Was am Donnerstag, dem 20. August, am Ben-Gurion-Flughafen begann, war nach wenigen Stunden eigentlich wieder vorbei. Die Folgen aber halten weiter an.
Am 20. August stellten zahlreiche Mitarbeiter des Ben-Gurion-Flughafens nach dem Ende ihrer regulären Schicht – anders als sonst – die Arbeit ein und gingen in den Feierabend. In der Folge gerieten der Check-in und die Gepäckabfertigung ins Stocken. Zeitweise konnten keine ankommenden Flüge mehr abgefertigt werden und wurden gestoppt. Zehntausende Passagiere waren betroffen. Die Folgen des Chaos waren bis zum Sonntag spürbar. Einige ankommende Flüge hatten Verspätungen von bis zu zehn Stunden, bei Abflügen wurden Verzögerungen von mehr als vier Stunden gemeldet.
Inzwischen haben sich Flughafenleitung und Arbeitnehmervertreter auf Sofortmaßnahmen geeinigt. Doch die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: War das Chaos tatsächlich das Ergebnis eines Streiks oder brachte der Arbeitskampf lediglich ein System zum Zusammenbruch, das schon vorher an seiner Belastungsgrenze angekommen war?
Selbst vier Tage später war noch umstritten, was am 20. August eigentlich passiert ist. Die Israel Airports Authority (IAA) und die Regierung sprechen von einem wilden, nicht genehmigten Streik. Der Vorsitzende der Flughafengewerkschaft, Pinchas Idan, bestreitet dagegen bis heute, einen Streik angeordnet zu haben.
Inzwischen zeichnet sich allerdings langsam ein etwas differenzierteres Bild ab. Berichten israelischer Medien zufolge endete gegen Mittag die reguläre Schicht einer Gruppe von Gepäckarbeitern. Normalerweise hätten sie anschließend mehrere Stunden weitergearbeitet. Diesmal gingen einige von ihnen nach Ende ihrer vorgesehenen Arbeitszeit nach Hause. Idan argumentiert, die Mitarbeiter seien nicht verpflichtet gewesen, ständig Überstunden zu leisten. Nach seiner Darstellung arbeiten Beschäftigte in der Gepäckabfertigung teilweise zwölf Stunden am Tag und sechs Tage pro Woche.
Channel 12 berichtete, dass offenbar lediglich zwölf bis zwanzig Gepäckarbeiter ihre Arbeit nach Ende ihrer Schicht beendeten. Daraufhin habe das Flughafenmanagement entschieden, weitere Bereiche des Betriebs anzuhalten, weil sich das Gepäck bereits staute und ein regulärer Betrieb nicht mehr möglich gewesen sei. Diese Meldung ändert die Perspektive auf die Ereignisse erheblich. Sie bedeutet nicht, dass keine gezielte Arbeitskampfmaßnahme stattgefunden haben könnte. Auffällig bleibt schließlich, warum die Beschäftigten ausgerechnet am verkehrsreichsten Tag des Jahres entschieden, ihre sonst üblichen Überstunden nicht zu leisten. Aber die Vorstellung, hunderte Flughafenmitarbeiter hätten gleichzeitig spontan ihre Arbeitsplätze verlassen und damit die Schließung von Ben-Gurion erzwungen, greift offenbar zu kurz.
Über 100.000 Passagiere und kaum Reserven
Der Zeitpunkt hätte kaum ungünstiger sein können. Mehr als 100.000 Passagiere auf rund 620 Flügen sollten an diesem Tag über Ben-Gurion reisen. Bereits seit Wochen hatte der Flughafen mit ungewöhnlich langen Warteschlangen, verspätetem Gepäck, fehlenden Abstellpositionen für Flugzeuge und weiteren operativen Engpässen zu kämpfen.
Nachdem die Beschäftigten am Donnerstagnachmittag wieder vollständig an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt waren, entstand deshalb das nächste Problem: Innerhalb kurzer Zeit mussten zahlreiche zuvor verzögerte Ankünfte und Abflüge gleichzeitig abgefertigt werden. Flugzeuge brauchten Gates. Gepäck musste ausgeladen und neu zugeordnet werden. Tausende Passagiere bewegten sich gleichzeitig durch die Terminals. Der Flughafen war wieder geöffnet – das Chaos war und ist aber längst nicht vorbei. Der wirtschaftliche Schaden der rund zweistündigen Unterbrechung wird inzwischen auf 25 bis 30 Millionen Schekel, also etwa sieben bis 8,5 Millionen Euro, geschätzt.
