Das iranische Regime will den Eindruck erwecken, es habe die Straße von Hormus unter Kontrolle. Die Realität sieht zunehmend anders aus.
In den vergangenen Tagen sahen wir eine Wiederaufnahme der Schlagabtausche zwischen den Vereinigten Staaten und dem iranischen Regime. Die USA flogen Angriffe auf Ziele entlang der Straße von Hormus und im Iran, das Teheraner Regime griff wieder Ziele in mehreren arabischen Staaten an und stieß wilde Drohungen aus, mit denen es weiter an der Eskalationsschraube drehte.
Glaubt man den Analysen der meisten Medien, sind diese Scharmützel vor allem auf einen Grund zurückzuführen: US-Präsident Trump, schreibt etwa die New York Times unter Berufung auf Außenpolitik-Experten, »sind die Optionen ausgegangen«. Weil er nicht wisse, was er sonst tun könne, greife er auf das bereits »bekannte Drehbuch« zurück. Es sei »absolut schockierend«, zu sehen, »dass es den Vereinigten Staaten an einem Plan für ihr Engagement mangelt – und an einem Plan, diesen Krieg entweder zu gewinnen oder ihn zu beenden.«
Gängige Erklärung greift zu kurz
Dass die USA im Iran erschreckend planlos agieren und auch ein halbes Jahr nach Beginn des Krieges noch immer nicht klar definiert ist, welches Ziel dort eigentlich erreicht werden soll, haben wir auf Mena-Watch immer wieder thematisiert – ich kann Ihnen hierzu nur die Gespräche mit Thomas von der Osten-Sacken ans Herz legen, in denen dieser Punkt in den vergangenen Monaten ausgiebig diskutiert wurde.
Als Erklärung für das gegenwärtige Wiederaufflammen des Konflikts greift das aber zu kurz. Denn damit wird ein anderer, viel wichtigerer Grund übersehen, auf den Trump vor wenigen Tagen anspielte, als er auf Truth Social schrieb:
»Ich versuche nicht, den Iran an den Verhandlungstisch zu zwingen (…). Es ist mir völlig egal, ob sie ein Abkommen unterzeichnen, das für sie wertlos ist. Mir gefällt unsere derzeitige Position viel besser: Wir haben fast die vollständige Kontrolle über die Straße von Hormus, und ihre Wirtschaft bricht völlig zusammen.«
Und um diesen Punkt noch deutlicher zu machen, postete er am Donnerstag eine Grafik, deren Quintessenz er mit den Worten zusammenfasste: »Die Ölliefermengen aus dem Golf von Hormus sind WIEDER DA!«
Das Öl fließt wieder
Trump verwies damit auf etwas, das von den Beobachtern, die sich bei ihren Analysen vor allem auf Trumps erratisches Verhalten konzentrieren, übersehen wird: Die Sperrung der Straße von Hormus wird immer löchriger – womit das wichtigste Druckmittel, das dem iranischen Regime noch geblieben ist, zunehmend an Wirkung verliert.
In den vergangenen Wochen war gelegentlich zu lesen, dass immer mehr Schiffe die Passage der Straße von Hormus schaffen. Am 28. August berichtete Bloomberg: »Die Öllieferungen aus dem Persischen Golf haben sich wieder auf etwa zwei Drittel des Vorkriegsniveaus erholt.« Zwischen 15 und 16 Millionen Barrel Öl würden demnach täglich die Meeresstraße durchqueren. Das sei zwar immer noch unter dem Vorkriegsniveau, aber deutlich mehr als im vergangenen März, als nur 5 bis 6 Millionen Barrel am Tag durch die Straße gelangten.
Das Wiederaufleben der Öltransporte liegt einerseits an kreativen Adaptionen der Schifffahrtsunternehmen an die Lage vor Ort, andererseits laut dem Institute for the Study of War (ISW) aber auch daran, dass das iranische Regime zunehmend die militärischen Mittel verliert, die für die Aufrechterhaltung der Sperre der Straße von Hormus erforderlich wären.
Kontrollverlust
Demnach hätten die Revolutionsgarden jüngst versucht, anstelle von Schnellbooten landgestützte Raketenwerfer zum Auslegen von Minen zu verwenden. Genau solche Raketenwerfer waren denn auch die Ziele, die von den US-Streitkräften Ende August angegriffen wurden. (Am 28. August, unmittelbar vor dem Beginn des neuerlichen militärischen Schlagabtauschs, hatte das US-Zentralkommando erklärt, dass sämtliche Minen beseitigt worden seien, welche die internationalen Schifffahrtsrouten in der Straße von Hormus bedroht hatten. CENTCOM-Kommandeur Brad Cooper bezeichnete das als »wichtigen Meilenstein«.)
