Islamismus in Israel

Kundgebung des Führers der Islamischen Bewegung, Raed Salah, in der israelischen Stadt Umm al-Fahm
Kundgebung des Führers der Islamischen Bewegung, Raed Salah, in der israelischen Stadt Umm al-Fahm (© Imago Images / Anadolu Agency)

Der islamistische Extremismus ist längst keine Bedrohung von außen. Innerhalb der arabischen Gesellschaft Israels haben radikale Ideologien über Jahrzehnte Fuß gefasst. Ihre Wurzeln reichen bis in die Zeit vor der Staatsgründung zurück.

Seit seiner Gründung am 14. Mai 1948 wurde der Staat Israel immer wieder mit Krieg und Terror konfrontiert. Mehrfach musste er sich gegen koordinierte Angriffe seiner arabischen Nachbarn verteidigen, die seine Zerstörung anstrebten. Neben zahlreichen Waffengängen wurde das Land auch über Jahrzehnte hinweg Ziel von Terroranschlägen, die überwiegend von palästinensischen Organisationen aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland verübt oder von dort aus vorbereitet wurden. Für die israelische Gesellschaft gehörte diese Bedrohung deshalb seit Generationen zur politischen und sicherheitspolitischen Realität.

Der Anschlag von Hadera am 27. März 2022 fügte dieser Geschichte jedoch eine andere, besonders beunruhigende Dimension hinzu. In der nordisraelischen Küstenstadt, zwischen Haifa und Tel Aviv gelegen, eröffneten zwei Männer das Feuer auf Polizisten, töteten zwei Beamte und verletzten weitere Menschen. Die beiden Attentäter wurden anschließend von einer in der Nähe befindlichen Antiterror-Einheit erschossen.

Das eigentlich Beunruhigende lag jedoch nicht nur im Anschlag selbst, sondern in der Herkunft der Täter. Beide waren israelische Staatsbürger und stammten aus Umm al-Fahm, einer arabisch geprägten Stadt im Norden des jüdischen Staates. Sie waren nicht über eine Grenze ins Landesinnere gelangt, sondern lebten innerhalb Israels selbst. Sicherheitsbehörden stuften sie als Anhänger des Islamischen Staates (IS) ein. Damit rückte eine Frage ins Zentrum, die von weit größerer Bedeutung ist als der einzelne Anschlag: Wie tief konnten islamistische und dschihadistische Ideologien inzwischen in Teilen der arabischen Gesellschaft Israels Fuß fassen? Dort leben heute rund 1,85 Millionen Muslime, die etwa 18,6 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Islamische Bewegung und Islamischer Staat

Hadera war dabei keineswegs ein Einzelfall. Bereits 2017 nahm der israelische Inlandsgeheimdienst Shin Bet drei auch aus Umm al-Fahm stammende israelische Araber fest, die sich ebenfalls zum IS bekannten und einen bewaffneten Anschlag auf dem Tempelberg planten. Zwei von ihnen hatten nach Erkenntnissen der Ermittler bereits Waffen und Munition für den geplanten Angriff beschafft.

Die Spur reicht sogar noch weiter zurück. Bereits im September 1999 erschütterten zwei Autobombenanschläge Haifa und Tiberias. Hinter den Anschlagsplänen standen Mitglieder einer Zelle israelischer Araber aus dem Umfeld der radikalen Nordfraktion der Islamischen Bewegung. Nach Erkenntnissen der israelischen Sicherheitsbehörden waren die Männer von der Hamas im Westjordanland rekrutiert worden. Ihr Ziel waren unter anderem Busse, in denen sie im jüdischen Staat möglichst viele Menschen töten wollten. Die Sprengsätze detonierten jedoch vorzeitig, bevor die geplanten Anschläge ausgeführt werden konnten.

Mehr als zwei Jahrzehnte liegen zwischen diesen drei Fällen. Doch alle verweisen auf eine zunehmende Radikalisierung des politischen Islam innerhalb Israels. Seine Geschichte beginnt allerdings nicht mit dem Aufstieg des IS. Neben dem dschihadistischen Islamismus existiert seit Jahrzehnten eine andere, politisch-religiöse Strömung, die aus der Tradition der Muslimbruderschaft hervorgegangen ist: die Islamische Bewegung in Israel. Ihre radikalere Nordfraktion wurde maßgeblich von einem Mann geprägt: dem Prediger und langjährigen politischen Aktivisten Raed Salah.

