Unheilige Allianz: Drogendeals, Dschihad und Mafia

Mafia und Dschihad: Nach den Ausschreitungen in Mailand patrouilliert nun das Militär in der italienischen Stadt
Nach den Ausschreitungen in Mailand patrouilliert nun das Militär in der italienischen Stadt (© Imago Images Anadolu Agency)

Wenn über Islamismus diskutiert wird, schaut die Politik meist auf ideologische Netzwerke und selbstradikalisierte Jugendliche. Ein entscheidender Machtfaktor bleibt leider im Schatten: die organisierte Kriminalität. Neue Enthüllungen aus Italien belegen nun, wie tief die Verflechtungen zwischen Mafia-Clans und Terrorstrukturen reichen.

Die jüngsten Krawalle in Italien, parallel zu den schweren Ausschreitungen mitten im Pariser Stadtzentrum, haben erneut Sorgen über die Gewalt auf Europas Straßen entfacht. Mailand hat es besonders hart erwischt: brennende Autos, verwüstete Luxusläden, fliegende Kopfsteinpflaster und gezielte Angriffe auf die Carabinieri. In der norditalienischen Wirtschaftsmetropole wurden am vergangenen Wochenende rund 270 mutmaßliche Randalierer festgenommen.

Erschütternd dabei: Rund achtzig Prozent von ihnen waren Minderjährige, oft mit migrantischem Hintergrund. Ein Teil dieser gewalttätigen Jugendlichen wird in italienischen Medien der sogenannten Maranza zugeordnet – einer Jugendsubkultur der zweiten Einwanderungsgeneration mit teils nordafrikanischen Wurzeln, die in ihrer Attitüde und Dynamik der deutschen Talahon-Szene entspricht.

Als Reaktion auf die Ausschreitungen plant die Regierung unter Giorgia Meloni drastische Schritte wie die Entsendung von fünfhundert zusätzlichen Soldaten und eine Verschärfung des Strafrechts. Doch die politische Diskussion greift zu kurz, wenn sie starr auf die Oberflächenphänomene blickt. Denn Straßenkrawalle und internationaler Terrorismus entspringen oft demselben darunterliegenden Nährboden: der organisierten Kriminalität.

Der Anfangsverdacht

Lange wurde in Medienkreisen gemunkelt, es gebe einen Grund dafür, warum Italien von verheerenden Terrorangriffen verschont blieb. The Guardian stellte im Jahr 2017 ganz offen die Frage nach dem Weshalb und Warum, was viele italienische Politiker zunächst lieber nicht beantworten wollten, da dies auf ein hausgemachtes Problem hindeutete. Kurze Zeit später sprach dann Al Arabiya English – die englischsprachige Online-Nachrichtenplattform des staatlich unterstützten saudi-arabischen Nachrichtensenders Al Arabiya – dann ein brisantes Bündnis an und zitierte dabei Italiens damaligen Anti-Terror- und Anti-Mafia-Chef Franco Roberti.

Schon damals betonte Roberti, dass der internationale Terrorismus sich durch mafia-typische Verbrechen finanziere. Dazu zählen Drogenhandel, Schmuggel von Konsumgütern, Öl, Kunst und Archäologie sowie Erpressung und Entführung. Gerade in diesen illegalen Geschäften entwickelten sich Mafia und der IS schrittweise von Konkurrenten zu Komplizen. Es lohnt sich wohl auch, einen der Partner aus der unheiligen Allianz selbst zu zitieren. In dem IS-Propagandabuch »Black Flags from Rome« wird die Unterstützung durch die Mafia als Schlüssel für das Vordringen der Terrororganisation in Italien beschrieben: »Die Mafia hat eine starke Präsenz in Italien. Sie besitzt die stärkste Miliz und nutzt die Schwäche der italienischen Regierung aus. Zudem hat die Mafia Zugang zum Schwarzmarkt für Drogen und Waffen.«

In der Dekade seit diesen ersten Erkenntnissen zeigt sich, dass die Deals und der Dschihad weiter wie ein Räderwerk funktionieren. Wie tief verwoben die pragmatischen Allianzen zwischen Mafia und Islamisten im Drogen- und Waffenschmuggel sind, belegten im Mai 2026 Recherchen von RaiNews: Von der ’Ndrangheta bis zur Camorra dienen die Clans Gruppen wie der Hisbollah oder dem IS als logistische Dienstleister für gefälschte Pässe, Geldwäsche und Waffenlieferungen über Häfen wie Gioia Tauro.

Über den kalabrischen Hafen wird auch der illegale Handel mit Captagon abgewickelt. Die Amphetamin-Droge zählt heute zu den am weitesten verbreiteten illegalen Substanzen im Nahen und Mittleren Osten sowie im Mittelmeerraum. Auf dem Schwarzmarkt handelt es sich meist um gefälschte Pillen mit den charakteristischen zwei Halbmonden.

