Wenn der Krieg nicht endet: Ein tödlicher Schulausflug im Norden Israels

Wanderer in Obergaliläa im Norden Israels
Wanderer in Obergaliläa im Norden Israels (© Imago Images Dreamstime)

Bei einem Schulausflug tötete ein nicht detonierter Sprengkörper der Hisbollah in in Nordisrael einen 13-jährigen Schüler und verwundete weitere 24 Personen.

Ein Schulausflug in den Norden Israels sollte für eine Gruppe Jugendlicher eine willkommene Abwechslung vom Unterricht werden. Gemeinsam wandern, die Natur genießen und ein paar Tage außerhalb des Klassenzimmers verbringen. Doch am Montag, dem 12. Oktober, endete die Wanderung in einer Katastrophe. Ein zurückgebliebener Sprengkörper detonierte in unmittelbarer Nähe der Schüler. Ein 13-jähriger Junge kam ums Leben, 24 weitere Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

Der Vorfall ereignete sich auf dem Ramim-Höhenzug in Obergaliläa, unweit der Grenze zum Libanon. Die Gegend gehört zu jenen Regionen Israels, die in den vergangenen Jahren besonders stark unter dem Raketenbeschuss der libanesischen Terrororganisation Hisbollah gelitten haben. Nun zeigt sich, dass die Gefahr auch dort nicht verschwunden ist, wo längst wieder Wanderer unterwegs sind und der Alltag zurückgekehrt scheint.

Ein Jugendlicher, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte

Der getötete Schüler hieß Elazar Yair Wilensky. Er besuchte die neunte Klasse der religiösen ORT-Schule in Ma’alot und war das jüngste von fünf Kindern. Seine Familie beschrieb ihn als lebensfrohen, intelligenten Jungen, der von seinen Freunden geschätzt wurde. Neben der Schule begeisterte Elazar sich für den Fechtsport. Noch zwei Jahre zuvor hatte er zu den besten Nachwuchsfechtern seiner Altersgruppe in Israel gehört. Auch sein älterer Bruder Dov ist erfolgreicher Fechter und gilt als olympischer Hoffnungsträger.

Am Mittwoch wurde der Junge im Moschaw Hosen beigesetzt. Seine Mutter Yehudit erinnerte bei der Beerdigung daran, wie sehr ihr Sohn das Leben, die Natur und gemeinsame Ausflüge geliebt hatte. Freunde beschrieben ihn als einen Menschen, der andere zum Lachen brachte und überall Freude verbreitete. Für die Familie Wilensky bedeutete der Montag den Verlust eines Sohnes und Bruders. Für seine Mitschüler wurde aus einem gemeinsamen Ausflug ein traumatisches Erlebnis, dessen Folgen sie wohl noch lange begleiten werden.

Die Schüler waren am frühen Morgen zu einer dreitägigen Wanderung aufgebrochen. Ihre Route führte sie durch die Landschaft Obergaliläas, entlang des Israel National Trail, eines Fernwanderwegs, der sich durch das gesamte Land zieht. Während einer Pause nahe dem Aussichtspunkt Mitzpe Pe’er kam es zur Explosion. Nach bisherigen Erkenntnissen hatten mehrere Jugendliche einen ungewöhnlichen Gegenstand entdeckt, der sich später als vermutlich nicht detonierte Streumunition herausstellte.

Laut Aussagen eines Vaters, dessen Sohn an dem Ausflug teilgenommen hatte, sollen einige Schüler den Gegenstand aufgehoben, weitergereicht und Fotos gemacht haben. Möglicherweise wurde der Sprengkörper anschließend in einen Rucksack gesteckt. Die genauen Umstände werden weiterhin untersucht.

Was unmittelbar nach der Explosion geschah, schilderten Überlebende und Rettungskräfte als chaotisch. Jugendliche lagen verletzt auf dem Wanderweg, einige hatten schwere Splitterverletzungen erlitten. Andere versuchten, ihren Mitschülern zu helfen, noch bevor die ersten Rettungskräfte eintrafen. Mehrere Schüler legten improvisierte Druckverbände und sogenannte Tourniquets an, um lebensgefährliche Blutungen zu stoppen. Ein verletzter Jugendlicher, der selbst Splitterverletzungen am Bein erlitten hatte, rief seinen Vater per Videoanruf an. Dieser erklärte ihm, wie er seine Blutung abbinden konnte.

Die Verletzten wurden in mehrere Krankenhäuser im Norden Israels gebracht, darunter das Rambam-Krankenhaus in Haifa sowie Kliniken in Safed und Nahariya. Unter den Schwerverletzten befand sich auch ein 61-jähriger Lehrer, der operiert werden musste. Ein Arzt des Galilee Medical Center erklärte gegenüber der israelischen Nachrichtenseite Ynet, dass selbst kleinste Metallsplitter tief in den Körper eindringen und lebenswichtige Organe verletzen können. Der Sprengkörper sei zwar nur etwa so groß wie eine Getränkedose gewesen, habe jedoch enorme Zerstörungskraft besessen.

