»Menschlich verständlich, aber zu wenig professionell«

»Zu wenig professionell«: Oren Persico bei seinem Online-Vortrag über die Lager der Medien in Israel
»Zu wenig professionell«: Oren Persico bei seinem Online-Vortrag über die Lager der Medien in Israel (© Amal Persico, Imago Images / Xinhua)

Der linke israelische Journalist Oren Persico geht mit Teilen der israelischen Medienlandschaft hart ins Gericht. Er fordert mehr professionelle Ethik, größere politische Unabhängigkeit und vor allem weniger Selbstzensur.

»Wer heute Abend geneigt sein sollte, 2.000 oder 10.000 Euro an das Online-Magazin »The Seventh Eye« zu spenden, erhält wahrscheinlich eine Ablehnung«, sagt Susanne Stephan zu Beginn eines Online-Vortrags Anfang August. Stephan ist Vorsitzende des Verbands Jüdischer Journalistinnen und Journalisten (JJJ), der den israelischen Journalisten Oren Persico eingeladen hat, über die »Lage der israelischen Medien« zu sprechen. Rund dreißig Menschen nahmen an der Veranstaltung teil, darunter, wie Stephan später einschätzt, eine Handvoll JJJ-Mitglieder.

Dass »The Seventh Eye« als NGO, die Medien kritisch beobachtet, überhaupt auf große Spenden verzichtet, sei Teil ihrer Strategie, unabhängig zu bleiben, erklärt Persico. Man wolle einen übermäßigen Einfluss einzelner Geldgeber vermeiden. Das Magazin, das heute nur noch online erscheint, wurde 1996 gegründet. Es gehörte bis vor zehn Jahren zum Israel Democracy Institute, das sich der Stärkung der demokratischen Institutionen Israels verschrieben hat. Im Jahr 2023 wurde »The Seventh Eye« in Tel Aviv mit dem in der Presse angesehenen Sokolov-Preis für seine kritische und unabhängige Berichterstattung über die israelischen Medien ausgezeichnet.

Schlüsselproblem

Für Persico, der seit 2007 für »The Seventh Eye« arbeitet, ist die Finanzierung der israelischen Medien ein Schlüsselproblem. Mit rund zehn Millionen hebräischsprachigen Medienkonsumenten weltweit sei der israelische Markt zu klein, um viele Medienunternehmen profitabel zu machen. Diese würden deshalb häufig von Unternehmen getragen, die in anderen Geschäftsfeldern ihre Gewinne erwirtschafteten.

Channel 12 sei etwa mit einer Bank verbunden, Channel 13 habe bis vor Kurzem einem Multimillionär gehört. Für Persico sind solche Verflechtungen problematisch: Politische und wirtschaftliche Abhängigkeiten könnten die journalistische Unabhängigkeit untergraben. Dabei gilt die israelische Presse traditionell als eine der lebendigsten der Welt und als eine starke Säule der Demokratie des Landes, wie Stephan es betont. Doch gerade dieses Selbstverständnis hält Persico für gefährdet.

Seit dem 7. Oktober 2023 habe die israelische Presse – von wenigen Ausnahmen abgesehen – »komplett versagt«, meint Persico. Besonders scharf kritisiert er Channel 14. Den Sender bezeichnet er als »Anti-Medium«, weil er andere Medien regelmäßig als korrupt, inkompetent oder gar verräterisch darstelle. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe einen direkten Draht in die Redaktion von Channel 14. So sei Yaakov Bardugo dort ein prominenter Kommentator, der am selben Tag als Berater im Büro des Ministerpräsidenten und später als Kommentator über dieselbe Angelegenheit im Fernsehstudio auftrete.

Der Einfluss von Channel 14 auf die Bevölkerung sei denn auch am größten. Bei Gesprächen auf der Straße, im Supermarkt, im Taxi oder in der Schule könne man häufig Menschen erkennen, die »den Verschwörungstheorien und der Hetze des Senders« verfallen seien. Das sei regelrechtes »Brainwashing«, so Persico. Als Tiefpunkt in den ersten Kriegsmonaten erwähnt er die auf Channel 14 geäußerte Schadenfreude über die damals wachsende Zahl palästinensischer Toter oder über Gebäude, die in Gaza unter Bombenangriffen einstürzen.

Die Zuschauer, die zwischen Channel 11, 12 und 13 pendelten, seien weniger stark in ihrer Informationsblase gefangen. Wer Channel 14 schaue, bleibe dagegen in der Regel bei dieser einen Informationsquelle.

Medien als vierte Front

Für Persico sind die Medien eine weitere Front im politischen Konflikt um Netanjahus Macht. Nicht nur die Justiz, sondern auch die Presse als vierte Säule der Demokratie könne die Regierung gefährden. Netanjahu führe seit Jahren einen »Krieg« gegen Institutionen und Kräfte, die seine politische Macht einschränken könnten. Besonders kritisch sieht Persico ein von Kommunikationsminister Shlomo Karhi vorangetriebenes Gesetz. Es soll unter anderem die bisherige Trennung zwischen Medieneigentümern und Redaktionen aufheben. Damit, so die Befürchtung, würde politischer und wirtschaftlicher Einfluss auf Medienunternehmen erleichtert.

