Neue Ehren für Sophie von der Tann: Stilisierung zur Menschenrechtsikone

Der Journalistin Sophie von der Tann werden zwei fragwürdige Ehrungen zuteil
Der Journalistin Sophie von der Tann werden zwei fragwürdige Ehrungen zuteil (© Imago Images / dts Nachrichtenagentur)

Sophie von der Tann erhält den Katharina-Zell-Preis und übernimmt die Partnerschaft für den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis. Damit wird Israelkritik zur institutionell beglaubigten moralischen Autorität.

In diesen Tagen wird Sophie von der Tann gleich in zweifacher Hinsicht aufgewertet: Sie erhält den Katharina-Zell-Preis 2026 und übernimmt die Partnerschaft für den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis. Zwei Vorgänge aus unterschiedlichen institutionellen Milieus – und doch fügen sie sich zu einem bemerkenswerten Muster. Aus journalistischer Anerkennung entsteht zunehmend moralische Autorität.

Der Katharina-Zell-Preis wird vom Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau verliehen. Die Jury erklärt, von der Tann für ihren »mutigen und unerschrockenen Einsatz« in der Berichterstattung über den Gaza-Krieg und für ihr Engagement für eine »sachliche und verständliche Einordnung« des Konflikts zu würdigen. Die Verleihung ist für den 7. September in Frankfurt angekündigt – und damit knapp vier Wochen vor dem dritten Jahrestag des Hamas-Massakers.

Pathos und Heuchelei

Mit einem geradezu verblüffenden Pathos begründet Jurymitglied Anja Schwier-Weinrich, geschäftsführende Pfarrerin des Landesverbands EFHN, die Preisverleihung: »Wir haben die Bilder im Kopf, wenn sie mutig mit Helm und Schutzweste in die Tunnel der Hamas absteigt. Wir sehen sie in israelischen Schutzbunkern, in die sie sich während der Liveschalte begeben muss.« Die anschließende Beschreibung ist bemerkenswert: Von der Tann berichte eindrücklich über das Leid der Menschen, ordne politische Entwicklungen fundiert ein und erkläre gemeinsam mit ihrem Team die Hintergründe des Konflikts verständlich. »Sie ist mutig, scheinbar furchtlos und sehr professionell«, so Schwier-Weinrich.

Bemerkenswert ist, welches Bild dabei entsteht. Von der Tann war als ARD-Korrespondentin überwiegend vom ARD-Studio in Tel Aviv aus tätig, während palästinensische Freelancer mit Pressewesten die unmittelbare Berichterstattung und damit gewissermaßen die Drecksarbeit unter Bedingungen von Krieg und Terror übernahmen.

Von der Tann und die ARD selbst haben sogar wiederholt öffentlich kritisiert, dass Israel internationalen Journalistinnen keinen unabhängigen Zugang zum Gazastreifen gewährt. Von der Hamaszensur war in ihrer Berichterstattung ebenso wenig die Rede wie von der Todesgefahr, in die Reporter vor Ort sich begeben hätten, wenn sie kritisch über die Terrorgruppe berichtet hätten. »Ich habe nicht festgestellt, dass Frau von der Tann auf diese Umstände hingewiesen, ja, dass sie sie auch nur einmal erwähnt hätte. Sie hat sich nur beklagt, dass sie selbst dort nicht hindürfe wegen des Verbotes durch Israel«, kritisiert die langjährige ARD-Autorin Rita Knobel-Ulrich in der Jüdischen Allgemeinen.

Deutlich ehrlicher wäre daher eine Würdigung, die ihre tatsächliche Tätigkeit beschreibt: Wie Millionen Israelis suchte auch von der Tann während der Raketenangriffe der Hamas Schutz in Luftschutzräumen. Das ist zweifellos belastend – macht aus einer Korrespondentin in Tel Aviv aber noch keine Frontreporterin. »Ich habe 2014 für ›Gott und die Welt‹ über die Aktion Sühnezeichen berichtet, und auch wir mussten bei Raketenangriffen in Bunkern Schutz suchen. Das ist nicht mutig, sondern leider seit Jahren notwendig«, kommentiert Knobel-Ulrich denn auch die Ausführungen Schwier-Weinrichs.