Die gefährlichen Hinterlassenschaften der Hisbollah

Nach ersten Untersuchungen der israelischen Armee handelte es sich bei dem Sprengkörper vermutlich um Streumunition, die von der Hisbollah während der Kämpfe aus dem Libanon abgefeuert worden war. Streumunition besteht aus größeren Geschossen, die zahlreiche kleinere Sprengkörper über ein weites Gebiet verteilen. Nicht alle dieser sogenannten Submunitionen explodieren beim Aufprall. Manche bleiben im Boden, zwischen Steinen oder in der Vegetation liegen. Sie können noch Jahre später durch Berührung oder Bewegung detonieren.

Während der jüngsten militärischen Auseinandersetzungen setzte die Hisbollah nach israelischen Angaben unter anderem Raketen ein, die zahlreiche kleine Sprengkörper über nordisraelischen Gebieten verteilten. Die Folgen sind schwer abzuschätzen.

Israelische Sicherheitsbehörden gehen laut einem Bericht der Times of Israel davon aus, dass sich möglicherweise Hunderte oder sogar Tausende nicht explodierte Kampfmittel im Land befinden. Sie stammen aus unterschiedlichen militärischen Auseinandersetzungen, darunter dem Raketenbeschuss aus dem Libanon und den Angriffen aus dem Iran. Besonders betroffen sind Gebiete, in denen Raketen niedergegangen sind oder militärische Stellungen während der Kämpfe angegriffen wurden. Die Gefahr ist dabei nicht immer sichtbar. Ein unscheinbarer Metallgegenstand am Wegesrand kann sich als tödliche Hinterlassenschaft eines Krieges erweisen.

Wer ist für die Sicherheit verantwortlich?

Besonders viele Fragen wirft die Organisation des Schulausflugs auf. Nach Angaben des israelischen Bildungsministeriums war die Wanderung ordnungsgemäß angemeldet und genehmigt worden. Dennoch ereignete sich die Explosion in einem Gebiet, in dessen Umgebung bereits seit längerer Zeit Warnhinweise auf Kriegsschäden aufmerksam machten. Der Jüdische Nationalfonds (KKL-JNF) hatte Teile des Naftali-Bergwalds bereits im Mai 2025 für Besucher gesperrt. Grund waren Schäden durch den Krieg sowie notwendige Wiederherstellungsarbeiten. Entsprechende Warnschilder untersagten das Betreten bestimmter Waldgebiete und Wanderstrecken.

Recherchen von Ynetzeigen nun, dass es bei der Genehmigung des Schulausflugs möglicherweise zu einer folgenschweren Verwechslung gekommen sein könnte. In der betreffenden Region verlaufen zwei unterschiedliche Wege teilweise parallel zueinander. Einer davon ist der offiziell markierte Israel National Trail. Der andere ist eine landschaftlich reizvolle Straße mit der Bezeichnung 2051, die wegen Kriegsschäden weiterhin gesperrt ist. In den Genehmigungsunterlagen wurde die vorgesehene Route jedoch als »Israel Trail 2051« bezeichnet. Damit wurden offenbar die Namen zweier verschiedener Wege miteinander verbunden.

Erfahrene Wanderführer kritisierten gegenüber Ynet die widersprüchlichen Angaben. Wenn ein Weg genehmigt sei, während gleichzeitig eine Sperrung für eine ähnlich bezeichnete Route bestehe, müsse eindeutig festgelegt werden, welche Strecke tatsächlich benutzt werden dürfe. Das Bildungsministerium betont hingegen, dass die genehmigte Route nicht durch das gesperrte Gebiet geführt habe. Außerdem seien die Schüler ausdrücklich angewiesen worden, verdächtige Munition keinesfalls zu berühren. Ob die Gruppe von der vorgesehenen Strecke abwich, die Wegbeschreibung missverstanden wurde oder bereits bei der Genehmigung Fehler passierten, ist noch Gegenstand der Ermittlungen.

Die Tragödie hat eine Debatte ausgelöst, die weit über diesen einzelnen Schulausflug hinausgeht. Denn die Frage lautet nicht nur, warum sich Kinder in der Nähe eines gefährlichen Sprengkörpers aufhalten konnten. Es geht auch darum, wer in Israel eigentlich dafür verantwortlich ist, solche Kampfmittel zu finden und unschädlich zu machen.

Die Zuständigkeiten sind auf verschiedene staatliche Einrichtungen verteilt. Neben der Armee und der Polizei sind auch Stellen des Verteidigungsministeriums mit der Beseitigung explosiver Kampfmittel befasst. Doch nicht für jede Art von Munition gelten dieselben Zuständigkeiten. Besonders bei Geschossen, die von feindlichen Streitkräften abgefeuert wurden und nicht detonierten, bestehen offenbar Unklarheiten darüber, welche Behörde für die systematische Räumung verantwortlich ist.

