Nicht nur sei die Hamas-Gefangenschaft kaum zu ertragen gewesen, erzählt Aviva Siegel, vielmehr habe man in keinem Moment gewusst, ob es nicht noch schlimmer werden würde.
Amelie Botbol
»Es war unerträglich, mitanzusehen, wie jemand, den man liebt, geschlagen wird, und kein Wort sagen zu können. Und man weiß nicht, ob sie die Person töten werden«, erzählte Aviva Siegel unlängst gegenüber JNS. Die ehemalige Hamas-Geisel bezog sich dabei auf eine Prügelattacke von Hamas-Terroristen gegen Amit Soussana, die während eines Teils ihrer Gefangenschaft zusammen mit Siegel festgehalten wurde.
In ihrem neuen Buch »Survived to Tell: A Hostage’s True Story of October 7 and 51 Days in Captivity« schildert Siegel den Vorfall. »Es war schrecklich. Ich bin ein Mensch, ich habe ein Herz und ich konnte nichts tun. Als ob sie erwartet hätten, dass ich einfach verschwinde. Es ist unmöglich, nichts zu empfinden«, erzählt sie. »Die Gefangenschaft war kaum zu ertragen, und in keinem Moment wusste man, ob es nicht noch schlimmer werden würde.«
Dauerhafte Angst
Die 65-jährige Siegel wurde in Südafrika geboren und zog in jungen Jahren nach Israel. Sie und ihr Ehemann Keith (67), der eine amerikanisch-israelische Doppelstaatsbürgerschaft besitzt, wurden während des Massakers vom 7. Oktober 2023 aus dem Kibbuz Kfar Aza entführt. Sie wurde am 26. November 2023 im Rahmen eines vorübergehenden Waffenstillstandsabkommens freigelassen. Ihr Ehemann wurde nach 484 Tagen in Gefangenschaft befreit.
Siegel sagte, die schlimmsten Erinnerungen seien die an den 7. Oktober selbst, als bei dem Hamas-Angriff und dem darauffolgenden Massaker mehr als 1.200 Menschen getötet worden waren. »In einer Situation zu sein, in der Hamas-Terroristen plötzlich die Tür aufreißen, mit Messern dastehen und uns anschreien – das ist ein schwerer Moment.«
Siegel erzählte, sie habe immer noch Flashbacks an den Moment, an dem die Geisel Chen Goldstein mit ihrer Tochter Agam und ihren Söhnen Tal und Gal in den Hamas-Tunneln ankam. Das geschah nur wenige Minuten, nachdem Siegel und ihr Ehemann am 7. Oktober dorthin verschleppt worden waren. »Ihre Gesichter kommen mir immer wieder in den Sinn. Ich erinnere mich, als sie uns erzählten, dass der Vater der Kinder, Nadav, der sie zu beschützen versuchte, und ihre Schwester Yam vor ihren Augen ermordet wurden.«
Sie erinnerte sich auch an die Ankunft der Geiseln Gali Berman, der ebenfalls aus Kfar Aza entführt worden war und im Oktober 2025 zusammen mit seinem Zwillingsbruder Ziv freigelassen wurde. Berman war blutüberströmt, als er in den Tunnel gebracht wurde. »Ich erinnere mich an seinen Geruch und sein Aussehen. Er fasste sich an den Kopf, bat mich, mir dessen Hinterseite anzusehen, und fragte, ob es noch blute. Ich musste ihn anlügen und ihm sagen, dass alles in Ordnung sei. Ich redete mir immer wieder ein, dass ich ihm helfen musste, sich zu entspannen, aber seine Wunde sah furchtbar aus. Ich konnte ins Innere seines Kopfes sehen.«
Siegel wurde während ihrer gesamten Gefangenschaft zusammen mit ihrem Ehemann festgehalten und verbrachte einen Teil dieser Zeit gemeinsam mit der Familie Goldstein, Amit Soussana, Gali Berman, Liri Albag und Agam Berger.