Nach Angaben der Arbeitnehmervertretung fehlen derzeit rund vier- bis fünfhundert zusätzliche Mitarbeiter bei der Airports Authority. Hinzu kommen laut Gewerkschaft mehr als hundert Mitarbeiter, die momentan Reservedienst bei den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) leisten. Weitere Beschäftigte seien aufgrund von längeren Krankheiten, Verletzungen oder Arbeitsunfällen nicht verfügbar. Die Gewerkschaft erklärt zudem, bereits seit Monaten vor dieser Situation gewarnt zu haben.
Israelische Medien berichten von Beschäftigten, die zwischen 220 und 260 Stunden pro Monat arbeiten. Gerade für Gepäckarbeiter bedeutet das körperlich anstrengende Schichten unter extremen Bedingungen. Im Sommer können die Temperaturen in den Frachträumen der Flugzeuge erheblich steigen.
Die Flughafenbehörde hingegen widerspricht der Darstellung eines dramatischen Personalmangels. Sie verweist unter anderem darauf, dass im August 2019 rund 2,8 Millionen Passagiere über Ben-Gurion reisten, also mehr als im August dieses Jahres. Damals soll eine mit dem heutigen Stand vergleichbare Zahl an Mitarbeitern zur Verfügung gestanden haben. Auch aus dem Umfeld der Flughafenleitung wird argumentiert, dass heute sogar mehr Gepäckarbeiter beschäftigt seien als vor einigen Jahren.
Damit ist die Personallage komplizierter, als es zunächst erscheint. Es geht offenbar nicht nur darum, wie viele Menschen auf der Gehaltsliste stehen, sondern auch darum, wie Schichten organisiert werden, wie viele Mitarbeiter tatsächlich verfügbar sind und in welchem Ausmaß sich der Betrieb auf regelmäßige Überstunden verlässt.
Genau deshalb wäre es zu einfach, das Chaos ausschließlich mit dem Arbeitskampf zu erklären. Bereits vor dem 20. August hatte Ben Gurion mit erheblichen Verspätungen zu kämpfen. Passagiere saßen am Flughafen und warteten auf ihren Abflug, andere warteten nach ihrer Ankunft stundenlang auf ihre Koffer. Die Flughafenbehörde verwies damals unter anderem auf Einschränkungen im griechischen Luftraum und die Präsenz amerikanischer Tankflugzeuge. Doch inzwischen wird auch innerhalb Israels zunehmend die Frage gestellt, ob die angegebenen Faktoren nicht von grundlegenderen Problemen abgelenkt haben.
Viele Defizite
Die Wirtschaftszeitung Calcalist beschreibt unter anderem Defizite bei Infrastruktur, Personal und langfristiger Kapazitätsplanung. Vor allem sei die enorme Belastung am 20. August keineswegs überraschend gekommen: Die Passagierzahlen waren vorher bekannt. Das macht die Geschehnisse am fraglichen Donnerstag besonders prekär. Handelte sich doch weder um einen Raketenangriff noch um eine überraschende Schließung des Luftraums. Obwohl der Andrang vorhersehbar war, reichten offenbar wenige fehlende Mitarbeiter aus, um große Teile des Flughafens zeitweise lahmzulegen.
Mittlerweile geht es längst nicht mehr nur um Gepäck und Flugpläne. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte an, Pinchas Idan aus dem Likud ausschließen zu lassen. Idan ist seit Jahrzehnten eine mächtige Figur innerhalb der Flughafenbelegschaft und gleichzeitig langjähriges Likud-Mitglied. Er erklärte inzwischen, dass er gegen seinen Ausschluss aus der Partei keinen Einspruch einlegen werde. Die Verantwortung für die Schließung des Flughafens weist er jedoch weiterhin zurück. Noch weiter geht der Vorsitzende der Israel Airports Authority, Yiftah Ron-Tal. Medienberichten zufolge prüft er Möglichkeiten, Idan auch als Gewerkschaftschef beziehungsweise Mitarbeiter loszuwerden. Der Konflikt wird dadurch zunehmend persönlich und politisch.
Zu all dem kommt ein weiterer Faktor, der in der Diskussion leicht untergeht: Für den Ben-Gurion-Flughafen gab es seit dem 7. Oktober 2023 kaum längere Phasen wirklicher Normalität. Ausländische Fluggesellschaften stellten ihre Verbindungen ein und nahmen sie wieder auf. Raketen- und Drohnenangriffe führten zu Unterbrechungen. Kriege und regionale Eskalationen veränderten Flugpläne teilweise innerhalb weniger Stunden. Mitarbeiter wurden zum Reservedienst eingezogen. Gleichzeitig kehrte der zivile Reiseverkehr inzwischen mit großer Geschwindigkeit und in umfangreichem Maß zurück.