Nach dem Unglück kündigte Polizeichef Daniel Levy eine Untersuchung an. Dabei soll auch geprüft werden, ob Schulausflüge in bestimmten Gebieten vorübergehend eingeschränkt werden müssen. Das Bildungsministerium sagte die für den 13. und 14. Oktober geplanten Schulwanderungen im Norden ab und kündigte an, die Sicherheitsvorschriften und Genehmigungsverfahren zu überprüfen. Die Armee wurde aufgefordert, weitere Wanderwege entlang der libanesischen Grenze auf zurückgebliebene Sprengkörper zu untersuchen.

Die Ermittlungen müssen nun klären, ob bestehende Vorschriften missachtet wurden oder ob das Unglück auf größere strukturelle Probleme bei der Absicherung ehemals umkämpfter Gebiete hinweist.

Wenn die Rückkehr zur Normalität zur Gefahr wird

Der Norden Israels hat in den vergangenen Jahren einen hohen Preis für die militärischen Auseinandersetzungen mit der Hisbollah bezahlt. Zehntausende Menschen mussten zeitweise ihre Häuser verlassen, zahlreiche Ortschaften wurden beschädigt, landwirtschaftliche Flächen konnten nicht mehr bewirtschaftet werden. Die Rückkehr der Bewohner war deshalb weit mehr als eine logistische Herausforderung. Sie bedeutete auch die Hoffnung, nach Monaten der Unsicherheit wieder ein normales Leben führen zu können. Schulen öffneten, Geschäfte nahmen ihren Betrieb wieder auf, Familien kehrten in ihre Häuser zurück. Auch die Naturgebiete Obergaliläas, die bei Israelis besonders beliebt sind, wurden zunehmend wieder als Ausflugsziele genutzt.

Wandern gehört in Israel zum gesellschaftlichen Alltag. Schulklassen verbringen regelmäßig mehrere Tage auf gemeinsamen Wanderungen, bei denen Naturerfahrung, Gemeinschaft und die Verbindung zum eigenen Land im Mittelpunkt stehen. Gerade deshalb trifft das Unglück vom Montag einen empfindlichen Punkt. Es zeigt, wie schwierig die Rückkehr zur Normalität sein kann, wenn die sichtbaren Zeichen des Krieges verschwinden, seine materiellen Hinterlassenschaften aber bleiben.

Für die Bewohner der Grenzregion ist die Gefahr nicht neu. Bereits im Oktober 2024 wurde ein thailändischer Landarbeiter in einem Obstgarten nahe dem Kibbuz Yir’on durch Munition getötet, die zuvor von der Hisbollah abgefeuert worden war. Im August 2026 wurden sechs ausländische Arbeiter bei der Explosion eines älteren Sprengkörpers auf einem Feld nahe der Stadt Metula verletzt.

Dass nun ein Schüler während einer organisierten Wanderung ums Leben kam, verdeutlicht, dass die Gefahr nicht auf militärische Einrichtungen oder abgelegene Grenzgebiete beschränkt ist.

Die Bilder aus Obergaliläa stehen im Gegensatz zu jener Normalität, die sich viele Israelis nach Jahren militärischer Eskalationen wünschen. Jugendliche, die gemeinsam wandern gehen, gehören zu den alltäglichsten Szenen des Landes. Dass ausgerechnet ein solcher Ausflug tödlich endet, macht deutlich, wie tief der Krieg in das zivile Leben hineinwirkt. Nicht explodierte Munition stellt dabei eine besondere Herausforderung dar. Während Raketenalarme vor einer unmittelbaren Bedrohung warnen, bleiben explosive Kriegsreste häufig unbemerkt. Sie können über Jahre hinweg eine Gefahr darstellen, selbst wenn in einem Gebiet längst keine aktiven Kampfhandlungen mehr stattfinden.

Für die israelischen Behörden stellt sich deshalb die Frage, wie groß das tatsächliche Ausmaß dieser Bedrohung ist und ob die bisherigen Maßnahmen ausreichen, um die Bevölkerung zu schützen. Es wird nicht genügen, beschädigte Straßen zu reparieren, Wanderwege wieder zu markieren und zerstörte Gebäude aufzubauen. Zur Wiederherstellung der Sicherheit gehört auch die systematische Suche nach den Hinterlassenschaften des Krieges und eindeutige Informationen darüber, welche Gebiete gefahrlos betreten werden können.

Für die Familie von Elazar Yair Wilensky kommen diese Fragen zu spät. Ihr Sohn kehrte von dem Schulausflug nicht mehr zurück. Sein Tod erinnert daran, dass die Folgen eines Krieges nicht mit dem Ende der Kampfhandlungen verschwinden. Manchmal liegen sie jahrelang verborgen im Boden, bis ein unbedachter Moment genügt, um ein weiteres Leben zu zerstören.

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