Wie der scharfe Kritiker des Antizionismus, Jean Améry, heute als Namensgeber missbraucht wird, um mit öffentlichen Geldern Hass auf Israel zu schüren
Marlene Gallner
Vor zwei Jahren gründete sich in Wien die Internationale Jean Améry-Gesellschaft. Laut eigenen Angaben hat sie das Ziel, »das geistige Erbe dieses bedeutenden Denkers lebendig zu halten und die wissenschaftliche wie gesellschaftliche Beschäftigung mit seinem Denken im europäischen Kontext zu vertiefen.« Dass sie dies jedoch keineswegs im Sinne Jean Amérys tut, sondern ihn lediglich als Namensgeber für eine eigene Agenda missbraucht, zeigte sich nun sowohl im ersten Band der Schriftenreihe der Améry-Gesellschaft als auch in der ersten Jean-Améry-Lecture, die am 15. Oktober 2026 in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Literatur stattfand.
Eingeladen war Susan Neiman, die unter dem angekündigten Titel »Jean Améry, Aufklärer« eigentlich über seine philosophischen Aufsätze zu sprechen vorgab. Letztlich dienten diese aber nur als Sprungbrett, um den Vortrag in der Diffamierung Israels münden zu lassen. Wer heute an der Seite Israels stehe, den nehme sie als »Heuchler« wahr, so Neiman. Auch dass sie als amerikanisch-israelisch-deutsche Philosophin vorgestellt wurde – was ihren Ausführungen wohl Legitimität verleihen sollte – änderte nichts daran, dass Neiman das Werk Amérys bis zur Unkenntlichkeit verzerrte.
Widerwillige Lektüre
Neiman gab selbst zu, dass es sie Überwindung gekostet habe, sich mit Amérys Essays, die er in den 1960er und 70er Jahren über den aufflammenden Antizionismus in der deutschen Linken geschrieben hatte, zu beschäftigen. »Ich zwang mich dazu, widerwillig, sieben Aufsätze zu lesen«, sagte sie in ihrem Vortrag. Diese Aussage macht aus zweierlei Gründen stutzig.
Zum einen verwundert es, dass eine Rednerin für die erste Jean-Améry-Lecture eingeladen wurde, die wesentliche Teile von Amérys Werk nicht nur zuvor nicht gekannt hatte, sondern diese nur mit Wiederwillen überhaupt anschauen wollte. Zum anderen deutet ihre Aussage darauf hin, dass Neiman den 2024 bei Klett-Cotta erschienen Band »Der neue Antisemitismus« gelesen hat, der seinerseits mit bloß sieben Essays bereits einen verkürzten und tendenziösen Ausschnitt aus Amérys Schriften lieferte.
Dabei gelang es wohl kaum jemandem so scharfsinnig wie Jean Améry, zu zeigen, wie der Antizionismus nach dem Holocaust zur gefährlichsten – weil moralisch geadelten – Form des Antisemitismus werden konnte und warum das Engagement für Israel keine freiwillige Entscheidung ist. Gerade die Aufsätze, in denen er dies am prägnantesten ausführt, hat Klett-Cotta 2024 weggelassen. Bis heute gibt es Amérys Beiträge zum Thema auf Deutsch nicht in einem Buch versammelt, sondern nur über verschiedene Bände der Gesammelten Werke verteilt.
Ob das Weglassen durch den Verlag Absicht war – womöglich um mehr Bücher verkaufen zu können – oder Unaufmerksamkeit, kann hier nicht beantwortet werden. Klar ist aber, dass der Klappentext des Buches damit wirbt, dass Amérys »Solidarität [mit Israel] jedoch nicht bedingungslos« gewesen sei – eine Behauptung, die nachgerade ignorant ist. Neiman übernahm diese Behauptung für ihren Wiener Vortrag und bestätigte damit, was schon lange vor der Lektüre von Amérys Essays ihre politische Agenda gewesen ist: nämlich die Verleumdung Israels, wie Mena-Watch bereits im Jahr 2022 dokumentierte. Offenbar hatte sie sich nie wirklich mit dem umfassenden Werk und Leben des Autors auseinandergesetzt.