Geheimdienstakten offengelegt

Den Recherchen von RaiNews folgte knapp fünf Monate später eine Enthüllung von historischer Dimension: Am 15. Oktober 2026 veröffentlichte il Giornale deklassifizierte Geheimdienstakten, die das Ausmaß der Verbindungen freilegten. Das Material belegt eine tief verflochtene Kooperation bei Waffen-, Drogen- und Finanzströmen sowie den Austausch von Bombenexpertise.

Eine Zusammenarbeit zwischen der palästinensischen Terrororganisation von Abu Nidal und der sizilianischen Cosa Nostra fand bereits in den 1980er-Jahren statt. Abu Nidals Gruppe (ANO) war eine primär nationalistische, säkulare und extrem radikale linke Splittergruppe der PLO, die in enger Verbindung mit verschiedenen Akteuren im Nahen Osten agierte. Die freigelegten Geheimdienstakten – darunter Berichte der Carabinieri von 1983 sowie Memoranden bis 1990 – enthüllen ein rein geschäftliches Netzwerk zwischen Europa und dem Nahen Osten. Dessen Epizentrum lag in den 1980er-Jahren in der libanesischen Bekaa-Ebene: Unter starkem syrischem Einfluss betrieben sizilianische Mafia-Familien wie die Clans Greco und Gambino dort Labore zur Drogenverarbeitung, wo die Interessen des organisierten Verbrechens und der Terroristen direkt aufeinandertrafen.

Ferner belegen die Dokumente klassische Waffen-gegen-Drogen-Deals. Die Mafia kaufte im Libanon riesige Mengen Morphinbase für den Heroinschmuggel – wie eine dokumentierte Lieferung von neunhundert Kilogramm nach Catania im Oktober 1983 – und versorgte die Terrornetzwerke im Gegenzug mit Geld und AK-47-Sturmgewehren. Darüber hinaus belegen die Akten einen Transfer von Terror-Know-how: Beim Autobomben-Attentat auf den Mafia-Ermittler Rocco Chinnici am 29. Juli 1983 nutzte die Mafia Fernzündungsmethoden, die laut Informanten exakt jenen palästinensischer Milizen glich. Finanzmemoranden von 1990 warnen zudem vor Transaktionen über arabische Banken in Italien, über die Gelder aus dem Nahen Osten gezielt für Drogenkäufe flossen.

Antimafia-Ermittler wie Vincenzo Macrì erklären die Arbeitsteilung: Islamistische Netzwerke kontrollieren die nordafrikanischen Schmuggelrouten, während die ’Ndrangheta und die neapolitanische Camorra die europäische Logistik übernehmen. Bei der selektiven Zusammenarbeit handelt es sich um ein Zweckbündnis. Die Mafia verdient Geld, während die Islamisten Italien als logistische Ruhezone nutzen, um gefälschte Dokumente zu beschaffen, Gelder zu waschen und Untergetauchte zu schleusen. Wie gut dieser Rückhalt im Verborgenen funktionierte, zeigte der Fall des tunesischen Terroristen Anis Amri: Bevor er 2016 den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verübte – bei dem auch die Italienerin Fabrizia Di Lorenzo ihr Leben verlor –, griff er auf dieses Netzwerk in Italien zurück.

Das Kalkül der Hintermänner

Die Mafia führt die Partnerschaft unter der strikten Bedingung fort, dass es keinen Terroranschlag auf italienischem Boden gibt. Denn solche würden den Staat zwingen, Militär und Sondereinheiten der Polizei auf den Plan zu rufen, was durch Razzien und totale Überwachung die Kernaktivitäten der Mafia (wie den Drogenhandel) empfindlich störte oder gar zum Erliegen brächte. Moralische Überlegungen spielen dabei keine Rolle.

Inwieweit dieses menschenverachtende Bündnis auch die gewaltsamen, pro-palästinensischen Straßenproteste instrumentalisiert, bleibt eine interessante Frage – und eine Denksportaufgabe für Schutzgelderpresser. Nicht minder spannend ist, ob selbstradikalisierte Jugendliche die Partnerschaft sabotieren. Wer den islamistischen Terrorismus nachhaltig austrocknen will, muss jedenfalls die Werkzeuge der Anti-Mafia-Bekämpfung konsequent anwenden. Es gilt, Finanzströme offenzulegen, Schmuggelnetze zu zerschlagen und die kriminellen Infrastrukturen im Hintergrund entschieden zu isolieren.

Arafats Tagebücher enthüllen Stillhalte-Deal zwischen PLO und Italien

„Am Sonntag enthüllte die italienische Wochenzeitschrift L’Espresso die 19-bändigen Tagebücher, die vom früheren Führer der Palästinensischen Autonomiebehörde Jassir Arafat im Laufe von fast 20 Jahren verfasst wurden. Sie werfen ein neues Licht auf die Persönlichkeit und das Leben des ehemaligen Vorsitzenden der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). (…) Der von Lirio Abbate…

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