Noch weiter geht die Jury bei der Verbindung zur Namensgeberin des Preises, der Ende des 15. Jahrhunderts geborenen Theologin und Reformatorin Katharina Zell. Von der Tann lasse sich »nicht von massiver Kritik und Anfeindungen – insbesondere in den sozialen Medien – einschüchtern«, sondern trete konsequent für ihre journalistischen Überzeugungen ein. Schwier-Weinrich bezeichnet sie als »starkes Vorbild« und als »Ermutigerin auf dem langen Weg zu einer guten Welt«. Von der Tann wird zur moralischen Vorbildfigur stilisiert. Aus journalistischer Anerkennung wird ein Heldenepos – und schließlich eine Heiligsprechung. Doch der ihr zugesprochene Mut ist nicht dasselbe wie Ausgewogenheit. Zudem ist die Fähigkeit, Kritik auszuhalten, noch kein Beleg dafür, dass die eigene Einordnung richtig ist. Vielmehr sollte sie für eine Journalistin selbstverständlich sein.

Menschenrechte als Gütesiegel

Im Zuge der zweiten Würdigung übernimmt Sophie von der Tann die Patronage für den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2026. Ein Lehrstück in Sachen Eigen-PR liefert dabei die offizielle Begründung der Veranstalter, die allen Ernstes erklären: »Sophie von der Tann lässt in ihrer journalistischen Arbeit alle beteiligten Seiten zu Wort kommen und hinterfragt deren Positionen. Für diese ausgewogene und faire Berichterstattung war sie immer wieder auch Anfeindungen wegen angeblicher Parteinahme aus den verschiedensten politischen Lagern ausgesetzt, denen sie sich entschlossen entgegenstellt.« Eine erstaunliche rhetorische Pirouette: Was Kritiker als handwerkliche Schieflage und fehlende Distanz bemängeln, wird kurzerhand zum Gütesiegel unerschrockener Äquidistanz umgemünzt.

Der Preis wird seit 1998 alle zwei Jahre vergeben und zeichnet Kino- und Fernsehproduktionen aus, die sich in besonderer Weise mit Menschenrechten auseinandersetzen. In der aktuellen Runde wurden 371 Filme eingereicht. Hinter dem Wettbewerb steht ein breites Bündnis von inzwischen zwanzig Organisationen der Zivilgesellschaft. Die Bandbreite der Träger reicht dabei von dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der über seine enge Partnerschaft mit dem israelischen Gewerkschaftsdachverband Histadrut an der Seite des jüdischen Staates steht und BDS ablehnt, bis hin zu Amnesty International, das im Nahostkonflikt seit Jahren durch drastische Einseitigkeit auffällt.

Dass im Konsens des Bündnisses die kritischen Zwischentöne untergehen und von der Tann unkritisch als Symbolfigur ins Schaufenster gestellt wird, gehört zur Arithmetik solcher Verbundpreise. Hier setzen sich letztlich jene Akteure durch, die in Fragen des Nahostkonflikts seit jeher dazu neigen, israelische Verteidigungsmaßnahmen vordringlich unter dem Verdacht der Menschenrechtsverletzung zu verhandeln, während der dschihadistische Terror gern in die Fußnoten abgedrängt wird.

Doch damit nicht genug: Der Bayerische Rundfunk (BR) band die Veranstaltung im Jahr 2006 an sich und agiert seit 2008 offiziell als Medienpartner im Veranstalterkreis. Dabei ist der BR nicht nur jeder Sender, der innerhalb der ARD die Federführung für das Studio Tel Aviv innehat. Er ist auch die eigentliche journalistische Heimat von der Tanns: vom Volontariat über das Nachwuchsformat »News-WG« bis hin zu ihrer Rückkehr nach Deutschland.

Nimmt man diese Vorgänge zusammen, offenbart sich ein Lehrstück institutioneller Selbstreferenzialität. Substanzielle Kritik an von der Tanns Berichterstattung wird pauschal zur »Anfeindung« erklärt. Indem man Einwände gegen das Ausblenden des Hamas-Terrors in den Topf böswilliger Hetze wirft, wird die Kritisierte zum Opfer stilisiert und handwerkliche Versäumnisse werden als Haltung verklärt.

Hanns-Joachim Friedrichs verlangte einst, ein Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, »auch nicht mit einer guten«. Die heutige Medienlandschaft kehrt diesen Satz ins Gegenteil: Wer für die vermeintlich gute Sache streitet, darf jede Distanz fahren lassen und wird belohnt. Auch nach von der Tanns Abzug aus Tel Aviv bleibt das Signal der Preisstifter bestehen: Je lauter die berechtigte Kritik ausfällt, desto zuverlässiger greift der Schutzreflex des Establishments. Was als Einseitigkeit begann, endet als sakrosankter Standard.

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