Keine freie Wahl
Améry wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Wien geboren, war bereits in den 1930er Jahren schriftstellerisch tätig, musste als Jude jedoch vor den Nationalsozialisten ins Ausland fliehen und das Schreiben aufgeben. Aus seinem belgischen Exil wurde er von den deutschen Besatzern 1944 nach Auschwitz deportiert und, als die Rote Armee näher rückte, westwärts in weitere Konzentrationslager verschleppt. Nach seiner Befreiung durch britische Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen verdiente er sein bescheidenes Auskommen durch Auftragsarbeiten. Er konnte es sich finanziell nicht leisten, eigene Texte für die Schublade zu verfassen.
Dies änderte sich erst in den 1960er Jahren, als durch den Eichmann-Prozess in Jerusalem und die Frankfurter Auschwitzprozesse das Thema der nationalsozialistischen Judenvernichtung in der westdeutschen Öffentlichkeit zur Sprache gebracht wurde und erstmals die Möglichkeit bestand, ein Publikum für seine Reflektionen über die Erfahrung als jüdisches Naziopfer zu finden.
Tatsächlich waren seine autobiographischen Essays, die 1966 als »Jenseits von Schuld und Sühne« erschienen, ein so großer Erfolg, dass Améry fortan auch eigene Analysen des Zeitgeschehens publizieren konnte. In diesem Zusammenhang schrieb er von Anfang an, und zwar von 1966 bis zu seinem Tod 1978, gegen den wiedererstarkenden Antisemitismus an, der sich nun vor allem in der Linken, seiner einstigen politischen Heimat, im »ehrbaren« Gewand des Antizionismus manifestierte.
Ein wichtiger Essay, der in dem Band von 2024 nicht abgedruckt wurde, ist Amérys »Zwischen Vietnam und Israel. Das Dilemma des Engagements«. Darin argumentiert er, dass die Unterstützung Israels nicht – wie etwa der Protest gegen den Vietnamkrieg – als politisches Anliegen frei gewählt werden kann. Aufgrund der Todesdrohung, die im Antisemitismus immer schon enthalten ist – denn für den Antisemiten hat der Jude keinen Platz in der Welt – braucht es einen jüdischen Nationalstaat als Schutzraum.
Améry schrieb ausdrücklich davon, dass es angesichts der Gefahr, der Israel ausgesetzt ist, keine freie Wahl gibt, für oder gegen oder einfach nicht für Israel Partei zu ergreifen. Das Engagement für Israel ist das Ergebnis eines »unausweichlichen Zwanges«. Davon könnte die Aussage, Amérys Solidarität sei nicht bedingungslos gewesen, kaum weiter entfernt sein.
Schreiben ins Leere
Es stimmt, dass sich Améry in seinem Aufsatz »Grenzen der Solidarität«, aus dem Neiman in ihrem Vortrag isolierte Passagen gegen Israel in Anschlag gebracht hat, besorgt zeigte über »mir unklare und, zugegeben, unzureichende Berichte … über angeblich systematische Anwendung der Tortur gegenüber arabischen Häftlingen«.
Weil er sich als selbst der Tortur zum Opfer Gefallener, in jeden, der gefoltert wird, hineinversetzen könne, schrieb er, dass die »Chiffre ›Mensch‹« in seinem Wertesystem höher stehe als der »Begriff ›Jude‹«. Er sah also, für einen Moment, von der Besonderheit des Antisemitismus ab, der Juden aus einer allgemeinen Menschheit de facto ausschließt. Wie Gerhard Scheit, Mitherausgeber der Gesammelten Werke Amérys, deutlich machte, muss Amérys Rückzug auf einen abstrakten Universalismus an dieser Stelle im Zusammenhang mit der »eigenen, immer schwieriger werdenden Lage innerhalb der deutschsprachigen Öffentlichkeit« gesehen werden. Denn er schrieb ins Leere. Es gab kein Ankommen gegen den Zeitgeist.
