Juden prägten das Bild von Karatschi, der größten Stadt Pakistans, bevor Ressentiment und Feindschaft sie schließlich zu Flucht und Auswanderung zwangen.
Michael Freund
Für die Juden von Karatschi in Pakistan verliefen die Freitagabende einst nach einem vertrauten Rhythmus. Vor einem Jahrhundert, wenn die Sonne über dem Arabischen Meer unterging, machten sich die Familien auf den Weg zur Magain-Shalome-Synagoge, um den Schabbat zu begrüßen. Die Frauen hatten bereits vor dem Verlassen des Hauses die Schabbatkerzen angezündet. Die Männer begrüßten sich am Eingang der Synagoge, während sich die Kinder neben ihren Eltern und Großeltern niederließen. Bald füllte sich der Gottesdienstraum mit den Klängen hebräischer Gebete, vorgetragen in der unverwechselbaren Sprachmelodie der Bene-Israel-Juden, deren Familien aus Westindien nach Karatschi gekommen waren.
Die Synagoge stand im Zentrum einer kleinen, aber blühenden jüdischen Gemeinde in Karatschi. Dort wurden Hochzeiten gefeiert, Kinder erhielten jüdischen Unterricht, und die Familien versammelten sich am Schabbat und zu den Festtagen. Es war ein Ort der Andacht, aber auch eine Schule, ein Versammlungsraum und ein soziales Zentrum.
Heute gibt es die Gemeinde nicht mehr, die Synagoge wurde abgerissen, und den meisten Pakistanern ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass jemals Juden in ihrem Land gelebt haben. Dieser Gedächtnisverlust ist umso bemerkenswerter, als die Juden von Karatschi keine marginalisierten Außenseiter waren. Sie waren in der Stadtverwaltung tätig, arbeiteten im Handel und in freien Berufen und prägten das Stadtbild mit. Ihre Geschichte ist Teil der Geschichte Pakistans, auch wenn das Land sich weitgehend dafür entschieden hat, sie zu vergessen.
Gut integriert
Die meisten Juden, die sich in Karatschi niederließen, gehörten den Bene Israel an, einer alten indischen jüdischen Gemeinschaft, deren Mitglieder trotz jahrhundertelanger Isolation die Beschneidung, den Schabbat und bestimmte Speisevorschriften bewahrt hatten. Unter britischer Herrschaft traten viele in das Militär, den öffentlichen Dienst, den Handel und die freien Berufe ein.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Karatschi rasch zu einem der wichtigsten Häfen des Subkontinents. Angezogen von den wirtschaftlichen Möglichkeiten und der expandierenden Kolonialverwaltung kamen Familien der Bene Israel aus Bombay und den umliegenden Gebieten in die Stadt. Ihre Zahl war nie sehr groß, und die Schätzungen gehen weit auseinander. Die britische Volkszählung zählte 1881 in der Region Sindh 153 Juden und zwei Jahrzehnte später 482. Fast alle davon lebten in Karatschi. Einige Quellen beziffern die Größe der Gemeinde zu ihrer Blütezeit auf etwa 2.500 Menschen, während Erinnerungen ehemaliger Bewohner höhere Zahlen nennen.
Unabhängig von der genauen Zahl verfügte die Gemeinde über die notwendigen Einrichtungen, um ein aktives jüdisches Leben aufrechtzuerhalten. Ihr wichtigstes Gebäude war die Magain-Shalome-Synagoge, die 1893 dank der Großzügigkeit von Solomon David Umerdekar, einem städtischen Vermessungsingenieur und Gemeindevorsteher, errichtet wurde. Mit ihrer imposanten Fassade, den Gemeindesälen und der hebräischen Schule wurde sie sowohl zu einem Wahrzeichen Karatschis als auch zum Zentrum des jüdischen Lebens.
Segula Moses, die in Karatschi geboren wurde und später nach Israel zog, erinnerte sich daran, dass Hochzeitseinladungen in der Synagoge ausgehängt wurden und von der gesamten Gemeinde erwartet wurde, daran teilzunehmen. Die Juden von Karatschi bildeten eine eng verbundene Gemeinschaft, waren aber auch tief in die Stadt um sie herum integriert. Zu den prominentesten Persönlichkeiten gehörte Abraham Reuben, der in den 1930er Jahren im Stadtrat von Karatschi tätig war. Seine Wahl spiegelte wider, in welchem Maße Juden als akzeptierte Teilnehmer am bürgerlichen Leben angesehen wurden.
