In der Nacht auf den 20. Juli 2026 wurde ein Mitglied der DIG Würzburg brutal angegriffen und schwer verletzt. Der Geschädigte befand sich auf dem Weg nach Hause und wartete auf den Bus. David Hellbrück sprach mit Jonas Weibel von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Würzburg über die Geschehnisse.
David Hellbrück (DH): Zuallererst: Wie geht es dem Geschädigten jetzt?
Jonas Weibel (JW): Ich habe den Betroffenen bereits am Montag gemeinsam mit einer engen Angehörigen im Krankenhaus besucht. Er war bei klarem Bewusstsein und konnte den Übergriff vollständig schildern und einordnen. Ihm ist sehr bewusst, dass der Angriff auch tödlich hätte enden können. Nach der vorläufigen Einschätzung der behandelnden Ärzte ist glücklicherweise davon auszugehen – und hier drücken wir alle weiterhin ganz fest die Daumen –, dass die Verletzungen ohne bleibende Schäden verheilen werden. Bis dahin wird es aber definitiv dauern. Die Spuren am ganzen Körper zeugen davon, wie heftig der Übergriff war.
Den Betroffenen erreicht derzeit auch viel Solidarität, insbesondere auch von außerhalb Würzburgs. Dafür sind er, seine Angehörigen und wir als DIG Würzburg sehr dankbar.
DH: Wie kam es zum Angriff? Was genau fiel vor?
JW: Nach Schilderung des Betroffenen befand er sich auf dem Nachhauseweg, als ihn der Täter auf den Israel-Anstecker an seinem Revers ansprach. Diesen hatte er von einer erst kurz zuvor unternommenen Israel-Reise aus Masada mitgebracht. Der anschließende Wortwechsel nahm offenbar schnell eine israelfeindliche Richtung. Der Täter äußerte wohl unter anderem die absurde Behauptung, Israel sei für den Tod von »Millionen« Muslimen in Syrien verantwortlich. Zudem berichtete der Betroffene von einer homophoben Äußerung, wonach Israel überall »schwule Flaggen« verbreite. Beide Aussagen dürften einem stark israelfeindlichen Verschwörungsdenken entstammen.
Zu diesem Zeitpunkt wirkte die Situation auf den Betroffenen nicht körperlich bedrohlich. Der Angreifer schlug ihm dann jedoch unvermittelt mit voller Wucht ins Gesicht, was den Beginn des brutalen Übergriffs markierte.
DH: Wie lief die Tat selbst ab und welche Verletzungen trug der Betroffene davon?
JW: Der Täter brachte ihn zu Fall und schlug und trat anschließend weiter auf ihn ein, insbesondere gegen den Oberkörper und den Kopf. Der Übergriff wirkte in der Wahrnehmung des Betroffenen nicht wie ein unkontrollierter Ausbruch, sondern zielgerichtet und bewusst strafend. So habe der Täter ihm gegenüber explizit bekundet, dass sie »Feinde« seien, bevor er ihn weiter attackierte.
Der Betroffene erlebte den gesamten Angriff bei vollem Bewusstsein. Er versuchte, sich mit Armen und Beinen gegen die Schläge und Tritte zu schützen, und konnte dadurch wohl noch schwerere oder sogar lebensgefährliche Verletzungen verhindern. Zugleich hatte er großes Glück: Verletzungen des Gehirns oder lebenswichtiger Organe wurden bisher glücklicherweise nicht festgestellt.
Die Verletzungen wurden bereits im Polizeibericht und in den Medien weitgehend beschrieben. Besonders bestürzend empfand ich die zahlreichen Blessuren im Gesicht, am Kopf und am gesamten Körper, die von der Intensität und Dauer des Übergriffs zeugen. Der Täter fügte ihm unter anderem eine Verletzung des Trommelfells, einen Knochenbruch an der Wirbelsäule sowie zahlreiche Hämatome und Prellungen zu.
DH: Gab es Zeugen? Hat jemand der Umstehenden eingegriffen?
JW: Nach meinem Kenntnisstand versuchten Umstehende, den Angreifer verbal von weiteren Schlägen und Tritten abzuhalten. Beendet werden konnte die Attacke jedoch wohl erst durch das Eingreifen der herbeigerufenen Polizei.
Antisemitische Enthemmung
DH: Was ist über den Täter zum jetzigen Zeitpunkt bekannt?
