»Opportunisten in der Musikbranche kommen damit durch, aus Hass Geld zu machen«

Wolfgang Seidel im Mena-Interview: »Opportunisten in der Musikbranche kommen damit durch, aus Hass Geld zu machen«
Wolfgang Seidel im Mena-Interview: »Opportunisten in der Musikbranche kommen damit durch, aus Hass Geld zu machen« (© Viola Förster von der Lühe)

Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht der als Schlagzeuger der Band »Ton Steine Scherben« bekanntgewordene Musiker Wolfgang Seidel über Cancel Culture in der Musikbranche, den Umgang mit israelischen und jüdischen Künstlern und die Kontroversen um die Musiker Macklemore und Boy George. Er warnt davor, dass Opportunismus und Antisemitismus im Kulturbetrieb zunehmend zum Geschäftsmodell werden.

Elisa Mercier (EM): Immer wieder werden israelische und jüdische Kulturschaffende von Veranstaltungen ausgeschlossen – durch Ausladungen oder indem sie gar nicht erst eingeladen werden. Beobachten Sie das auch allgemein und in Ihrem Umfeld?

Wolfgang Seidel (WS): Mein direktes Umfeld ist eine Musikszene, die nicht eben viel Publikum zählt – was sie eher uninteressant macht für Leute, die meinen, eine politische Botschaft loswerden zu müssen. Da gibt es Bereiche und Namen, bei denen sich die Vertreter der Cancel-Culture einen größeren Propaganda-Effekt erhoffen können. Ein Beispiel ist der israelische Dirigent Lahav Shani. 2025 sagte das Festival van Vlaanderen ein geplantes Konzert ab mit der Begründung, Shani würde sich nicht eindeutig von der israelischen Kriegführung gegen die Terrororganisation Hamas distanzieren. Shani, seit 2026 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, hatte Glück, dass sich im deutschen Kulturbetrieb noch Widerstand regt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimar sprach von »blankem Antisemitismus«, denn Shanis »Verbrechen« war nichts anderes, als dass er Jude ist.

Leider haben viele Kulturschaffende nicht den Bekanntheitsgrad wie Lahav Shani. Und die stille Methode des Nicht-mehr-Einladens trifft, ohne dass man sich zur Wehr setzen kann. Dieses Gaslighting zerstört auf perfide Weise Selbstbewusstsein und ökonomische Basis der Betroffenen.

EM: Wie bewerten Sie die Kontroverse um Macklemores Auftritt bei Ed Sheerans US-Tour und die Solidarität anderer Musiker mit ihm?

SW: Ed Sheeran – ein Popstar kompatibel für die ganze Familie. Love Songs waren doch einmal das wichtigste Thema der Popmusik. Das Stück von Ed Sheeran, das sogar ich von ihm kenne, ist sein Weihnachtslied, gespielt im Duo mit Elton John.

Macklemore ist schon lange im Geschäft mit einer für Rap typischen Mischung aus Konsum, Sex und folgenloser Rebellion. Bereits 2024 veröffentlichte er einen Song, dessen Einnahmen an die UNRWA gehen sollten aus Solidarität mit den Palästinensern. Die Einladung zur Ed-Sheeran-Tour kam, als es bereits hätte klar sein sollen, wes Geistes Kind er ist. Macklemore hat daraus nie ein Geheimnis gemacht und Auftritte für entsprechende Statements genutzt. Ein Veranstalter zog daraus die Konsequenzen und machte den Auftritt Ed Sheerans von Macklemores Rausschmiss abhängig. Cancel Culture anders herum. Aber so, wie es aussieht, ist Macklemore damit ein PR-Stunt gelungen, der mehr Publicity (und Käufer) einbringt als jede lange Tour mit Ed Sheeran.

Wenige mutige Stimmen

EM: Wie sollte die Musikbranche mit Positionen wie denen von Macklemore umgehen: Dialog suchen, Auftritte ermöglichen oder komplett ausschließen?

SW: Auftritte werden immer einen Veranstalter finden. Komplett ausschließen führt zu Solidarisierung und verschafft solchen Akteuren einen Opfer-Bonus. Dialog suchen sagt sich so leicht. Das setzt Dialogbereitschaft voraus. Meine Erfahrung ist eher so, dass man bei bestimmten Themen keine offenen Ohren findet. Oder man lernt bei solchen Gesprächen, was mit dem Begriff »kognitive Dissonanz« gemeint ist. Zum Beispiel wenn man eine mit nicht viel mehr als Netzstrümpfen und Kufiya bekleidete Teilnehmerin einer »Queers for Palestine«-Demo fragt, wie weit sie glaubt, dass sie so auf einer Straße

in Gaza oder Kabul käme.

