Was geschieht gerade in Syrien? (Teil VIII): Wie al-Sharaa die Kurden vereint

Im Mena-Watch-Talk spricht Thomas von der Osten-Sacken über die dramatischen Entwicklungen im Nordosten Syriens, die Reaktionen der Kurden in der gesamten Region und die Aussicht auf einen Sturz des iranischen Regimes.

Der in der vergangenen Woche vereinbarte und ursprünglich auf vier Tage befristete Waffenstillstand zwischen syrischen Regierungstruppen und den Syrischen Demokratischen Kräfte (Syrian Democratic Forces/SDF) wurde kurzfristig um fünfzehn Tage verlängert. Im Mena-Watch-Talk führt Thomas dies vor allem auf den Druck der USA zurück, deren angekündigter Transfer von IS-Gefangenen aus Syrien in den Irak noch einige Zeit beanspruche.

Ob es dann zu einer weiteren militärischen Eskalation kommen wird, könne man jetzt nicht sagen, handle es sich doch um »eine absolut fluide Situation«. Klar sei, dass ein Vorrücken der Regierungstruppen auf das symbolträchtige Kobani sowie in die kurdischen Kerngebiete und die Stadt Qamischli eine enorme Zahl an Opfern verursachen würde, da die SDF um diese Orte kämpfen würden.

Schon jetzt sei jedenfalls die humanitäre Lage dramatisch. Es gebe viele Binnenvertriebene, für die zu wenige Unterkünfte und sonstige Versorgung zur Verfügung stehe. Verstärkt werde die Not noch durch gerade herrschende extreme Kälte in der Region.

Konfligierende Leidensgeschichten

Für Thomas von der Osten-Sacken birgt die gegenwärtige Situation ein besonderes Eskalationspotenzial, das nicht zuletzt auf unterschiedliche Leidenserfahrungen und gegenseitige Fehleinschätzungen beider Konfliktparteien zurückzuführen sei.

Die dominierende Erfahrung im westlichen Teil Syriens sei die ungeheure Brutalität gewesen, mit der das Assad-Regime zuerst gegen regierungskritische Demonstranten und später gegen die bewaffnete Opposition vorgegangen ist und »mit Giftgas, Todesschwadronen, russischer und libanesischer und iranischer Hilfe ein halbes Land platt gemacht hat«. Das habe Assad zum Hauptfeind der arabischen Syrer gemacht.

Aus ihrer Sicht hätten die Kurden in Nordostsyrien den mörderischen Diktator nicht bekämpft, sondern sich mit ihm arrangiert, was ihnen den Aufbau der Autonomie-Region ermöglicht habe. Die SDF stünden für al-Sharaa deshalb für eine Minderheit, bestehend aus Kollaborateuren des Assad-Regimes, das mittlerweile aber Geschichte sei, weswegen die Autonomieregion sich wieder in den Gesamtstaat integrieren müsse.

Die Kurden hätten im Gegensatz dazu hauptsächlich nicht unter dem Assad-Regime gelitten, sondern unter den Dschihadisten von al-Qaida und dem Islamischen Staat sowie türkischen Interventionen. Für sie steht daher der ehemalige al-Qaida-Chef al-Sharaa für den Hauptfeind, gegen den man sich verteidigen müsse. Beide Seiten sähen sich also als Opfer, für deren Leidensgeschichte die jeweils andere Seite verantwortlich gewesen sei, die sie als »Wiedergänger des Feindes« betrachteten. Im Unterschied zum Irak, in dem sich sowohl die Schiiten im Süden als auch die Kurden im Norden als Opfer des gemeinsamen Feindes Saddam Hussein verstanden hätten, gebe es in Syrien keine vergleichbar verbindende Leidensgeschichte.

Stattdessen sage die eine Seite, »ihr seid Kollaborateure mit Assad, ihr wollt das Land spalten und ihr seid die Feinde der Revolution, der syrischen Revolution«, während die andere Seite sage, »ihr seid die Wiedergänger des Islamischen Staates und wollt einen neuen Genozid und uns vernichten«.

Beispiellose kurdische Mobilisierung

Zusätzliches Eskalationspotenzial entstehe durch die Überzeugung al-Sharaas, es nur mit den syrischen Kurden zu tun zu haben, die nur eine von vielen Minderheiten im Land seien. Er habe völlig verkannt, auf welch ungeheure Resonanz die Zuspitzung der Lage bei den Kurden in der Türkei, im Irak und zum Teil auch im Iran gestoßen sei.

