Warum der Besuch des schiitischen Premierministers aus dem Irak beim sunnitischen Präsidenten in Syrien als besonderes Zeichen gewertet werden muss.
Wenn der irakische Premierminister den syrischen Präsidenten in Damaskus besucht, so handelt es sich um alles andere als einen normalen Staatsakt. Beide Länder standen sich in den vergangenen Jahrzehnten feindlich gegenüber, obwohl sie jeweils von panarabischen Baath-Diktaturen regiert wurden, die inhaltlich viele Gemeinsamkeiten teilten. Während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren war Syrien sogar als einziges arabisches Land mit dem Iran verbündet.
Damaskus ist die ehemalige Hauptstadt des Umayyaden-Reiches, Bagdad die der Abbasiden, und zwischen beiden herrschte schon damals eine tiefe Feindschaft. Mehr noch: Die Umayyaden-Moschee in Damaskus ist auch ein Symbol für den sunnitischen Islam und seinen Herrschaftsanspruch. Der Irak beherbergt im Gegenzug die heiligen Städte des schiitischen Islam.
Als Ahmed al-Shara, der heutige Präsident Syriens, noch den Kampfnamen al-Julani trug und für al-Qaida im Irak kämpfte, spielten all diese historischen Bezüge auch eine Rolle. Denn sowohl al-Qaida als auch später der Islamische Staat (IS) verstanden und verstehen sich ja als genuin sunnitisch-jihadistische Organisationen, die im Irak nicht nur Amerikaner und Ungläubige, sondern eben auch Schiiten bis aufs Messer bekämpfen. Dafür diente Syrien unter Assad ihnen lange als Transit– und Rückzugsland.
Umgekehrt galt, so absurd dies klingen mag, das Assad-Regime vielen Schiiten als enger Verbündeter, denn sie rechnen die Alawiten zu den ihren. Entsprechend erhielt Assad dann im Kampf gegen die syrische Opposition nach 2011 nicht nur massive Unterstützung aus dem Iran, sondern auch von irakischen schiitischen Milizen und der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon. So verwandelte sich der Bürgerkrieg in Syrien schnell auch in einen konfessionellen, in dem sich Sunniten und Schiiten an verschiedenen Fronten gegenüberstanden.

Besonderes Zeichen
Vor diesem Hintergrund ist der Staatsbesuch des irakischen Premiers und Schiiten Ali al-Saidi beim sunnitischen Präsidenten Syriens als hochsymbolischer Akt zu werten, der auch dazu dient, alte Feindschaften beizulegen und ein neues Kapitel in den gegenseitigen Beziehungen zu eröffnen. Dass er gemeinsam mit al-Sharaa dann auch die Umayyaden-Moschee besuchte, dort betete und sogar Geld für ihren Erhalt spendete, muss deshalb als ganz besonderes Zeichen gewertet werden.
Kaum ein Konflikt hat den Nahen Osten so nachhaltig geprägt und so tiefe Wunden gerissen wie der zwischen Sunniten und Schiiten. Mit dieser Annäherung zwischen Syrien und dem Irak könnte deshalb ein neues Kapitel mit viel weitreichenderen Folgen aufgeschlagen werden. Möglich ist dies auch durch eine Art »Normalisierung«. Schließlich regierte mit Saddam Hussein jahrzehntelang ein Sunnit Bagdad; die alawitischen Assads dagegen Damaskus. Seit deren Sturz ist sozusagen wieder die »richtige Ordnung« in der Region eingekehrt, was auf beiden Seiten zu entsprechendem Selbstbewusstsein führt.
Die große Frage ist nun, ob al-Sharaa dem Irak bald einen Gegenbesuch abstattet – diesmal nicht als Terrorist, sondern Staatschef – und dann seinerseits auch in die heiligen Städte der Schiiten, Nadschaf und Kerbala fährt, um dort in einer Moschee zu beten.