Zudem hätten die Revolutionsgarden Schnellboote eingesetzt, um Schiffe ausfindig zu machen, die durch die Straße von Hormus fahren. Dies deutet für das ISW darauf hin, dass der Iran kaum noch über funktionsfähige Radarsysteme verfügt, welche die sogenannte südliche Route durch die Straße entlang der Küste des Oman abdecken können. »Diese weniger optimalen Methoden deuten darauf hin, dass US-Luftangriffe einen Teil der iranischen Fähigkeiten zur Seeüberwachung und zum Auslegen von Seeminen beeinträchtigt haben.«
Mit einer zunehmenden Zahl an Falschmeldungen über angeblich durch Seeminen beschädigte Schiffe würden die Revolutionsgarden lediglich den Eindruck aufrechterhalten wollen, dass die Straße weiterhin gefährlich und unpassierbar sei.
Alternative Wege
Das muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Wirksamkeit der Drohung mit der Sperre der Straße von Hormus ohnehin mit einem Ablaufdatum versehen ist. Denn zum einen gibt es teilweise jetzt schon alternative Transportwege, die seit Beginn des Krieges deutlich stärker genutzt werden. Zu diesen gehören Pipelines wie die saudi-arabische East-West-Pipeline oder die emiratische Habshan–Fujairah-Pipeline, durch die heute weitaus mehr Öl fließt als noch im Februar dieses Jahres.
Zum anderen gibt es eine Vielzahl von Plänen zur Schaffung weiterer Alternativen, die von der Wiederbelebung der im Zuge des Irak-Krieges 2003 beschädigten Pipeline, die Kirkuk im Irak mit Baniyas in Syrien verbindet, bis zum Bau neuer Verbindungen reichen, wie einer Pipeline vom irakischen Basra bis zum jordanischen Akaba oder in die Türkei. Riesige Summen werden für die Planung und die Umsetzung solcher Projekte aufgewendet.
Es mag übertrieben gewesen sein, als US-Finanzminister Scott Bessent jüngst im Zuge eines G-20-Treffens sagte: »In zwei Jahren wird die Straße von Hormus nur noch ein wertloses Stück Wasser sein.« Denn auch wenn sich für Öltransporte kurz- bis mittelfristig alternative Wege auftun werden, trifft das auf andere Exportgüter aus der Region, darunter Flüssiggas, nur in viel geringerem Maße zu.
Aber das Drohpotenzial einer Blockade der Straße wird dramatisch kleiner werden. »Der strategische Überraschungseffekt«, schrieb der Geopolitik-Analyst Bobby Gosh bereits Mitte April, »ist nun verflogen, und die Welt wird Wege finden, die Kosten, die der Iran verursachen kann, abzumildern.«
Drohung mit Ablaufdatum
Auch die Führung in Teheran weiß, dass ihr wichtigstes Druckmittel mit einem Ablaufdatum versehen ist – und versucht, es so gut wie möglich einzusetzen, solange es noch geht. Der iranische Versuch, die Sperre der Meeresstraße wiederherzustellen, und die Maßnahmen der Amerikaner, um das zu verhindern, sind der wahre Hintergrund der aktuellen militärischen Auseinandersetzungen.
Ferner versucht das iranische Regime, andere Wege zu finden, um Druck auf seine Nachbarländer zu erhöhen, damit diese sich von den USA distanzieren und eine Verständigung mit Teheran suchen. Diesem Zweck diente etwa die jüngste Drohung mit Angriffen auf Unterwasserkommunikationskabel in der Straße von Hormus und im Golf.
Auch wenn man anhand der hiesigen Berichterstattung und der Einschätzungen so mancher Experten einen anderen Eindruck gewinnen könnte: Die Zeit läuft nicht für das iranische Regime. Während sein einzig verbliebenes Druckmittel sukzessive an Wirksamkeit verliert, verschärft sich die ohnehin bereits dramatische Wirtschaftslage im Land weiter. Der zunehmend rabiate Tonfall der Drohungen aus Teheran zeigt, wie erheblich die Nervosität dort bereits ist.
