Am 7. Oktober 2026 fand im Staatstheater die szenische Lesung »Auch wenn es dunkel ist – Berichte vom 7. Oktober« statt.
Drei Jahre sind vergangen, seit die Hamas und weitere palästinensische Terroristen in Israel einfielen, Menschen ermordeten, vergewaltigten und verschleppten. Drei Jahre, in denen sich die öffentliche Debatte grotesk verschoben hat. Der Ausgangspunkt des Krieges verschwindet zunehmend hinter den Auseinandersetzungen über seine Folgen. Die Opfer des Massakers kommen häufig nur als eine Fußnote vor.
Am 7. Oktober 2026 fand im Staatstheater Nürnberg die szenische Lesung »Auch wenn es dunkel ist – Berichte vom 7. Oktober« statt, eine Kooperation mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Nürnberg-Mittelfranken. Beide Vorstellungen waren ausverkauft. Während andernorts der Dokumentarfilm »Naza« für Kontroversen sorgt und sich Teile der sogenannten »pro-palästinensischen« Öffentlichkeit auch am dritten Jahrestag des Massakers vor allem mit ihrer Gegnerschaft zu Israel beschäftigten, ließ man in Nürnberg Raum zum Gedenken. Man hörte denjenigen zu, die den 7. Oktober erlebt und überlebt haben. Und den Angehörigen der Ermordeten.
Der Theaterraum ist klein und schwarz. Vor der Zuschauerplätzen stehen einfache Stühle und Mikrofone, dahinter eine Projektionsfläche, direkt auf Augenhöhe mit dem Publikum. Kolja Podkowik von der Band Antilopen-Gang, Elisabeth Degen, Jaron Löwenberg, Şiir Eloğlu und Tomer Lev Tov sitzen dem Auditorium gegenüber. Es gibt kaum Distanz zwischen denen, die erzählen, und denen, die zuhören.
Die Regisseurin Sharon On und der Dramaturg Dirk Laucke haben die Zeugnisse in fünf Kapitel und einen Epilog gegliedert. Fotografien, Videos, Tonaufnahmen und Chatverläufe ergänzen die Erzählungen. Was zunächst wie ein dokumentarisches Verfahren erscheint, entfaltet gerade durch seine Zurückhaltung eine bedrückende Wirkung. Denn diese Nachrichten, diese letzten Anrufe, diese scheinbar beiläufigen Sätze aus privaten Unterhaltungen sind Dokumente eines Lebens, das noch wenige Minuten zuvor selbstverständlich erschien. Menschen verabredeten sich, machten Pläne, schrieben ihren Eltern … Dann kamen die Terroristen.
Ein Raum für die Stimmen der Überlebenden
Da ist Sivan, die sich in einem Kibbuz unter dem Bett ihres Schutzraums versteckt. Draußen hört sie Schüsse. Ihr Handy ist irgendwann leer. Sie weiß nicht, was mit ihren Nachbarn geschehen ist, ob jemand kommen wird, ob die Männer, deren Stimmen sie hört, als Nächstes vor ihrer Tür stehen werden. Die versucht, an etwas Schönes zu denken. An irgendetwas, das ihr für einen Moment erlaubt, nicht darüber nachzudenken, was passieren könnte, wenn man sie entdeckt. Erst um 19:05 Uhr erreichen israelische Soldaten ihr Versteck. Einer nimmt ihre Hand und verspricht: »Ich werde deine Hand nicht loslassen, ich bringe dich hier raus.« Ein Mensch, der nach einem Tag voller Todesangst endlich nicht mehr allein ist.
Da ist Hamid, der aus Rafah im Gazastreifen stammt und mit seiner Frau Fatma und ihrem Baby im Auto unterwegs ist. An einer Kreuzung geraten sie unter Beschuss. Fatma wird getroffen und stirbt. Hamid versteckt sich mit seinem hungrigen, weinenden Kind und wartet auf Hilfe. Als israelische Soldaten eintreffen, gibt er ihnen Hinweise auf die Position der Terroristen.
Es sind Geschichten, die sich den vertrauten politischen Sortierungen entziehen. Ein Mann aus Gaza, dessen Frau von palästinensischen Terroristen ermordet wird und der anschließend israelischen Soldaten hilft. Wer den Nahostkonflikt vorzugsweise als moralisches Schaubild mit eindeutig verteilten Rollen betrachtet, dürfte mit einer solchen Geschichte Schwierigkeiten haben.
Auch eine Familie aus dem Kibbuz Nahal Oz kommt vor. Terroristen dringen in ihren Schutzraum ein. Teile des Geschehens werden live auf Facebook übertragen. Das Morden wird nicht nur ausgeführt, sondern zugleich zur öffentlichen Vorführung gemacht.
Die letzten Stunden der Normalität
Im zweiten Kapitel geht es um das Nova-Musikfestival. Asaf erinnert sich daran, wie er gegen vier Uhr morgens mit Freunden auf dem Festivalgelände ankam. Er hatte ein ungutes Gefühl. Die Nähe zum Gazastreifen war ihm bewusst. Aber man beruhigte sich. Es würde schon nichts passieren. Um 6:29 Uhr kamen die Raketen.
