Mit dem Neologismus »Wholocide« versucht der Permanente Arabische Ausschuss für Menschenrechte, die Palästinenser als Opfer eines israelischen Holocausts darzustellen.
Der Permanente Arabische Ausschuss für Menschenrechte (Permanent Arab Committee for Human Rights, PACHR) ist ein Gremium, das in beratender Funktion für die Arabische Liga tätig ist. In ihm sind 21 Mitgliedstaaten sowie der bislang nicht vollständig anerkannte Staat Palästina vertreten 21 Mitgliedstaaten sowie der bislang nicht vollständig anerkannte Staat Palästina vertreten sind.
Anlässlich seiner 58. Sitzung am 15. Juli hat das Komitee den Neologismus »Wholocide« erschaffen. Dieser setzt sich phonetisch aus dem Wort »Holocaust« und dem Suffix »cide« (töten) zusammen. Damit sollen die angeblich beispiellosen Verbrechen in einem Wort zusammengefasst werden, die Palästinenser in Gaza seit dem 7. Oktober erlitten hätten. Diese überträfen buchstäblich Völkermord, im westlichen Diskurs das »Verbrechen der Verbrechen«. Der Begriff »Wholocide« ist keine Abbildung der Realität des Krieges in Gaza, sondern eine rhetorische Waffe gegen Israel, mit deren Hilfe auf internationaler Ebene moralische Empörung und ein beispielloser Opferstatus der Palästinenser inszeniert werden sollen.
Da in der arabischsprachigen Welt die Erinnerung an den Holocaust kaum eine Rolle spielt, soll hier analog zum Begriff »Wholocide« – der eher für eine spezifisch westliche Zielgruppe gedacht sein dürfte – die kollektive Erinnerung an den »Ahwal« eingeführt werden.
Muhannad al-Aklouk ist der palästinensische Repräsentant im ACHR-Gremium, der Gespräche mit internationalen Diplomaten, Ministern und EU-Vertretern führt, um über die politische und humanitäre Lage im Gazastreifen sowie im Westjordanland zu informieren. Laut ihm sei der arabische Begriff »Ahwal« ein Rückbezug auf Aussagen der »Opfer des Völkermords in Gaza, die das von ihnen Erlittene als ›die Schrecken des Jüngsten Gerichts‹« beschrieben hätten. Parallel zu al-Aklouks Aussagen kursiert auf TikTok das Gerücht, im Koran stehe geschrieben, der »Tag des Jüngsten Gerichts« komme, wenn Palästina erst »frei« sei.
Die Forcierung der Begriffe »Wholocide« und »Ahwal« zielt offenbar darauf ab, Israel als dem Land der Holocaustüberlebenden den Rang abzulaufen. Indem die Palästinenser unter einem Verbrechen leiden sollen, das Völkermord und – die Anspielung auf das Jüngste Gericht suggeriert es – sogar den Holocaust übertrifft, werden sie zu einzigartigen Opfern der Geschichte stilisiert. Israel hingegen erscheint in diesem Licht als neuer NS-Staat bzw. als »noch schlimmer als die Nazis«.
Mit dem Schritt, die Begriffe »Wholocide« bzw. »Ahwal« etablieren zu wollen, sind auch politische Forderungen verbunden wie die »Dokumentation der Verbrechen, das Recht der Opfer auf Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Gedenken«, aber auch juristische Bemühungen zur Strafverfolgung. Gleichzeitig solle fortan der 17. Oktober als jährlicher Gedenktag für die Opfer des »Ahwal« festgelegt werden.
Laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa wurden am 17. Oktober 2023 innerhalb von weniger als 24 Stunden mehr als 700 Palästinenser in Gaza getötet, darunter die Opfer eines »Massakers« im Al-Ahli Arab Hospital in Gaza-Stadt. Allerdings war es keine israelische, sondern eine fehlgehende Rakete des Palästinensischen Islamischen Dschihad, die an diesem Tag das Krankenhaus getroffen und weit weniger Palästinenser getötet hatte als die behaupteten 400. Zudem soll sich laut Angaben der IDF unter dem Krankenhaus eine Kommandozentrale der Hamas befunden haben.
Die Wortneuschöpfung »Wholocide« reiht sich in eine Liste gezielter Desinformationskampagnen ein, bei denen Israel verleumdet, diffamiert und dämonisiert wird. So gibt es noch weitere Begrifflichkeiten, mit denen die palästinensische Seite versucht, die internationale Gemeinschaft gegen den Staat Israel zu mobilisieren.
»Scholasticide«
Die an der Universität Oxford lehrende palästinensische Sozialwissenschaftlerin Karma Nabulsi prägte während des Gaza-Krieges 2008/2009 den Terminus »Scholasticide«. Darunter versteht sie die angeblich gezielte, systematische und vollständige Vernichtung des Bildungssystems in Gaza durch die bewusste Zerstörung von Schulen, Universitäten oder Archiven sowie die systematische Tötung palästinensischer Forscher, Lehrkräfte und Studierender im Verlauf eines Konflikts. »Wir wussten es schon vorher und sehen es jetzt deutlicher denn je, dass Israel versucht, ein gebildetes Palästina auszulöschen«, erklärte sie damals.