Von der Osten-Sacken illustriert dies anhand seiner Erlebnisse im nordirakischen Sulaimaniyya, wo er sich seit letzter Woche aufhält. In über dreißig Jahren Arbeit in der Region habe er Vergleichbares noch nicht gesehen: »So eine Welle von Nationalismus habe ich hier noch nie erlebt. Jeden Tag demonstrieren Tausende junge Menschen für Rojava.« Über Länder- und normalerweise scharf ausgeprägte Parteigrenzen hinweg solidarisierten sich Kurden, für die der Vormarsch der HTS-Truppen in Syrien als Angriff auf ganz Kurdistan gelte und die sich plötzlich als ein Volk von vierzig Millionen wahrnähmen.

Solidarität mit den Kurden in Syrien auf einer Demonstration in Sulaimaniyya. (Aufnahme: Thomas von der Osten-Sacken.)

Dass der syrische Religionsminister vergangene Woche eine Stellungnahme zu dem Konflikt ausgerechnet mit Auszügen aus der Anfal-Sure, der achten Sure des Korans, übertitelte, habe sein Übriges zur Mobilisierung der Kurden beigetragen: Anfal war der Name der irakischen Vernichtungsfeldzüge gegen die Kurden Ende der 1980er-Jahre.

Mit bitterem Humor bringt von der Osten-Sacken die neue Dynamik auf den Punkt: »Eine Kollegin von mir hat gestern den Witz gemacht: Al-Sharaa ist der erste Politiker, der die Kurden geeinigt hat.«

Iranische Kurden bereiten sich auf Tag X vor

Wie von der Osten-Sacken berichtet, treffen im kurdischen Nordirak, wo viele Menschen nicht nur familiäre Verbindungen in den Iran, sondern auch iranisch-kurdische Oppositionsgruppen Zuflucht gefunden haben, nach und nach Berichte über die barbarische Repression ein, mit der das iranische Regime die jüngste Protestwelle niederzuschlagen trachtete.

Schätzungen sprechen mittlerweile davon, dass die Regimeschergen in nur zwei Tagen, am 8. und 9. Januar, rund 30.000 Iraner ermordet haben sollen. Die Erzählungen, die von der Osten-Sacken hört, passen zu diesen fürchterlichen Zahlen. Insbesondere im kurdischen Teil des Irans muss sich in den vergangenen Wochen »ein einziges barbarisches Blutbad« abgespielt haben.

In dieser Lage gehe unter den iranisch-kurdischen Oppositionsgruppen die Hoffnung um, das Regime hätte dieses Mal den Bogen endgültig überspannt.

Genährt wird diese Hoffnung auch durch den gewaltigen Aufmarsch des US-Militärs, der die Kurden glauben macht, dass die Vereinigten Staaten doch noch »eine Art von Enthauptungsschlag gegen das iranische Regime« unternehmen werden. Für eine bloße Drohung sei das, was da aufgefahren wurde, viel zu umfangreich: »Das macht man nicht aus Show. Das kostet jeden Tag mehrere hundert Millionen Dollar, was sie da gerade veranstalten.«

Unter diesen Umständen würden sich die exiliranischen Kurden auf den Tag X vorbereiten, an dem sie bestrebt wären, »über die Grenze zu gehen und zu schauen, dass sie möglichst viel Gebiet sehr schnell kontrollieren und dort dann ein Äquivalent zu der kurdischen Regionalregierung im Irak aufbauen«.

Damit würde auch ein Rückzugsgebiet entstehen, in das Menschen aus anderen Teilen des Irans fliehen könnten, sollte es dort nach einem Sturz oder Zusammenbruch des Regimes zu blutigen Eskalationen kommen.

An eine Zukunft des iranischen Regimes glaubt Osten-Sacken nicht – erst recht nicht, nachdem dieses in den vergangenen Wochen schlicht »Krieg gegen die eigene Bevölkerung« geführt habe wie einst Saddam Hussein bei der Niederschlagung der schiitischen Aufstände im Südirak 1991. Mit Blick auf die beiden Konfliktarenen Syrien und den Iran hofft er, dass am Ende »am richtigen Ort der Krieg herrscht und am richtigen Ort der Frieden und es nicht umgekehrt ist. Das wäre die beste Lösung im Moment.«

Für weitere Mena-Talks besuchen Sie unseren Mena-Watch-YouTube-Kanal.

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