Noch deutlichere Spuren hinterließ Moses Somake, ein 1875 in Lahore geborener jüdischer Architekt. Somake entwarf einige der markantesten Gebäude des kolonialen Karatschi, darunter das Mules Mansion, die B. V. S. Parsi High School und das Flagstaff House, das später mit Pakistans Gründervater Muhammad Ali Jinnah in Verbindung gebracht wurde. Somakes Gebäude verbanden europäische und lokale Einflüsse und prägten den Charakter der Stadt mit. Viele davon stehen noch heute, auch wenn wohl nur wenige der Menschen, die täglich an ihnen vorbeigehen, wissen, dass sie von einem Juden entworfen wurden.
Schrittweiser Niedergang
Die jüdische Geschichte in Pakistan beschränkt sich nicht auf einen verlassenen Friedhof oder ein altes Foto. Sie ist in die Straßen Karatschis eingebettet. Ehemalige jüdische Einwohner erinnerten sich im Allgemeinen an herzliche Beziehungen zu ihren muslimischen, hinduistischen, christlichen und parsischen Nachbarn. Juden besuchten örtliche Schulen, führten Geschäfte und traten in den öffentlichen Dienst ein. Die Gründung Pakistans im August 1947 bedeutete nicht sofort das Ende dieser Welt.
Bis dahin waren das heutige Indien und Pakistan Teil des kolonialen Britisch-Indiens. Als die britische Herrschaft endete, wurde der Subkontinent in zwei unabhängige Staaten aufgeteilt: das überwiegend hinduistische Indien und das mehrheitlich muslimische Pakistan. Die Teilung löste eine der größten und blutigsten Migrationsbewegungen der modernen Geschichte aus. Millionen von Muslimen flohen nach Pakistan, während Millionen von Hindus und Sikhs in die entgegengesetzte Richtung zogen. Unzählige Menschen wurden bei religiös motivierten Ausschreitungen ermordet oder starben während der Unruhen.
Die Juden in Karatschi blieben von diesem Konflikt weitgehend verschont, und viele glaubten zunächst, sie könnten ihr Leben wie bisher fortsetzen. Die Gründung Israels im folgenden Jahr veränderte die Stimmung jedoch dramatisch. Obwohl die Juden Pakistans keine Rolle im arabisch-israelischen Konflikt spielten, wurden sie zunehmend im Lichte von Ereignissen beurteilt, die sich Tausende Kilometer entfernt abspielten. Es kam zu antijüdischen Demonstrationen, die Magain-Shalome-Synagoge wurde angegriffen, und Familien, die sich lange Zeit sicher gefühlt hatten, begannen, ihre Zukunft zu überdenken.
Der draus resultierende Niedergang der Gemeinde verlief eher schrittweise als schlagartig. Einige Juden zogen zunächst nach Indien und später nach Israel. Andere ließen sich in Großbritannien, Kanada oder den Vereinigten Staaten nieder. Eine kleinere Zahl blieb bis in die 1960er und 1970er Jahre in Karatschi und hielt das jüdische Leben so gut es ging aufrecht, während sie mitansehen mussten, wie ihre Gemeinde um sie herum schrumpfte.
Die Alija erforderte Diskretion, da Pakistan den Staat Israel nicht anerkannte. Familien reisten vordergründig nach Indien, Großbritannien oder an andere Ziele, bevor sie ihre Reise in den jüdischen Staat fortsetzten, wobei sie manchmal über Bombay und Teheran reisten. Dabei ließen sie ihre Häuser, Freundschaften, Familiengräber und eine Stadt zurück, zu deren Aufbau ihre Gemeinde beigetragen hatte.
Viele pakistanische Juden ließen sich schließlich in der Stadt Ramle in Zentralisrael nieder, wo sie die Magain-Shalome-Karatschi-Synagoge gründeten. Der Name bewahrte die Verbindung zu der Gemeinde, die sie zurückgelassen hatten, und stellte sicher, dass das jüdische Karatschi nicht gänzlich verschwinden würde. Die Synagoge dient den Nachkommen der Gemeinde bis heute und hält die Erinnerung an die ursprüngliche Gemeinde lebendig.