»Auch meine Jugend wurde durch seine islamistische Propaganda beeinflusst«, sagt Yahya Mahamed, ein israelisch-arabischer Aktivist der Nichtregierungsorganisation StandWithUs, der ursprünglich aus Umm al-Fahm stammt. »Ich wuchs in einem Umfeld auf, in dem wir alle mit Lügen und Fehlinformationen über Israel gefüttert wurden. Die antisemitische Hetze war allgegenwärtig. Erst als ich während meiner Schulzeit eine Arbeit in Tel Aviv fand und außerhalb meiner eigenen Gemeinschaft mit jüdischen Israelis in Kontakt kam, begann ich zu erkennen, dass vieles von dem, was mir vermittelt worden war, nicht der Realität entsprach.«

Sein Geburtsort liegt im Norden Israels, nur wenige Kilometer vom Westjordanland entfernt. Mit ihrer überwiegend muslimisch-arabischen Bevölkerung gilt Umm al-Fahm seit Jahrzehnten als eine Hochburg der Islamischen Bewegung in Israel und war die politische Heimat ihres charismatischen Führers Salah. Der sunnitische Imam stand an der Spitze seiner Nordfraktion, die 2015 von Israel verboten wurde. Über Jahre machte er die Parole »Al-Aqsa ist in Gefahr« zum zentralen Schlagwort seiner religiösen und politischen Mobilisierung.

Die Auseinandersetzung um den Tempelberg und die Al-Aqsa-Moschee stellte er dabei in einen umfassenderen politischen Kampf gegen Israel. Seine Rhetorik – u. a. wiederholte Anstiftung zum Volksaufstand – brachte ihn des Öfteren mit den israelischen Behörden in Konflikt. So wurde Salah mehrfach zu Gefängnisstrafen verurteilt, was ihn unter vielen seiner Anhänger nur noch stärker zur Ikone machte. »Die islamistische Ideologie von Raed Salah hat eine ganze Generation vergiftet«, betont Mahamed. »Er hat religiöse Gefühle benutzt, um Angst und Hass gegenüber Juden zu schüren. Seine Botschaft war nicht nur theologisch – sie war politisch und richtete sich gegen die Existenz Israels.«

Salahs Parole wurde über Jahre zum Markenzeichen der Organisation. Diese stellt sich ausdrücklich gegen eine politische Integration in den israelischen Staat und verband religiöse Identität mit einem politischen Kampf um Jerusalem. 2015 verbot Israel die Organisation; Sicherheitsbehörden verwiesen dabei unter anderem auf ihre Verbindungen zur Muslimbruderschaft und zu Hamas.

Doch die Verbindung von religiöser Mobilisierung, Antisemitismus und politischem Kampf hat in der Region eine weit längere Vorgeschichte. Bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren machte der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, die Auseinandersetzung um Jerusalem und den Tempelberg sowie die Hetze »Al-Aqsa ist in Gefahr« zu einem zentralen Element seiner antijüdischen Agitation. Später verbündete er sich mit Nazi-Deutschland und Adolf Hitler und unterstützte die deutsche Propaganda im Nahen Osten.

Religion und Politik

Bei Salah zeigt sich dieses alte Muster in veränderter Form: Religiöse Symbole werden politisiert, Ängste geschürt und der Konflikt mit den Juden und später mit dem Staat Israel als religiöse Auseinandersetzung dargestellt. Aber die Geschichte des Islamismus innerhalb Israels ist nicht nur eine der radikalen Prediger. Sie ist auch die von Menschen, die in diesem Umfeld aufwuchsen – und sich irgendwann gegen die Ideologie stellten.

»Die arabische Gesellschaft in Israel ist alles andere als homogen«, erzählt der aus Nazareth stammende Mohammad Darawshe, Direktor des Zentrums für gemeinsame Gesellschaft im Kibbuz Givat Haviva, das die Zusammenarbeit zwischen benachbarten jüdischen und arabischen Städten fördert. »Man muss sehr genau zwischen arabischer Identität, islamischer Religiosität und Islamismus unterscheiden. Wer diese Begriffe miteinander gleichsetzt, versteht diese Bevölkerungsgruppe nicht.«

Der Politikexperte beschäftigt sich in seiner Forschung mit den gesellschaftspolitischen Entwicklungen innerhalb der arabischen Bevölkerung Israels. Dabei zeigt sich, dass religiöse Zugehörigkeit allein noch nichts darüber aussagt, wie Menschen politisch denken oder handeln. Denn eine überwältigende Mehrheit ist weder islamistisch noch dschihadistisch. Sie kann sich kulturell und religiös stark mit dem Islam identifizieren, ohne daraus ein politisches Programm abzuleiten.

»Islamismus beginnt, wo aus religiöser Überzeugung ein politischer Herrschaftsanspruch entsteht – und Dschihadismus wiederum, wo dieser Anspruch mit Gewalt und Terror durchgesetzt werden soll«, erklärt Darawshe. Es wäre deshalb ein Fehler, jeden religiösen Muslim unter den Verdacht des Islamismus zu stellen. Genauso falsch wäre es aber, die Existenz islamistischer und dschihadistischer Strömungen innerhalb der arabischen Gesellschaft zu leugnen. »Der entscheidende Unterschied liegt zwischen Identität, Ideologie und Gewalt.«

Damit stellt sich nicht nur die Frage, wie viele Menschen sich vom Islamismus distanzieren, sondern auch, woher dessen ideologische Kraft über Jahrzehnte hinweg stammte. Denn die islamistische Bewegung in Israel entstand nicht im luftleeren Raum. Ihre geistigen Wurzeln reichen zurück zur Muslimbruderschaft, die seit ihrer Gründung 1928 in Ägypten ein politisches Verständnis des Islam propagiert und später auch in der arabischen Welt zahlreiche radikale Bewegungen beeinflusst hat. Ihr Gedankengut fand auch Eingang in die arabische Gesellschaft Israels – zunächst vor allem als religiöse und soziale Strömung, zunehmend aber auch als politische Kraft.

