Metula kehrt zurück: Leben an Israels Grenze zwischen Wiederaufbau und neuem Krieg

Blick von der nordisraelischen Stadt Metula über die Grenze zum Libanon
Blick von der nordisraelischen Stadt Metula über die Grenze zum Libanon (© Imago Images / News Licensing)

Drei Jahre lang war Metula vor allem ein Symbol für die Verwundbarkeit des israelischen Nordens. Nun hat dort erstmals seit Beginn des Krieges wieder die Schule geöffnet. Zugleich bleibt Frage bestehen, ob dauerhaftes ziviles Leben unmittelbar neben der Grenze überhaupt wieder möglich ist.

Am Morgen des 1. September geschah in Metula etwas, das andernorts kaum eine Nachricht wert wäre: Kinder gingen zur Schule. 36 Schülerinnen und Schüler der ersten bis sechsten Klasse kamen in die wiedereröffnete Hanadiv-Grundschule, weitere 18 Kinder in den Kindergarten. Für Israels nördlichste Stadt war das ein außergewöhnlicher Moment. Seit dem 8. Oktober 2023 hatte die Schule geschlossen. Einen Tag nach dem Massaker der Hamas im Süden Israels hatte die Hisbollah begonnen, Israel vom Libanon aus mit Raketen, Drohnen und Panzerabwehrraketen anzugreifen. Metula, unmittelbar an der Grenze gelegen, wurde zu einem der am stärksten betroffenen Orte des Nordens. Fast die gesamte Bevölkerung musste die Stadt verlassen.

Drei Jahre später sind nach Angaben der Gemeinde rund 65 Prozent der Einwohner zurückgekehrt. Die Wiedereröffnung der Schule ist deshalb weit mehr als eine bildungspolitische Nachricht. Sie ist ein Gradmesser dafür, ob eine Gemeinde, die jahrelang praktisch nicht existieren konnte, wieder zu einem normalen Alltag zurückfinden kann.

Wer heute nach Metula kommt, sieht gleichzeitig Wiederaufbau und Zerstörung. Straßen wurden repariert, auf der zentralen HaRishonim-Straße wurden neue Pflastersteine verlegt, Restaurants und Cafés haben wieder geöffnet. Manche Geschäftsleute berichten, dass die Kundschaft langsam zurückkommt. Doch nur wenige Meter weiter sind die Folgen des Krieges weiterhin sichtbar. Von den rund 650 Häusern in Metula wurden nach Angaben der Gemeinde 460 beschädigt, 120 davon schwer. Auch öffentliche Einrichtungen und landwirtschaftliche Flächen waren betroffen. Das bekannte Canada Center mit Eislaufbahn und olympischem Schwimmbecken ist bis heute nicht vollständig aufgebaut.

Noch im Februar 2025 hatte Bürgermeister David Azoulay davor gewarnt, die Bewohner zu früh zurückzuschicken. Damals fehlten seinen Angaben zufolge noch grundlegende Voraussetzungen für ein normales Gemeindeleben: Schulen, medizinische Versorgung, funktionierende öffentliche Infrastruktur und teilweise sogar Straßenbeleuchtung.

Eine Generation zwischen Covid, Evakuierung und Krieg

Bei einer Sitzung der Knesset im Februar 2025 wurde deutlich, dass Metula kein Einzelfall war. Nach damaligen Regierungsangaben waren in den evakuierten Gebieten im Norden Israels etwa 2.900 Gebäude beschädigt worden. Von 278 Bildungseinrichtungen in der Region haben 103 Schäden erlitten. Die direkten und indirekten Kriegsschäden wurden auf mehr als neun Milliarden Schekel (2,5 Milliarden Euro) geschätzt. Rund 64.700 Menschen aus 43 Gemeinden waren nach Beginn des Krieges evakuiert worden. Die Bilder der zurückkehrenden Schulkinder zeigen deshalb nur einen Teil der Realität. Metula wird nicht einfach wieder »geöffnet«. Die Gemeinde muss in vieler Hinsicht neu aufgebaut werden.