Das ist grundsätzlich ein positives Zeichen, heißt es doch, dass Israelis wieder reisen, Airlines kehren zurück und die Passagierzahlen steigen. Doch die Strukturen haben offenbar Schwierigkeiten, mit der Wiedereinkehr von Normalität Schritt zu halten. Gerade der Reservedienst zeigt, wie sehr ziviler Alltag und militärische Realität in Israel ineinandergreifen. Wenn mehr als hundert Beschäftigte eines einzelnen staatlichen Infrastrukturunternehmens gleichzeitig bei den IDF im Einsatz sind, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf den Betrieb.
Vorübergehende Einigung
Am Sonntagabend kam schließlich Bewegung in den Konflikt. Flughafenmanagement und Arbeitnehmervertreter vereinbarten Sofortmaßnahmen, um den Betrieb zu stabilisieren und den verbliebenen Rückstau abzubauen. Unter anderem sollen nun auch Mitarbeiter des Managements operative Aufgaben übernehmen, insbesondere bei der Gepäckabfertigung und der Organisation der Warteschlangen. Gleichzeitig sollen bereits geplante Neueinstellungen vor den jüdischen Feiertagen im kommenden Monat weitergeführt werden. Und vorerst soll es keine weiteren Arbeitskampfmaßnahmen geben.
Damit scheint die unmittelbare Gefahr einer erneuten Schließung vorerst geringer. Gelöst ist der Konflikt allerdings ebenso wenig wie die ihm zugrundeliegenden Defizite. Und die nächste Belastungsprobe steht bereits an. In wenigen Wochen beginnt die Reisesaison rund um die jüdischen Feiertage. Dann wird Ben-Gurion erneut enorme Passagierzahlen bewältigen müssen.
Hinter den Kulissen laufen deshalb bereits Gespräche über eine Art »industriellen Frieden« bis nach den Feiertagen. Diskutiert werden die Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter, die Übernahme temporärer Beschäftigter in dauerhafte Arbeitsverhältnisse sowie ein Modell, mit dem die Zahl der eingesetzten Mitarbeiter künftig stärker an die erwarteten Passagierzahlen angepasst werden soll.
Gleichzeitig werden grundlegendere Lösungen diskutiert. Das israelische Finanzministerium verweist erneut auf die Notwendigkeit zusätzlicher Flughafenkapazitäten und auf Israels problematische Abhängigkeit von Ben-Gurion als praktisch einzigem großen internationalen Flughafen. Denn genau diese Abhängigkeit macht jede Krise dort zu einer nationalen. In einem europäischen Land bedeutet ein Flughafenstreik möglicherweise, mit dem Zug zum nächsten internationalen Flughafen zu fahren. Israel hat diese Möglichkeit nicht. Wenn Ben-Gurion stillsteht, steht das internationale Tor des Landes still.
Vier Tage nach dem Chaos ist ein differenzierteres Bild möglich als unmittelbar nach den Ereignissen. Eine gezielte Verweigerung der üblichen Überstunden dürfte den unmittelbaren Zusammenbruch ausgelöst haben. Und die Frage, warum dies ausgerechnet am verkehrsreichsten Tag des Jahres geschah, ist berechtigt. Aber ebenso offensichtlich ist inzwischen, wie fragil der Flughafenbetrieb bereits vorher war. Wenn ein bis zwei ein Dutzend Gepäckarbeiter, die nach Ende ihrer regulären Arbeitszeit nach Hause gehen, ausreichen können, um eine Kettenreaktion auszulösen, die noch drei Tage später internationale Flugpläne beeinträchtigt, liegt das Problem nicht nur bei diesen Mitarbeitern.
Der Streit um Ben-Gurion ist deshalb mehr als ein klassischer Arbeitskampf. Er ist eine Debatte darüber, wie Israel seine wichtigste zivile Infrastruktur organisiert; eine Debatte über mächtige Gewerkschaften und politische Verbindungen, aber genauso eine Debatte über Managementversagen, Personaleinsatz, jahrelange Krisenbelastung und fehlende Alternativen. Der Arbeitskampf vom 20. August brachte den Flughafen für wenige Stunden zum Stillstand. Die entscheidende Frage ist nun, ob daraus Konsequenzen gezogen werden, bevor die nächste Reisewelle kommt.