»Die Islamische Bewegung in Israel erkennt das Existenzrecht des jüdischen Staates nicht an«, warnt Mordechai Kedar, Dozent für Orientalistik an der Bar-Ilan-Universität. »Nach ihrer Vorstellung ist das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan ein Waqf-Land – also ein Gebiet, das für immer den Muslimen gehört. Diese radikale politische Strömung folgt diesem politischen Verständnis des Islam, also jener ideologischen Brutstätte, aus der auch Terrororganisationen wie Hamas, al-Qaida und der Islamische Staat hervorgegangen sind.«

Für den Arabisten liegt die Bedeutung dieser Entwicklung vor allem darin, dass sich islamistische Vorstellungen nicht auf den religiösen Raum beschränken müssen. Sie können ein politisches Weltbild hervorbringen, in dem die Zugehörigkeit zu einem Staat und die religiöse Zugehörigkeit miteinander konkurrieren. Kedar sieht in der Islamischen Bewegung einen Teil einer größeren Entwicklung des politischen Islam, dessen verschiedene Ausprägungen sich im Laufe der Jahrzehnte unterschiedlich radikalisierten.

Entscheidende Lehre

Der Einfluss blieb dabei nicht auf die arabischen Städte im Norden Israels beschränkt. Auch unter Teilen der Beduinen – vor allem im Negev – gewann der Islamismus seit dem Beginn der 2000er-Jahre zunehmend Einfluss, unter anderem durch religiöse Bildungsarbeit, soziale Netzwerke und politische Mobilisierung. »Der Konflikt wurde von Anfang an auch als religiöser Krieg geführt«, betont der Nahostexperte. «Zunächst durch Haj Amin al-Husseini, später durch die Muslimbruderschaft und ihre palästinensischen Ableger: die Hamas im Westjordanland und im Gazastreifen sowie der politische Islam innerhalb Israels. Der Dschihadismus ist keine plötzlich aufgetauchte Ideologie, sondern die radikale Ausprägung eines politischen Islams, der schon lange zuvor gesellschaftliche und politische Räume zu verändern versuchte.«

Doch gerade persönliche Geschichten zeigen, dass politische Radikalisierung kein unumkehrbarer Prozess sein muss. Wer in einem ideologischen Umfeld aufwächst, kann das dort vermittelte Weltbild hinterfragen – vorausgesetzt, er erhält die Möglichkeit, andere Erfahrungen zu machen und die eigenen Überzeugungen an der Realität zu messen. Der persönliche Ausstieg ist dabei jedoch nur der erste Schritt. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern, in denen extremistische Vorstellungen über Jahre hinweg Fuß fassen konnten.

»Der politische Islam hat in Teilen der arabischen Bevölkerung Israels über Jahrzehnte festen gesellschaftlichen Boden gewonnen«, betont Yahya Mahamed. »Die Entwicklung muss an der Wurzel verändert werden. Es reicht nicht, dass Menschen, die sich von solchen Ideologien lösen wollen, von ihrer Heimat wegziehen. Nicht jeder kann Umm al-Fahm oder eine andere arabische Stadt verlassen und nach Tel Aviv gehen. Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, muss dieser Wandel in unseren eigenen Gemeinden beginnen.«

Mahamed beschreibt ein Dilemma, vor dem der jüdische Staat auch künftig stehen wird: Islamistische Ideologien lassen sich nicht allein mit Sicherheitsmaßnahmen bekämpfen. Wo sie über Jahre soziale Räume, religiöse Institutionen und politische Identitäten prägen konnten, braucht es ebenso Bildung, wirtschaftliche Perspektiven, gesellschaftliche Teilhabe und Menschen, die bereit sind, innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft zu widersprechen. Entscheidend ist, ob ihnen innerhalb der Gesellschaft dauerhaft ein alternatives Verständnis von Zugehörigkeit, Identität und Zusammenleben entgegengesetzt werden kann.

»Aufgrund meiner eigenen Erfahrung versuche ich, Menschen dabei zu helfen, sich von solchen Ideologien zu lösen«, sagt Mahamed über sein Engagement in Umm al-Fahm, wo er Graffiti mit IS- und Hamas-Symbolen sowie Hakenkreuzen entfernt. »Wir müssen den Hass beseitigen und vielleicht liegt genau darin die entscheidende Lehre aus der Geschichte des Islamismus: Der Kampf dagegen entscheidet sich nicht nur an Grenzen, in Gefängnissen oder im Kampf gegen Terrorzellen, sondern auch dort, wo Menschen lernen, zwischen religiösem Glauben und politischem Fanatismus zu unterscheiden – und den Mut finden, einer Ideologie zu widersprechen, die sie selbst einmal für die Wahrheit hielten.«

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