Besonders deutlich werden die vergangenen Jahre am Leben der Kinder. Ein Vater aus Metula erzählte der Times of Israel von seiner Tochter, die während der Corona-Pandemie eingeschult worden war. Nach der Evakuierung besuchte sie während des Krieges zwei unterschiedliche Schulen. Nun kehrt sie für ihr sechstes Schuljahr nach Metula zurück.

Was für Erwachsene als eine Abfolge politischer und militärischer Krisen erscheint, ist für diese Kinder ein erheblicher Teil ihrer Kindheit. Gerade deshalb versucht Metula, die kleine Schülerzahl nicht nur als Problem zu betrachten. Die Hanadiv-Schule soll mit einem Konzept sehr kleiner Klassen arbeiten. Vorgesehen sind teilweise nur acht bis zehn Kinder pro Klasse und eine engere Verbindung von regulärem Unterricht, informeller Bildung sowie emotionaler und individueller Betreuung. Dies ist der Versuch, aus einer durch den Krieg entstandenen Notlage etwas Neues zu schaffen. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, wie weit Metula noch vom früheren Alltag entfernt ist. Die Schule öffnet mit lediglich 36 Grundschülern.

Eine funktionierende Lehranstalt ist dabei entscheidend für die Zukunft der gesamten Gemeinde. Denn Familien mit Kindern werden kaum dauerhaft zurückkehren, wenn Bildung, medizinische Versorgung, Freizeitangebote und Arbeitsplätze fehlen. Der Wiederaufbau eines Grenzortes besteht deshalb nicht allein darin, beschädigte Häuser zu renovieren. Eine Gemeinde braucht die sozialen Strukturen, die Menschen überhaupt erst dazu bewegen, dort wieder langfristig zu leben.

Rückkehr als Sicherheitsfrage

In Metula bekommt die Entscheidung, zurückzukehren, zusätzlich eine politische Bedeutung. Von vielen Punkten der Stadt sind die libanesischen Ortschaften auf der anderen Seite der Grenze unmittelbar zu sehen. Vor dem Krieg gehörte diese Nähe zum Alltag. Nach dem 7. Oktober und den darauffolgenden Angriffen der Hisbollah wird sie anders wahrgenommen. Eine Bewohnerin sagte gegenüber der Times of Israel, man könne weder den Norden noch die Gemeinden rund um den Gazastreifen aufgeben. Hinter dieser Aussage steht eine Vorstellung, die in israelischen Grenzregionen immer wieder zu hören ist: Zivile Präsenz wird selbst als Teil der territorialen Sicherheit verstanden.

Die Rückkehr einer Familie ist damit nicht ausschließlich eine private Entscheidung darüber, wo man wohnen möchte. Sie wird als Beitrag dazu verstanden, dass die Grenzregion nicht dauerhaft entvölkert wird. Das erklärt auch, warum die Wiedereröffnung einer kleinen Grundschule politisch eine größere Bedeutung bekommt, als ihre Schülerzahl vermuten lässt.

Zugleich machen die Ereignisse der vergangenen Tage deutlich, wie fragil dieser Neubeginn bleibt. An der Grenze zum Libanon dauern die militärischen Auseinandersetzungen trotz diplomatischer Bemühungen an. Associated Press berichtete Anfang September über weiterhin stattfindende Drohnenangriffe der Hisbollah und israelische Gegenangriffe. Die USA bemühen sich gleichzeitig darum, eine weitergehende Eskalation zu verhindern und die libanesische Armee stärker in den Süden des Landes zu bringen, wo sie den Abzug der Hisbollah garantieren soll.

Auch der Iran bleibt unmittelbar in die Auseinandersetzung eingebunden. Reuters berichtete am 3. September, Teheran habe Washington vor einem größeren israelischen Angriff auf Stellungen im Südlibanon gewarnt. Am 6. September meldete die Nachrichtenagentur erneut Drohnenangriffe der Hisbollah und darauffolgende israelische Angriffe im Südlibanon. Damit findet der Wiederaufbau Metulas nicht nach einem klar abgeschlossenen Krieg statt. Die Bewohner kehren zurück, während die Sicherheitsordnung, die ihre langfristige Zukunft bestimmen wird, weiterhin ausgehandelt und militärisch erkämpft werden muss.