Ein Kabinettsbeschluss sieht nach Persicos Darstellung außerdem die Abschaffung von Galei Zahal vor. Der Radiosender gehört zum Verteidigungsministerium, arbeitet jedoch journalistisch unabhängig und berichtet nicht ausschließlich über militärische Themen. In Israel erfreut er sich großer Beliebtheit. Auch die Präsenz arabischer Israelis in den israelischen Medien sei seit Kriegsbeginn drastisch zurückgegangen. Laut einer Untersuchung von »The Seventh Eye« sei ihr Anteil an Fernsehprogrammen von knapp fünf Prozent auf höchstens 0,5 Prozent gefallen – obwohl arabische Israelis rund zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Im ansonsten erstaunlich ruhigen Chat erscheint die Frage eines offenbar irritierten Teilnehmers: »Verglichen mit Al Jazeera und arabischen Medien – wie steht es um die demokratischen Standards der israelischen Medien?« Persicos Antwort fällt eindeutig aus: Al Jazeera werde von der monarchistischen Diktatur Katar finanziert und sei daher nicht mit westlichen Medien vergleichbar. Ebenso wenig lasse sich der Ethikkodex der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) mit jenem der Terrororganisation Hamas vergleichen.

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass Persico eine hohe ethische Messlatte für die Medien einer demokratischen Nation im Krieg anlegt. Er kritisiert insbesondere, dass israelische Fernsehsender zu wenige Bilder des Leidens der Zivilbevölkerung in Gaza zeigten. Zugleich räumt er ein, dass die Medien damit auf ihr Publikum reagierten. Viele Israelis seien durch den 7. Oktober traumatisiert und wollten sich nicht zusätzlich mit dem Leid der palästinensischen Bevölkerung auseinandersetzen. Bilder aus Gaza könnten deshalb dazu führen, dass Zuschauer abschalteten.

Doch für Persico erklärt das lediglich die Selbstzensur – es rechtfertige sie aber nicht. Neben der militärischen Zensur, die etwa Informationen über bevorstehende Operationen oder Manöver betreffe, sei ein großer Teil der Zensur in Israel heute »nur Selbstzensur«. Die Redaktionen wollten die öffentliche Moral nicht beschädigen.

Persico vermisst Berichte über verurteilte IDF-Soldaten und über die Zahl der verletzten Soldaten. Kritische Berichterstattung über die Armee sei heute schwieriger als die Aufdeckung von Korruption, meint er. »Verständlich« findet Persico, dass man sich nach dem 7. Oktober rächen wolle und bestimmte Themen verdrängt würden. Genauso wie die New York Times nicht über alle afghanischen Kinder berichtet habe, die getötet wurden. »Das ist menschlich, aber nicht professionell«, so Persico.

Journalisten sollten ihren Impuls überwinden, die Truppen ihres Landes zu verteidigen – auch nach einer schrecklichen Katastrophe wie dem 7. Oktober. Ihre Aufgabe sei es, Journalisten zu sein. Das bedeutet vor allem: Wenn sie ein Thema für relevant hielten, weil es ihrem Publikum helfe, zu verstehen, was in der Welt geschehe, sollten sie sich nicht davon abbringen lassen, darüber zu berichten.

Wenige positive Ausnahmen

Trotz seines streng erhobenen Zeigefingers nennt Persico einige positive Beispiele. Dazu gehört Guy Peleg von Channel 12, der über den Fall von Soldaten berichtete, die palästinensische Gefangene im Lager Sde Teiman missbraucht haben sollen. Dass ein solcher Bericht überhaupt ausgestrahlt werden könne, sei für Persico ein Beleg für die weiterhin vorhandene Stärke der israelischen Demokratie.

Auch Nir Hasson von Haaretz hebt er hervor. Der Journalist habe aus einem Krankenhaus in Gaza über verletzte Kinder berichtet. Haaretz sei überhaupt die einzige israelische Redaktion, die nach Persicos Einschätzung noch konsequent seriöse linke Informationen veröffentliche. Zwar repräsentiere die Zeitung nur einen kleinen Teil der israelischen Gesellschaft. Dennoch werde sie weiterhin viel gelesen und besitze deshalb politischen Einfluss.

Für die bevorstehenden Wahlen im Oktober schätzt Persico zwar eher ein, dass Netanjahu verlieren wird, aber er hält eine Art Trump-Szenario für denkbar. Der bisherige Premierminister könnte das Vertrauen der Wähler in den Wahlvorgang schwächen, meint der israelische Journalist, und im Falle einer Niederlage behaupten, die Wahlen seien irgendwie unfair abgelaufen.

Der Haaretz laufen die Leser davon

Von David Isaac. Nach Israel diffamierenden Äußerungen des Verlegers kündigen Leser massenhaft ihre Abonnements der israelischen Tageszeitung Haaretz.

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