Letzte Reste
Eine der bewegendsten Persönlichkeiten in den letzten Jahren der Gemeinde war Rachel Joseph. 1921 in Karatschi geboren, blieb sie noch lange in der Stadt, nachdem die meisten anderen Juden bereits fortgegangen waren. Als die Gemeinde immer kleiner wurde, gehörte sie zu den Letzten, die noch versuchten, ihr Eigentum zu schützen und ihre Rechte zu wahren.
Im Jahr 1988 wurde die Magain-Shalome-Synagoge in Karatschi von den pakistanischen Behörden abgerissen, um Platz für ein Gewerbegebiet zu schaffen. Die Verantwortlichen versprachen Berichten zufolge, dem Jewish Trust Ersatzgrundstücke zur Verfügung zu stellen, darunter einen Platz für eine neue Synagoge und Wohnungen. Die Versprechen wurden nicht eingehalten. Rachel Joseph verbrachte Jahre damit, die Angelegenheit vor Gericht zu verfolgen. Zu diesem Zeitpunkt gab es kaum noch eine Gemeinde, die es zu verteidigen galt, doch sie weigerte sich, das, was vom Vermögen der Gemeinde übriggeblieben war, einfach aufzugeben.
Die Synagoge stand für Jahrzehnte jüdischen Lebens: für Gottesdienste, Studium, Hochzeiten, Feste und die Erinnerungen von Familien, die bereits über den ganzen Globus verstreut waren. Ihr Abriss bedeutete das Verschwinden des bedeutendsten öffentlichen Symbols der Gemeinde.
Ende 2004, im Alter von 83 Jahren, gab Rachel schließlich auf. Ihre Abreise wurde diskret geplant, da Verwandte befürchteten, dass öffentliche Aufmerksamkeit sie daran hindern könnte, das Land zu verlassen. Mit Unterstützung der Jewish Agency reiste sie zunächst nach London und bestieg dort einen El-Al-Flug nach Israel. Nach Angaben ihrer Familie küsste sie bei ihrer Ankunft am Ben-Gurion-Flughafen den Boden und erklärte, sie habe das Heilige Land erreicht.
Dieser Moment hatte eine außergewöhnliche Bedeutung. Rachel war keine junge Einwanderin, die gekommen war, um sich eine Zukunft aufzubauen. Sie war eine alte Frau, die miterlebt hatte, wie fast die gesamte jüdische Welt ihrer Kindheit verschwunden war. Ihre Alija brachte die letzte Hüterin dieser Welt nach Israel. Dort starb sie zwei Jahre später.
Obwohl Rachel in einigen Berichten als Pakistans letzte Jüdin beschrieben wurde, sind immer wieder vereinzelte und schwer zu überprüfende Berichte über Familien aufgetaucht, die nach 1948 ihre jüdische Herkunft verheimlicht hatten. Das bekannteste aktuelle Beispiel ist Fishel Benkhald. Als Sohn einer jüdischen Mutter und eines muslimischen Vaters kämpfte Benkhald jahrelang darum, in seinen pakistanischen Ausweispapieren offiziell als Jude eingetragen zu werden. In den staatlichen Unterlagen war er als Muslim geführt worden. Nach langem Ringen erkannten die Behörden schließlich seine jüdische Identität in seinen offiziellen Dokumenten an. Dies stellt eine außergewöhnliche Entwicklung in einem Land dar, in dem das organisierte jüdische Leben bereits Jahrzehnte zuvor verschwunden war.
Diese Anerkennung machte sein Leben nicht einfacher. Benkhald hat beschrieben, wie er seine Kippa unter einer Baseballkappe versteckte und unnötige öffentliche Diskussionen über seine Religion vermied. Dennoch hat er sich dafür eingesetzt, die Aufmerksamkeit auf Pakistans jüdische Vergangenheit zu lenken und das zu bewahren, was davon übriggeblieben ist. Im Jahr 2022 besuchte er Israel als Teil einer Delegation, die den Dialog zwischen Israelis und Muslimen fördern sollte. Er besichtigte Yad Vashem in Jerusalem, traf sich mit israelischen Amtsträgern und äußerte die Hoffnung, dass Pakistan eines Tages diplomatische Beziehungen zum jüdischen Staat aufnehmen werde.