Das macht die Stadt zu einem interessanten Beispiel für ein Phänomen, das sich in Israel seit dem 7. Oktober immer wieder beobachten lässt: Normalität entsteht nicht erst, wenn die Gefahr verschwunden ist. Schulen öffnen, Cafés stellen wieder Tische auf die Straße, Familien ziehen zurück und Kinder treffen ihre Freunde, obwohl niemand garantieren kann, dass der nächste Krieg nicht erneut genau diese Orte treffen wird. Das ist weniger Verdrängung als eine Form des gesellschaftlichen Umgangs mit permanenter Unsicherheit. Warten die Bewohner darauf, dass absolute Sicherheit hergestellt ist, könnte das bedeuten, jahrelang nicht zurückzukehren.

Eine Bewohnerin Metulas beschrieb es gegenüber der Times of Israel sinngemäß so: Die Menschen seien aufmerksam und wüssten, was um sie herum geschehe, gleichzeitig lebten und feierten sie weiter. Als sie am ersten Schultag wieder die Stimmen der Kinder hörte, bezeichnete sie genau das als »Sieg«.

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Krieg auch auf der anderen Seite der Grenze massive Folgen für die Zivilbevölkerung hat. Im Libanon sind weiterhin Hunderttausende Menschen vertrieben. Reuters berichtete Anfang September, dass insbesondere im Süden des Landes zahlreiche Familien noch immer nicht nach Hause zurückkehren können. Schulen werden teilweise weiterhin als Unterkünfte für Vertriebene genutzt, während gleichzeitig das neue Schuljahr beginnen soll. Mindestens 100.000 Kinder sind dem Bericht zufolge von erheblichen Unterbrechungen ihrer Bildung betroffen. Associated Press beschreibt eine ähnliche Situation: Zahlreiche Schulen im Libanon wurden beschädigt oder dienen weiterhin als Notunterkünfte. Damit zeigt sich auf beiden Seiten der Grenze, wie stark ein jahrelanger Konflikt gerade jene Strukturen zerstört, die für die Rückkehr zur Normalität notwendig wären.

Wiederaufbau bedeutet mehr als bloß zurückzukehren

Die israelische Regierung hat für den Wiederaufbau und die langfristige Entwicklung des Nordens Milliardenbeträge vorgesehen. Bereits Anfang 2025 wurde ein mehrjähriger Rahmen von rund 15 Milliarden Schekel (4,3 Milliarden Euro) für Wiederaufbau und Entwicklung vorgestellt. Doch Geld allein entscheidet nicht darüber, ob der Norden wiederbelebt wird. Entscheidend wird sein, ob Familien dauerhaft bleiben. Dafür braucht es Schulen, Arbeitsplätze, funktionierende Geschäfte und medizinische Versorgung. Vor allem aber das Vertrauen, dass eine Evakuierung wie jene nach dem 7. Oktober nicht wenige Jahre später erneut notwendig werden könnte.

Metula zeigt inzwischen erste Zeichen einer solchen Revitalisierung. Rund zwei Drittel der Einwohner sind wieder in ihre Stadt zurückgekehrt. Die Hauptstraße füllt sich langsam. Restaurants öffnen. Straßen werden repariert. Und erstmals seit drei Jahren sitzen wieder Kinder in der örtlichen Grundschule. Das klingt zunächst einmal unspektakulär. Doch vielleicht liegt gerade darin die Bedeutung dieses 1. September. Für eine Grenzgemeinde wie Metula entscheidet sich Erfolg daran, ob nach den Raketen wieder Familien kommen, Geschäfte öffnen und Kinder morgens ihre Schultaschen packen.

Der Wiederaufbau des israelischen Nordens ist damit längst nicht abgeschlossen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen im Libanon ist nicht einmal sicher, dass der schwierigste Teil bereits vorbei ist. Aber nach drei Jahren öffnete in Metula wieder eine Schule. Für eine Stadt, die zeitweise beinahe vollständig verlassen war, ist das zumindest ein Anfang.

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