Améry adressierte seine Texte insbesondere an die politische Linke, der er sich selbst lange zugehörig fühlte, um ihr schonungslos vor Augen zu führen, dass sie durch ihren Antizionismus ihre eigenen Prinzipien verriet – in der Hoffnung, sie möge sich besinnen. Seine Kritik fiel jedoch auf taube Ohren. So kam es, dass er in »Grenzen der Solidarität« der Linken und ihrem Denken entgegenkam – nur, um abermals ignoriert zu werden. In einem Interview mit dem Journalisten Christian Schultz-Gerstein erklärte Améry:
»In Deutschland hat mich auch die Linke sehr enttäuscht, und da bin ich nun persönlich sehr betroffen, und diese Enttäuschung hängt sehr mit suizidären Stimmungen zusammen. Der ganz unreflektierte und rabiate Anti-Israelismus, das gehört schon zum guten Ton, das ist so selbstverständlich wie das Klassenbewußtsein, daß Israel ein Vorposten des Imperialismus ist und zerstört werden muß. … Ich fühle mich diesem Staat Israel sehr verbunden, weil ich das Schicksal derer gekannt habe, die eben keine solche Zufluchtsstätte hatten. … Aber es ist bei der Linken ausgeschlossen, darüber nur ein Wort zu reden.“
Die »suizidären Stimmungen« sollten nicht nur Stimmungen bleiben. 1978 nahm sich Améry in einem Hotelzimmer in Salzburg das Leben. Dabei bekräftigte er in seinem Todesjahr noch einmal die bedingungslose Parteinahme für Israel – übrigens in einem Text, der im Klett-Cotta Band ebenfalls ausgespart wurde: »Mit Israel solidarisch sein heißt für mich, den toten Kameraden die Treue bewahren.«
Und heute, in einer Zeit, in der auf den Straßen Europas unverhohlen zur globalen Intifada aufgerufen wird und sich die Zahl der antisemitischen Übergriffe auf einem neuen Rekordhoch befindet, hält Susan Neiman einen Vortrag, in dem sie Amérys Kritik des Antizionismus nicht nur nicht wahrnimmt, sondern in seinem Namen genau das betreibt, wogegen er angeschrieben hatte: die Diffamierung Israels als jüdischer Nationalstaat.
Mit Améry gegen Améry
Neimans Äußerungen wirken allerdings beinahe harmlos im Vergleich zur Dankesrede des niederländischen Publizisten Geert Mak, der den »Jean Améry-Preis für europäische Essayistik« erhalten hat. In seiner Rede, die im gerade erschienenen ersten Band der Schriftenreihe der Améry-Gesellschaft abgedruckt ist, erklärt Mak, Israel ergehe sich in einer bis heute andauernden »Orgie des Todes«.
Die Dankesrede endet mit einer Behauptung, die an Totenschändung grenzt. Mak postuliert, Améry habe sich das Leben genommen, nicht, weil er sich von seinen linken Verbündeten verraten fühlte, sondern angeblich, weil Israel damals »keine Barmherzigkeit, keinen Trost, keine Erlösung« bot. Améry selbst hatte die israelische Kampfmoral seinerzeit nüchtern wie folgt festgehalten: »I don’t like to fight. But I want to live – so I shall fight.« Alles Übrige entspringt der Fantasie von Geert Mak.
Früher, als der Jean Améry-Preis für Essayistik noch von einem anderen Gremium vergeben wurde, hatte er Preisträger wie Imre Kertész. Dieser schrieb einmal sarkastisch davon, dass je mehr Gedenkstätten errichtet werden, desto weniger der Holocaust begriffen wird. Ähnlich kann man heute sagen, je mehr Preisgelder aufgestellt und neue Gesellschaften gegründet werden, desto weniger wird begriffen, wogegen Améry anschrieb.
Wer sich ernsthaft mit dem Denken Amérys beschäftigt hat, wird erschrocken sein, wie sehr dieses von der Internationalen Jean Améry-Gesellschaft heute verdreht wird – und zwar genau in die Richtung, vor der Améry zu Lebzeiten eindringlich gewarnt hat.
Marlene Gallner ist die Herausgeberin von »Jean Amérys Essays on Antisemitism, Anti-Zionism, and the Left« und hat über Amérys Werk international zahlreiche Vorträge gehalten und Buch- wie Zeitschriftenbeiträge veröffentlicht. Sie war Mitglied im Beirat der Améry-Gesellschaft und ist aufgrund der hier gezeigten Verfälschung von Amérys Werk ausgetreten.