Ein anderes Beispiel sind die Berliner Techno Clubs, die von den dort auftretenden DJs Solidaritätserklärungen mit den islamistischen Terrorgruppen einfordern, die am 7. Oktober die Besucher des Nova-Musikfestivals auf brutalste Weise ermordet haben. Man könnte auch einen Anhänger der Partei Die Linke fragen, wo denn die iranische Linken geblieben sind, die die Machtübernahme Khomeinis unterstützt hatten. Die wurden nicht mehr gebraucht. Wenn sie Glück hatten, kamen sie noch rechtzeitig aus dem Iran raus. Das sollte das Personal unserer Partei Die Linke nachdenklich machen, genau wie die Anhänger von La France Insoumise oder der britischen Green Party.

EM: Boy George hat sich mit seinem Song »We Will Dance Again« ausdrücklich mit Jüdinnen und Juden sowie Israel solidarisiert und die »propalästinensische« Kulturszene kritisiert. Wie bewerten Sie seine Haltung und die Reaktionen darauf?

SW: Ehrenwert. Und mutig. Er ist auch standhaft geblieben gegen die massive Kritik, die sich gegen ihn erhob. Im Moment sieht es aber leider so aus, als würden die Opportunisten in der Musikbranche damit durchkommen, aus Hass Geld zu machen.

Aber Boy George ist nicht allein. Auch etwa John Lydon meldete sich nach dem Auftritt der Band Kneecap beim Glastonbury Festival 2025 zu Wort. In einem Interview mit der Times kommentierte Lydon Kneecaps Auftritt und kritisierte, die Band würde sich ein radikales Image geben und dem aktuellen massiven anti-israelischen Trend auf der linken Seite des politischen Spektrums folgen. Sein Kommentar war: »Das ist einfach nur das Mitlaufen auf der aktuellen Welle des Linksextremismus, bei der man gar nicht mehr selbst denken muss. Man reagiert einfach nur mit der Herde. Muh!« Zur Kampagne für »ein freies Palästina« sagt er: »Da stimme ich voll und ganz zu, solange man es von der Hamas befreit.«

Lydon hat sich schon früh bei dem Thema positioniert, als er 2010 mit seiner damaligen Band Public Image Limited in Tel Aviv auftrat. Auf die Frage, ob er das heute wiederholen würde, war seine Antwort: »Natürlich. In Israel leben doch auch Menschen, oder? Meine Einstellung zu Auftritten in pro-muslimischen Ländern war auch schon immer dieselbe. Warum lasst ihr uns das nicht tun?« Was mir allerdings auffällt – es sind beides Künstler, deren Karrieren vor langer Zeit begonnen haben. Ich würde gerne Stimmen von jungen Musikern hören.

Geld aus Hass

EM: Was sagen die Auseinandersetzungen über Macklemore und Boy George über den Zustand des Musikbetriebs aus?

Das kann ich nur für Deutschland beantworten. Eigentlich müsste man den Plural benutzen: Musikbetriebe. Der E-Musik-Bereich und die großen Orchester funktionieren ganz anders als semiprofessionelle Rockbands. Die Unterscheidung zwischen U- und E-Musik gibt es nach wie vor, was auch bei der Verteilung staatlicher Förderungen eine Rolle spielt. Vielleicht sind deshalb aus dem Bereich des E-Musikbetriebs kaum antiisraelische Vorfälle bekannt. Man blickt dort auf Jahrzehnte fruchtbarer Zusammenarbeit mit israelischen Institutionen zurück. Anders sieht es im schwer überschaubaren Bereich kleiner Festivals, einzelner Projekte und Veranstaltungsorte aus, die irgendwann einmal eine Förderung erhalten haben. Dort finden sich auch Organisationen und Initiativen, die sich lautstark pro-palästinensisch positionieren.

Es gibt aber, was man fast vergisst, noch Musiker, die ganz altmodisch von ihren Tonträgerverkäufen und Konzerten leben können. Aus Gründen, die man nicht verstehen muss, wurde das lange als »kommerziell« abgewertet. Als ich 1970 mit der Musik begann und meine erste Plattenveröffentlichung bevorstand, waren sich die Beteiligten einig, die Platte ohne Plattenfirma zu vertreiben – per Post. Bei den Möglichkeiten, die das Internet heute bietet, sollte das noch viel einfacher sein.

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