Was folgt, ist eine Flucht, die sich kaum vorstellen lässt. Tausende Menschen versuchen, das Gelände zu verlassen. Autos stehen Stoßstange an Stoßstange. Niemand kommt voran. Die Partybesucher telefonieren mit ihren Angehörigen, versuchen herauszufinden, welche Straßen noch sicher sind. Dann fallen Schüsse. Die Flüchtenden springen aus ihren Fahrzeugen und rennen. Terroristen verfolgen sie. Kugeln treffen Menschen, die wenige Minuten zuvor noch gemeinsam getanzt haben.
Da ist Ofek, dem es gelingt, zehn Menschen in seinem Auto in Sicherheit zu bringen. Während der Fahrt telefoniert er mit seinem Vater, versucht, ruhig zu bleiben, Entscheidungen zu treffen, die über Leben und Tod bestimmen.
55 Tage, 16 Monate, eine Ewigkeit
Das dritte Kapitel führt nach Gaza, in die Gefangenschaft der Hamas. Da ist Amit, die von etwa zehn Männern verschleppt wird. Sie wehrt sich, wird schließlich in einem Haus festgehalten und mit einer Eisenkette gefesselt. Wochenlang ist sie ihren Bewachern ausgeliefert. Sie bekommt kaum etwas zu essen, verbringt ihre Tage in Dunkelheit und Ungewissheit.
»In der Gefangenschaft der Hamas zu sein, bedeutet, jede Minute um sein Leben zu fürchten.«
Nach 55 Tagen kommt sie frei. Eine Zeitspanne, die sich für Amit wie eine Ewigkeit angefühlt habe.
Dann ist da Eli Sharabi. Ein Jahr und vier Monate verbringt er in der Gewalt der Hamas. Er berichtet von Hunger, Angst, Erniedrigung und den anderen Geiseln, mit denen er gefangen gehalten wird. Während dieser ganzen Zeit hofft er, seine Familie wiederzusehen. Seine Frau Lianne und die beiden Töchter Noya und Yahel. Sie wurden am 7. Oktober ermordet. Als Sharabi nach 491 Tagen freikommt, erfährt er, dass es die Familie, zu der er zurückkehren wollte, nicht mehr gibt.
Was bleibt, wenn jemand fehlt?
Das vierte Kapitel gehört Hinterbliebenen. Die Eltern von Shani Louk erzählen von ihrer Tochter, deren lebloser Körper auf einem Fahrzeug durch Gaza gefahren wurde. Bilder, die um die Welt gingen. Bilder, auf denen ihre Angehörigen sie wiedererkannten, während sie noch auf ein Lebenszeichen hofften. Sie nehmen uns mit durch ihre Gedanken, in der Zeit zwischen dem ersten Entsetzen und der Gewissheit des Todes ihrer Tochter. Eine Zeit, in der Hoffnung und Verzweiflung nebeneinander existierten.
Auch Angehörige eines Arbeitsmigranten aus Sri Lanka kommen zu Wort. Ein Vater, der in Israel arbeitete, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen – und der am 7. Oktober ermordet wurde. Eine Erinnerung daran, dass die Opfer dieses Tages keineswegs ausschließlich israelische Juden waren. Unter ihnen befanden sich Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion.
Sich das Leben nicht nehmen lassen
Der Epilog gehört Natalia, der Mutter von Keshet. Sie erzählt davon, wie sie nach der Ermordung ihres Sohnes versucht, weiterzuleben. Sie beschreibt, wie Musik ihr hilft, die Erinnerung an ihren Sohn wachzuhalten. Wie sie nach der Beerdigung eine Entscheidung trifft: Sie will nicht im Bett bleiben, nicht vollständig in ihrer Trauer verschwinden. Sie wünscht sich, nicht zuzulassen, dass die Hamas auch noch ihre Seele tötet.
Als die Lesung endet, bleibt die Stille noch eine Weile im Raum. Die fünf Lesenden schweigen. Niemand versucht, die vergangenen eineinhalb Stunden mit einer abschließenden Botschaft zu versehen. »Auch wenn es dunkel ist« macht aus den Ermordeten und Überlebenden keine Symbole, keine Argumente und keine politischen Stellvertreter. Sie lässt sie als Menschen sichtbar werden: mit Namen, Erinnerungen, Ängsten, Hoffnungen und jenen kleinen Einzelheiten, aus denen ein Leben besteht.
Sharon On hat mit ihrer Inszenierung einen Raum geschaffen, in dem niemand erklären muss, weshalb ein ermordetes Kind betrauert werden darf. In dem eine Mutter von ihrem Sohn erzählen kann, ohne dass jemand nach seiner Staatsangehörigkeit oder politischen Haltung fragt. In dem die letzten Nachrichten eines Menschen nicht zum Material einer ideologischen Auseinandersetzung werden.
Begleitet wurde die Veranstaltung zudem von der Hilfsorganisation Keren Hayesod, die sich gemeinsam mit der Initiative EDUT710 und der Hebräischen Universität Jerusalem dafür einsetzt, die Zeugnisse des 7. Oktober für die Nachwelt zu bewahren. Mit dem KI-gestützten Archiv »Matrix of Memory« werden die Erinnerungen von Überlebenden und Augenzeugen dokumentiert und zugänglich gemacht.
Das zugrunde liegende rbb-Dokumentarhörspiel ist seit dem 5. Oktober 2026 auch in der ARD-Mediathek frei zugänglich. Die Produktion wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Georg-Stefan-Troller-Preisund dem Robert-Geisendörfer-Preis 2026.