JW: Zu dem Täter liegen inzwischen öffentlich bestätigte Informationen vor. Er ist ein zwanzigjähriger syrischer Mann und war offenbar schon vorher wegen Körperverletzungsdelikten polizeibekannt. Uns liegen derzeit keine Hinweise darauf vor, dass der Täter und der Betroffene einander kannten. Alles Weitere werden die Ermittlungen zeigen.
DH: Wie reagierten Polizei und andere Verantwortliche?
JW: Der Täter musste offenbar mit Gewalt von seinem Opfer abgebracht werden. Wir wissen inzwischen, dass dabei auch ein Polizeibeamter leicht verletzt wurde. Dass inzwischen die Generalstaatsanwaltschaft München das Verfahren wegen versuchten Mordes übernommen hat, werten wir als klares Signal, dass die Tat und ihre mutmaßlich antisemitische und islamistische Motivation sehr ernst genommen werden. Auch der Würzburger Oberbürgermeister hat die Tat sehr schnell und klar verurteilt und sich mit dem Betroffenen solidarisiert.
Unsere Erfahrungen aus den vergangenen Jahren fallen allerdings deutlich gemischter aus. Antisemitismus wird oft leider erst dann konsequent verfolgt, wenn er lebensbedrohlich wird. Seit dem 7. Oktober wurden in Würzburg zahlreiche Ermittlungsverfahren wegen teils massiv antisemitischer oder terrorverherrlichender Äußerungen eingestellt oder sind im Sande verlaufen. Das deckt sich nach meinem Dafürhalten nicht mit dem gerne gezeichneten Bild einer Justiz, die konsequent gegen die Bedrohung jüdischen Lebens durchgreift.
DH: Wie möchte die DIG Würzburg mit dem Vorfall umgehen?
JW: Eigentlich hatten wir diese Woche ein Sommertreffen geplant, auf das sich viele Mitglieder bereits sehr gefreut hatten. In der aktuellen Situation ist das undenkbar. Wir werden den Termin stattdessen nutzen, um uns auszutauschen und auch gegenseitig Halt zu geben. Alle sind von der Tat sehr betroffen. Unsere erste Priorität ist die Genesung unseres schwer verletzten Mitglieds. Wir stehen in engem Kontakt mit ihm und seinem persönlichen Umfeld und unterstützen dort, wo es möglich ist.
Zugleich werden wir uns durch diesen Angriff nicht einschüchtern lassen. Ein wichtiger nächster Schritt ist die Mahnkundgebung am kommenden Freitag in Würzburg. Wir hoffen dort auf eine breite und unmissverständliche Unterstützung aus der Würzburger Zivilgesellschaft. Aus dieser hören wir bisher leider enttäuschend wenig Resonanz. Antisemitische Gewalt darf weder verschwiegen noch als Angelegenheit einzelner Betroffener behandelt werden. Es braucht sichtbare Solidarität.
DH: War das der erste Vorfall dieser Art in Würzburg?
JW: In seiner bestürzenden Brutalität ist der Vorfall sicherlich eine neue Qualität. Überraschend kommt er jedoch nicht. Aktive Mitglieder der DIG wurden bereits in der jüngeren Vergangenheit körperlich angegangen und bedroht. Von Eierwürfen auf die eigene Wohnung über Einschüchterungen, Bedrohungen und Verfolgungen in der Öffentlichkeit bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen haben wir in Würzburg leider bereits alles erlebt. Auch das nun schwer verletzte Mitglied war bereits zuvor schon solchen Angriffen ausgesetzt. Auf unserer Website findet sich inzwischen eine regelrechte Chronik antisemitischer Eskalationen, und zwar quer durch die politischen Lager – links, rechts, islamistisch.
Die effekthascherische Rede von »Syrer verprügelt Deutschen«, unter der der Vorfall derzeit in der Presse und Öffentlichkeit teilweise verhandelt wird, empfinde ich persönlich daher als deutlich verkürzt. Sie macht die Herkunft zum vermeintlichen Kern des Problems und verdeckt das antisemitische Tatmotiv. Das Klima, in dem sich ein Täter berechtigt fühlt, in der Öffentlichkeit zuzuschlagen, ist nicht von der massiven antisemitischen Enthemmung zu trennen, die seit dem 7. Oktober in westlichen Gesellschaften spürbar geworden ist. Auf dieses Umfeld hinzuweisen, das antisemitischer Gewalt den Weg bereitet, war uns in unserer Pressemitteilung ein wichtiges Anliegen. Mich persönlich ärgert die aktuelle Berichterstattung daher teilweise sehr.
