Ground Zero plus 25 Jahre: Vom Weckruf zur Täter-Opfer-Umkehr

Gedenken zum 25. Jahrestag der Terroranschläge von 9/11
Gedenken zum 25. Jahrestag der Terroranschläge von 9/11 (© Imago Images / Xinhua)

Ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zeigt sich eine verstörende Bilanz: Von den Theorien Mahmood Mamdanis bis zur Politik der Demokratischen Sozialisten von Amerika hat die akademische und politische Linke den Dschihadismus nicht bekämpft, sondern ideologisch eingeholt – mit fatalen Folgen für die Gegenwart.

Am 11. September 2001 schien die Welt für einen Moment innezuhalten. 2.977 unschuldige Menschen verloren an diesem Tag in New York, Washington und Pennsylvania ihr Leben. Eine grauenhafte menschliche Bilanz, der in den folgenden Jahren weltweit zehntausende weitere Opfer dschihadistischer Gewalt folgen sollten.

Vom Hörsaal ins Rathaus

Der Anschlag auf das Herz der westlichen Moderne galt als die ultimative Zäsur, als historischer Weckruf, der dem Westen die Augen für die Ausmaße und die Vernichtungslust des islamistischen Faschismus öffnen sollte. Doch fünfundzwanzig Jahre später bietet sich ein ernüchterndes Bild. Der Weckruf wurde nicht nur verschlafen. Das intellektuelle Fundament des Westens hat sich in der Zwischenzeit so weit verschoben, dass die damaligen Täter und ihr Weltbild heute in Teilen des Diskurses nicht mehr als Bedrohung, sondern als verständliche Antwort auf westliche Verfehlungen wahrgenommen werden.

Der Schock von Ground Zero wich rasch einer Selbstgeißelung, die den Blick auf die eigentliche Ideologie der Dschihadisten verstellte. Statt den religiösen Extremismus als eigenständige, totalitäre Kraft zu analysieren, begann eine intellektuelle Erosion. Sie sprach den Terroristen schrittweise ihre Handlungsfähigkeit ab und degradierte sie zu bloßen Symptomen angeblicher westlicher Aggression.

Die Analyse dieser Entwicklung lässt sich exemplarisch an einer Denklinie festmachen. Mahmood Mamdani, einflussreicher postkolonialer Theoretiker an der Columbia University und Autor des Standardwerks »Good Muslim, Bad Muslim« (2004), gilt seit Jahrzehnten als Vordenker eines Modells, das den islamistischen Terrorismus primär als Nebenprodukt westlicher Geopolitik framt. In seiner Lesart wird die dschihadistische Gewalt entpolitisiert und zu einer nachvollziehbaren Reaktion der Unterdrückten degradiert. Bei den extremen Protesten an der Columbia University trat er wiederholt als prominente Leitfigur auf.

Die politische Exekutive dieser Denkweise verkörpert sein Sohn Zohran Mamdani. Er politisierte sich in genau diesem Umfeld, unter anderem bei Students for Justice in Palestine. Getragen von den Democratic Socialists of America (DSA), stieg er schließlich zum ersten muslimischen Bürgermeister von New York auf. Man kann von seiner städtischen Politik halten, was man möchte. Doch ein klarer Nexus lässt sich nicht ignorieren: Die Theorien des Vaters über den Westen als eigentlichen Aggressor erreichen nun die politische Identität der Stadt, in der einst die Feuer von Ground Zero brannten.

Gedenken zum Jahrestag der Terroranschläge von 9/11
Gedenken zum Jahrestag der Terroranschläge von 9/11 (© Imago Images / Xinhua)

Verblendung und Kapitulation

Wie radikal diese Täter-Opfer-Umkehr in der Praxis aussieht, zeigen die Reaktionen innerhalb der DSA auf den islamistischen Terror. Gegenüber Kritikern, die eine klare Distanzierung von Dschihadisten forderten, bezogen führende Köpfe eindeutig Stellung. Megan Romer, Co-Vorsitzende des DSA-Nationalrats, forderte ihre Follower auf der Plattform X explizit auf: »Lest weiter, um zu erfahren, warum wir die Hamas tatsächlich nicht verurteilen und warum kein Sozialist das tun sollte.«

Romerteilte dazu die offizielle Erklärung des internen Red Star Caucus mit dem Titel »We Do Not Condemn Hamas, and Neither Should You« (deutsch: »Wir verurteilen die Hamas nicht, und Sie sollten das auch nicht tun«). Kommunistische Strömungen innerhalb der Organisation (wie die Marxist Unity Group) sprachen nach den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 schlicht von »palästinensischen Widerstandskämpfern«, die ihr Recht auf Selbstverteidigung wahrnähmen.

Der absolute Tiefpunkt dieser Entwicklung zeigte sich beim Tod von Yahya Sinwar, dem Hauptarchitekten des Massenmords vom 7. Oktober. Ahmed Husain, Mitglied des nationalen DSA-Vorstands (National Political Committee) und Koordinator der Israel-Boykott-Kampagne der Organisation, beklagte den Tod des Hamas-Chefs öffentlich auf X. Mit historisch-religiöser Rhetorik inszenierte der BDS-Aktivist den fundamentalistischen Terrorführer als tragischen Widerstandshelden.

Das Fazit nach 25 Jahren Ground Zero fällt daher düster aus: Wenn westliche, sich progressiv nennende Sozialisten einen dschihadistischen Massenmörder feiern – dessen eigene Ideologie zutiefst fundamentalistisch, misogyn und homophob ist –, offenbart dies das ganze Ausmaß der ideologischen Verblendung. Wer Terroristen zu Widerstandskämpfern erklärt, beraubt die echten Opfer jeglicher Solidarität und liefert die Werte der Aufklärung ihren erbittertsten Feinden aus.

Auch Europa zahlt für diese Verharmlosung den Preis. Die Dschihad-Rhetorik beschleunigt die Selbstradikalisierung auf dem Kontinent. Die Folgen sind zum Alltag geworden: Synagogen gleichen mittlerweile nicht nur in Deutschland, sondern auch in Westeuropa Festungen, CSD-Paraden stehen unter Terrorangst und Weihnachtsmärkte verbarrikadieren sich hinter Beton.

Doch statt Widerstand regiert die Kapitulation vor dem Zeitgeist. Ginge es nach der progressiv und radikal sich dünkenden Linken, müsste man selbst bei öffentlichen Fahndungen nach dschihadistischen Gefährdern Gesichter verpixeln und Namen verschweigen, um ja niemanden zu »diskriminieren« oder Vorwürfe wie »Islamophobie« zu riskieren. Diese Rücksichtnahme schützt nicht die Gesellschaft, sondern die Täter. Wer den islamistischen Terrorismus aus Angst vor den falschen Labels nicht mehr kompromisslos benennt, gibt Freiheit und Sicherheit auf.

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