akademisch mitunter legitimiert und durch institutionelle Autorität verstärkt. Wenn politische Überzeugungen als wissenschaftliche Erkenntnisse dargestellt und von Medien unkritisch übernommen werden, verschwimmen die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Forschung, persönlicher Meinung und journalistischer Berichterstattung.



Eine besondere Freude bereitete in diesem Jahr zudem der Besuch zweier Gäste, die dank des Mena-Watch-Gewinnspiels nach Wien reisen konnten. Die Gewinnerin hatte den Ausgang der israelischen Parlamentswahl richtig vorausgesagt und durfte gemeinsam mit ihrer Begleitung an der Preisverleihung teilnehmen. Und es sind eben auch solche Begegnungen, die einen Abend wie diesen ausmachen. Denn bei aller Ernsthaftigkeit der behandelten Themen soll eine Preisverleihung schließlich nicht ausschließlich aus Reden über die Zumutungen der Gegenwart bestehen. Sie ist ebenso eine Gelegenheit zum Austausch, zur Begegnung und vielleicht auch dazu, für einige Stunden jene Form von Geselligkeit zu erleben, die im öffentlichen Diskurs bisweilen etwas zu kurz kommt.