Das Ausmaß der historischen Amnesie
Diese Hoffnung steht vor gewaltigen Hindernissen. Denn Pakistan weigert sich nach wie vor, Israel anzuerkennen, und in pakistanischen Reisepässen ist ausdrücklich vermerkt, dass sie für jedes Land außer dem jüdischen Staat gültig sind.
Die ablehnende Haltung beschränkt sich nicht nur auf die Außenpolitik, sondern ist auch für ein einheimisches Publikum bestimmt. Hochrangige pakistanische Amtsträger haben sich wiederholt hetzerischer Rhetorik gegen Israel und seine führenden Politiker befleißigt. Im Januar 2026 forderte der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif die Vereinigten Staaten und die Türkei öffentlich dazu auf, den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zu »entführen«. Drei Monate später bezeichnete er Israel als »böse«, »einen Fluch für die Menschheit« und als »krebsartig«, woraufhin das Büro des israelischen Ministerpräsidenten seine Äußerungen als Aufruf zur Vernichtung Israels verurteilte.
Benkhalds Bemühungen, die Erinnerung an die pakistanischen Juden zu bewahren, stehen daher in scharfem Kontrast zur offiziellen Haltung des Landes gegenüber dem jüdischen Staat. Doch trotz jahrzehntelanger Vernachlässigung und des Verschwindens dieser Gemeinschaft lassen sich noch immer Spuren dieser vergessenen Gemeinschaft finden.
In Karatschi sind die sichtbarsten Zeugnisse auf den Friedhöfen der Stadt zu finden. Auf dem Mewa-Shah-Friedhof tragen verwitterte Grabsteine hebräische Inschriften, Davidsterne und die Namen von Männern und Frauen, die einst Teil des täglichen Lebens der Stadt waren. Einige Gräber sind mehr als 170 Jahre alt. Andere sind aufgrund von Vernachlässigung und Überbauung verfallen oder verschwunden.
Ein weiteres ehemaliges Synagogengebäude im Stadtteil Ramaswamy soll in veränderter Form erhalten sein, seiner ursprünglichen Bestimmung beraubt und kaum noch zu erkennen. Zusammen offenbaren diese Überreste das Ausmaß von Pakistans historischer Amnesie.
Die Geschichte der Juden in Karatschi stellt zudem die Annahme in Frage, dass Juden und Muslime in Südasien stets dazu bestimmt waren, in Feindschaft miteinander zu leben. Während eines Großteils der Existenz dieser Gemeinschaft waren die zwischenmenschlichen Beziehungen im Allgemeinen friedlich. Erst die Einbeziehung des arabisch-israelischen Konflikts in das lokale Leben machte aus langjährigen Nachbarn Objekte des Misstrauens.
Diese Geschichte verdient es, anerkannt zu werden, insbesondere in Pakistan selbst. Die Erhaltung eines jüdischen Friedhofs oder die Identifizierung des jüdischen Architekten hinter einem markanten Gebäude ist weder eine Befürwortung der israelischen Politik, noch erfordert sie, im Nahostkonflikt Partei zu ergreifen. Es ist schlichtweg ein Akt historischer Ehrlichkeit. Pakistan kann die Vergangenheit Karatschis nicht vollständig verstehen, wenn es die Juden ausblendet, die diese Vergangenheit mitgeprägt haben.
Die Magain-Shalome-Synagoge ist verschwunden, und die Gemeinde, die sie einst mit Gebeten erfüllte, hat sich zerstreut. Doch die Gemeinschaft ist nicht spurlos verschwunden. Ihre Nachkommen leben in Israel und anderswo. Ihr Name lebt in einer Synagoge in Ramle weiter und ihre Grabsteine und Gebäude zeugen weiterhin von dem, was einst existierte. Zu lange wurden Pakistans Juden so behandelt, als hätten sie nie existiert. Es ist an der Zeit, sie wieder in die Geschichte einzubinden, die sie mitgestaltet haben.
Michael Freund, Gründer und Vorsitzender von Shavei Israel, war stellvertretender Kommunikationsdirektor unter dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Der ordinierte Rabbiner lebt seit 25 Jahren in Israel. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)