Nabulsis Äußerungen verdeutlichen, wie palästinensische Intellektuelle gezielte Diffamierungskampagnen in die internationale Öffentlichkeit tragen, denen regelmäßig große internationale Aufmerksamkeit zuteilwird. Ein genauerer Blick auf die Hintergründe des Gaza-Krieges 2008/2009 kann helfen, diese Debatte besser einzuordnen.
Im Jahr 2007 übernahm die Hamas nach blutigen Kämpfen und politischen »Säuberungen« gewaltsam die Kontrolle über den Gazastreifen und tötete zahlreiche Angehörige der rivalisierenden Fatah von Mahmud Abbas. In der Folge kam es zu einem anhaltenden Raketenbeschuss israelischer Kibbuzim und Gemeinden im Süden des Landes. Der Versuch Ägyptens, einen Waffenstillstand zu vermitteln, scheiterte an der Weigerung der Hamas, ihre Waffen niederzulegen.
Mit dem aktuellen Gaza-Krieg gewann auch der Begriff »Scholasticide« erneut internationale Aufmerksamkeit. Auf der Mitgliederversammlung der »American Historical Association« in New York brachte die politisch links positionierte Gruppe »Historians for Peace and Democracy« im Januar 2025 eine Resolution ein, die den angeblichen »Scholasticide« in Gaza verurteilte. 428 Mitglieder stimmten für den Antrag, 88 dagegen. Seit der Gründung der Gruppe im Jahr 2003 war dies bereits das dritte Mal, dass sie eine antiisraelische Resolution einbrachte – erstmals war eine solche Initiative jedoch erfolgreich.
Der Historiker Jeffrey Herf kritisierte, dass die Resolution auf einer hochproblematischen Quellenbasis beruhe. Insbesondere habe das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR), auf dessen Angaben sich die Resolution stützte, die aus Gaza stammenden Informationen weitgehend unkritisch übernommen. Dabei werde außer Acht gelassen, dass die Hamas und mit ihr verbündete Gruppen Bildungseinrichtungen in Gaza gezielt als Waffenlager oder Abschussorte für Raketen missbrauchten.
»Infanticide«, »Reprocide«, »Athleticide«
Der Begriff »Infanticide« wiederum bezeichnet ursprünglich die vorsätzliche Tötung von Säuglingen oder Kleinkindern. Seit Oktober 2023 wird er gezielt verwendet, um der israelischen Armee eine systematische Ermordung von Kindern im Gazastreifen zu unterstellen. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff »Reprocide«, der von der palästinensischen Soziologin Hala Shoman geprägt wurde. Er wird auf die Situation von Frauen und Mädchen angewendet und soll die geschlechtsspezifischen Auswirkungen des Gaza-Konflikts auf Mütter, Neugeborene und reproduktive Gesundheitsversorgung analysieren. Der Begriff insinuiert einen gezielten Angriff auf die reproduktive Gesundheit, die Fortpflanzungsfähigkeit und die entsprechende Infrastruktur einer Bevölkerung mit dem Ziel, deren zukünftige Existenz zu zerstören.
Schließlich bemühte sich vor einigen Monaten ein Autorenkollektiv darum, einen »Athleticide« in Gaza zu beschreiben. Gemeint ist damit eine angebliche »Vernichtung« sportlicher Lebensbereiche in Gaza »durch die Tötung, Verstümmelung, Verhaftung oder Inhaftierung von Athleten, Trainern, Mitarbeitern, Funktionären und Verantwortlichen sowie durch die Zerstörung der sportlichen Infrastruktur und Geschichte«.
Gezielt werden dabei wissenschaftliche Begriffe, die keine Grundlage im internationalen Recht haben, politisch instrumentalisiert, um Israel zu dämonisieren. Unterstützung finden solche Bestrebungen nach Ansicht ihrer Kritiker auch durch Intellektuelle an Hochschulen und Universitäten, die palästinensische Narrative unkritisch übernehmen. Gleichzeitig sehen sich Palästinenser, die sich gegen die Hamas stellen, erheblichen Risiken ausgesetzt und müssen um ihre Sicherheit fürchten.
Hamas-Kritik ist nicht ausreichend
Der von palästinensischer Seite unternommene Versuch, Begriffe wie »Wholocide« zu etablieren, verdeutlicht, dass eine Kritik allein an der Hamas nur ein erster Schritt hin zum Frieden sein kann. Darüber hinaus muss auch das politische und gesellschaftliche Umfeld kritisch betrachtet werden, das daran arbeitet, den Staat Israel und seine Geschichte zu delegitimieren oder die antisemitische Israelboykott-Bewegung BDS als legitime Form des Protests zu etablieren.
Ein Narrativ, in dem Palästinenser ausschließlich als Opfer der Geschichte beziehungsweise des jüdischen Staats dargestellt werden, wird langfristig keine politischen Ergebnisse zeigen. Der Vorwurf des Völkermords gehört seit den 1970er-Jahren zu den wiederkehrenden Anschuldigungen palästinensischer Vertreter gegenüber Israel in den Vereinten Nationen, wie etwa der Holocaustforscher Norman J. W. Goda von der Universität Florida zeigt. Der Vorwurf dient bis heute dem Ziel, den bewaffneten Kampf zur »Befreiung«, also zur Vernichtung Israels, als »legitimen Widerstand« darzustellen und die Existenz des jüdischen Staates politisch zu delegitimieren.
