»Großbritannien ist zu einem schrecklichen Land geworden, um dort Jude zu sein«

Julie Burchill im Mean-Watch-Interview: »Großbritannien ist zu einem schrecklichen Land geworden, um dort Jude zu sein«
Julie Burchill im Mean-Watch-Interview: »Großbritannien ist zu einem schrecklichen Land geworden, um dort Jude zu sein« (© Mei Jennings)

Im Gespräch mit Elisa Mercier kritisiert die britische Journalistin und Autorin Julie Burchill die Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus durch die britischen Grünen. Sie spricht über islamistischen Antisemitismus, die blinden Flecken der britischen Linken und die zunehmende Ausgrenzung von Juden in Großbritannien.

Elisa Mercier (EM): Sie haben den Antisemitismus und die blinden Flecken der britischen Linken wiederholt scharf kritisiert. Wie hat sich der Antisemitismus im Vereinigten Königreich in den vergangenen Jahren verändert?

Julie Burchill (JB): Früher war Antisemitismus im Vereinigten Königreich im Allgemeinen eine Sache der Rechten, heute ist er eher eine Sache der Linken – ich habe dafür den Begriff »Fresh’n’funky-Antisemitismus« geprägt. Je jünger eine Altersgruppe ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie Juden nicht mag.

Islamismus als treibende Kraft

EM: Wenden wir uns der britischen Grünen Partei zu: Wie beurteilen Sie ihre jüngste Entscheidung, Zionismus mit Rassismus gleichzusetzen? Was sagt diese Entscheidung über den Umgang der britischen Linken mit Antisemitismus aus?

JB: Es ist schrecklich, so etwas über Millionen von Menschen weltweit und Zehntausende meiner Landsleute sagen zu müssen, aber ich glaube, dass manche Menschen Hass brauchen. Wir haben gesehen, dass die Linke – trotz ihrer Rhetorik von der Brüderlichkeit aller Menschen – genauso zu Hass fähig ist wie die Rechte. So viele Minderheitengruppen dürfen nicht gehasst werden – etwa aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Sexualität. Doch die Juden sind immer ein bequemes Ziel, weil es so wenige von ihnen gibt und sie historisch gesehen – in der modernen Welt – kein aggressives Volk waren.

Feiglinge greifen sie deshalb gerne an, weil sie nicht befürchten müssen, dass die Juden auf sie losgehen, wie es ihrer Ansicht nach empörte Muslime tun würden. Juden vertrauen auf das Gute in den Ländern, zu deren Entwicklung sie beigetragen haben, und glauben nie ganz daran, dass aus Worten tatsächlich Taten werden. Ich denke, die weltweite Empörung über Israel rührt daher, dass Juden es wagen, sich zu wehren. Eigentlich, so denken manche wohl, sollen sie sich einfach in ihr Schicksal ergeben und ihrer Auslöschung entgegengehen.

EM: Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen islamistischen Ideologien und Antisemitismus im Vereinigten Königreich, und wie gehen die maßgeblichen britischen Parteien mit diesem Problem um?

JB: Der Islamismus ist heute im Vereinigten Königreich die treibende Kraft hinter dem Antisemitismus. Wenn es nicht so viele extremistische Muslime gäbe, hätten wir dieses schreckliche Problem nicht, von dem wir alle angenommen hatten, es sei ein für alle Mal überwunden. Nur die Konservativen scheinen sich dafür zu interessieren. Die Führungen der anderen Parteien schert es überhaupt nicht, obwohl es in allen Parteien anständige Menschen gibt – sogar bei den Grünen –, die sich von der unterwürfigen Werbung um antisemitische Wähler abgestoßen fühlen. Politiker wägen die Stimmen ab – und muslimische Wähler gibt es sehr viel mehr als jüdische Wähler.

Sonderrolle für Juden

EM: Wird von britischen Juden zunehmend erwartet, sich vom Zionismus zu distanzieren, um politisch akzeptiert zu werden?

JB: Niemand verlangt von muslimischen Mitgliedern der Grünen, ihre Unterstützung für die Gleichberechtigung der Geschlechter und Transrechte zu beschwören oder sich von ihren muslimischen Herkunftsländern zu distanzieren, in denen es keine Religionsfreiheit gibt und Frauen sowie homosexuelle Menschen unterdrückt werden. Einmal mehr gelten für Juden Sonderregeln – gestützt auf die Einschüchterung einer friedfertigen und zahlenmäßig sehr kleinen Minderheit.

EM: Warum fällt es bestimmten Teilen der britischen Linken so schwer, Antisemitismus in den eigenen Reihen zu erkennen und konsequent zu bekämpfen?

JB: Weil ich glaube, dass sie einen Kick dabei verspüren – in manchen Fällen sogar einen sadistischen sexuellen Kick. Immer wieder komme ich auf dieses Zitat von Aldous Huxley aus seinem Buch »Crome Yellow« zurück: »Der sicherste Weg, eine Kreuzzugsbewegung für eine gute Sache in Gang zu setzen, besteht darin, den Menschen zu versprechen, dass sie dabei Gelegenheit haben werden, jemanden zu misshandeln. Mit gutem Gewissen zerstören zu können, sich schlecht benehmen und dieses schlechte Benehmen als ›gerechte Empörung‹ bezeichnen zu können – das ist der Gipfel psychologischen Luxus, der köstlichste aller moralischen Genüsse.«

EM: Welche konkreten Maßnahmen sollten die Grünen und andere britische Parteien ergreifen, um jüdische Menschen wirksam vor Antisemitismus zu schützen?

JB: Das werden sie nicht tun, weil sie es nicht wollen. Vielleicht wird sich das ändern – aber ich bin nicht optimistisch. Großbritannien ist zu einem schrecklichen Land geworden, um dort Jude zu sein – und ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde. Früher war ich ziemlich stolz auf mein Land. Das bin ich nicht mehr.

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