Zeitweise litt Siegel unter schwerem Durchfall, traute sich aber nicht, ihre Entführer um Erlaubnis zu bitten, auf die Toilette zu gehen. »Ich hatte immerzu Angst und zitterte. Ich war von Anfang bis Ende wie gelähmt vor Angst. Ich schlief nicht. Vielleicht fünf Minuten hier, höchstens zehn Minuten dort. Mir ging es furchtbar, wirklich, wirklich schlecht. Ich werde nie vergessen, wie Agam [Goldstein], die in den ersten paar Wochen sehr ängstlich war, aufhörte, Angst zu empfinden. Danach war ich die Einzige, die noch Angst hatte. Keith sagte mir, ich solle mir immer wieder sagen, dass ich nicht sterben würde, aber das hat nicht wirklich geholfen.«
Die ehemalige Geisel berichtete, wie sie mit ihrem Mann und Soussana in einem Tunnel war, wo man sie allein zurückließ – fast ohne Essen, ohne Licht und mit kaum genug Sauerstoff. Ihr Entführer, Jihad, schaute nur selten nach ihnen. »Er sah, wie wir dem Sterben nahe waren. Er ließ uns dort zurück, wohl wissend, dass wir bei seiner Rückkehr wahrscheinlich tot sein würden. Wie kann man so etwas tun? Ich verstehe nicht, was für Menschen das sind oder woraus sie gemacht sind. Wenn jemand leidet, hat man doch Mitgefühl für ihn, auch wenn man ihn nicht kennt.«

Lebenslange Erinnerungen
Siegel erzählte, dass die Trennung von ihrem Ehemann vor ihrer Freilassung sehr schnell vonstattenging. »Ich flehte sie an, mich Keith sehen zu lassen, nachdem sie ihn in einen separaten Raum gebracht hatten. Ich wollte ihn einfach nur umarmen und ihm sagen, dass ich direkt nebenan war, aber sie ließen mich nicht.« Sie erinnert sich daran, dass einer der Terroristen zu ihr sagte: »Du, morgen [in] Israel«, aber sie habe ihm keinen Glauben geschenkt. »Ich wusste nicht, was mit mir passieren würde oder ob sie mich töten, vergewaltigen, schlagen oder sonst irgendetwas mit mir anstellen würden, was ihnen gerade in den Sinn kam.«
In einem Akt der Auflehnung schob sich Siegel an ihrem Entführer vorbei und eilte in den Nebenraum, wo sie ihren Mann auf einer dünnen, schmutzigen Matratze auf dem Boden liegend vorfand, wie er an die Decke starrte. »Er sah traurig aus, weil er allein war. Ich beugte mich zu ihm hinunter und umarmte ihn. Ich sagte: ›Sei stark für mich, und ich werde stark für dich sein.‹ Das war das Einzige, was mir einfiel, und dann ging ich.«
Anlässlich der Erzählung über ihre Freilassung sprach Siegel auch über Avigail Idan, die drei Jahre alt war, als ihre Eltern am 7. Oktober ermordet und sie selbst entführt wurde.
»Im Auto des Roten Kreuzes, als wir Gaza verließen, sah ich Avigail an. Ich sah, dass sie weinte, aber niemand konnte sie hören. Sie hatte gelernt, lautlos zu weinen. Ich nahm sie in meine Arme, umarmte sie und sah ihr in die Augen. Ich fragte sie, ob sie meine Umarmung spüren könne, und sie nickte einfach. Dann gab ich ihr etwas Wasser und fragte, ob sie etwas essen wolle. Sie war am Verhungern, also sagte sie Ja und nahm ein paar Bissen. Ich denke daran, wie sie nach Hause kommt und ohne ihre Eltern leben muss. Sie wird ihr ganzes Leben lang daran denken müssen, was passiert ist. All diese kleinen Kinder werden diese Erinnerungen mit sich herumtragen.«
Keiths Rückkehr sei dann der glücklichste Moment ihres Lebens gewesen, erzählte Siegel und beschrieb die überwältigende Freude, endlich wieder neben ihm sitzen zu können. »Aber uns beiden wurde etwas genommen. Wir konnten uns damals nicht davon erholen – und erst seit Kurzem fühle ich mich langsam anders.«
Unter den 64 Menschen, die in Kfar Aza ermordet wurden, befanden sich einige ihrer engsten Freunde und Nachbarn, von denen sie viele seit vierzig Jahren kannte. Ihre Häuser stehen nun leer, und es gibt niemanden mehr, der dorthin zurückkehren könnte.
Trotz des Traumas sagte Siegel, dass sie mit anderen ehemaligen Geiseln in Kontakt bleibt. »Das ist etwas, das wir immer haben werden: diese besondere Verbindung zu allen. Es ist eine ganz andere Beziehung, als ich sie zu irgendjemand anderem auf der Welt habe. Wir haben Bilder, die kommen und gehen, Erinnerungen und schwierige Momente, wenn wir über unsere Erfahrungen nachdenken oder darüber sprechen. Aber ich habe das Glück, Keith an meiner Seite zu haben. Wir haben das Glück, am Leben zu sein, und dafür bin ich dankbar.«
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

