Hamas-Verherrlichung auf Berliner Straßen: Wenn der Kinderwagen zum Ziel von Antisemitismus wird

Antisemitismus: Hamas-Dreieck auf Ernst-Thälmann-Denkmal im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg

Der Terror aus Gaza wird routiniert im deutschen Alltag gefeiert. Ein neuer antisemitischer Vorfall zeigt eine besorgniserregende ideologische Schnittmenge: Der Tatverdächtige vertritt pro-islamistische Positionen und hat eine rechtsextreme und maoistische Vergangenheit.

In Berlin reißen die Meldungen über antisemitische Übergriffe einfach nicht ab: Ein aktuell kursierendes Video dokumentiert nun einen schockierenden Vorfall vom vergangenen Wochenende im Stadtteil Prenzlauer Berg. Am Samstagnachmittag wurde dort ein Paar, das mit einem Kinderwagen auf der Fehrbelliner Straße unterwegs war, mit judenfeindlichen Schmähungen überschüttet. »Fuck Jews, kill the Jews«, hieß es unmissverständlich auf Englisch. »Fuck Zionism, Viva Hamas!«

Die Aufnahmen zeigen zwei Angreifer. Man sieht zunächst eine Frau mit einer roten Baseballmütze der New York Yankees und einem Palästinenser-Schal um den Hals. Dann rückt ihr Begleiter, ein Mann in einem T-Shirt mit dem arabischen Schriftzug »Intifada«, unvermittelt und mit Drohgebärden ins Bild.

Dass dieses belastende Material existiert, ist einem Zufall und dem beherzten Eingreifen einer Passantin im richtigen Moment geschuldet. Die Augenzeugin, die den Fall spontan und unter erheblichem persönlichem Risiko aufzeichnete, ist eine in Israel arbeitende Deutsche. Gerade aus einem Uber ausgestiegen, hatte sie die brisante Konfrontation sofort wahrgenommen und filmte die Situation mit ihrem Smartphone.

Als der Täter dies bemerkte, schrie er: »Handy weg, verpiss dich!« Er schubste die Zeugin und versuchte, ihr das Telefon zu entreißen. Es gelang ihr, mit dem Handy in ein Geschäft zu fliehen. Über die Hintergründe des Vorfalls hat die Jüdische Allgemeine mit der Zeugin gesprochen und ihre Aufnahmen auf Instagram veröffentlicht. Aus Sicherheitsgründen wurden ihre Schilderungen für das knapp zwei Minuten lange Video anonymisiert, redaktionell gekürzt und von einer Sprecherin nachgesprochen.

Ob es sich bei den ursprünglich attackierten Personen mit dem Kinderwagen um Juden oder Israelis handelte, war für die Zeugin nach eigenen Angaben nicht ersichtlich. Auch die genauen Beweggründe der Täter für die Auswahl dieser spezifischen Opfer blieben im Dunkeln. »Das Pärchen, gegen das sich die Parolen richteten, sah ich nur von hinten«, sagte sie. Es habe sich schnell entfernt.

Routinierte Radikalität

Inzwischen ermittelt der Staatsschutz wegen Volksverhetzung und Beleidigung. Die Zeugin beschreibt die Vorgehensweise der Angreifer als »sehr routiniert«. Das hängt womöglich mit dem Erfahrungsschatz einer der beiden in puncto Einschüchterung zusammen. »Es entstand bei mir der Eindruck, als würden sie gezielt Menschen einschüchtern und als sei ein solches Verhalten für sie nicht neu.«

Recherchen des Tagesspiegels untermauern diesen Verdacht: Dem Blatt liegen fundierte Informationen vor, die auf die Identität des gefilmten Mannes hinweisen. Es soll sich um eine prominente Figur der pro-palästinensischen Bewegung in der deutschen Hauptstadt handeln. Erst Ende Mai dokumentierten Aufnahmen seine Teilnahme an einer pro-iranischen Kundgebung in Berlin-Mitte. Nach Angaben des Beobachtungsvereins democ wurden dort regimegetreue Propagandagesänge verbreitet und Porträts des bei einem israelischen Luftangriff am 28. Februar getöteten Revolutionsführers Ali Khamenei öffentlich zur Schau gestellt.

Die Verstrickungen des Tatverdächtigen reichen jedoch noch weiter. Seine politische Biografie offenbart laut Tagesspiegel eine bemerkenswerte ideologische Wandlungsfähigkeit: So liegen seine Wurzeln im rechtsextremen Milieu, wo Bildaufnahmen seine aktive Teilnahme an Veranstaltungen der Nationaldemokratischen Partei (NPD, heute: »Die Heimat«) dokumentieren. Konkret ist der Mann als Teilnehmer einer NPD-Kundgebung inmitten bekannter Neonazi-Kader am Potsdamer Platz im Juni 2013 zu identifizieren.

Spätestens 2016 vollzog er jedoch eine radikale Kehrtwende und schloss sich der inzwischen aufgelösten, militant-maoistischen Gruppierung »Jugendwiderstand« an. Unter Berufung auf Recherchen des Blogs friedensdemowatch berichtete auch die Jüdische Allgemeine, dass der Mann in dieser Phase wiederholt durch Aggressionen und gezielte Übergriffe auf Pressevertreter aufgefallen sei.

Fall mit Signalwirkung

Metaphorisch gesprochen funktioniert Antisemitismus ähnlich wie Benzin, das einen Flammpunkt von minus vierzig Grad Celsius hat. Es bedarf keiner Hitze, sondern Benzin gibt selbst bei eisigen Temperaturen kontinuierlich hochexplosive Dämpfe ab. Genau darum geht es in der Metapher: Der gefährlich grassierende Antisemitismus braucht keinen tobenden Mob. Die Bereitschaft zum Hass ist im Alltag immer da, unsichtbar schwelend und zu jeder Zeit entzündbar.

Der Vorfall in Prenzlauer Berg steht nicht isoliert. Der antisemitisch rezipierte Konflikt zwischen Israel und der Hamas wird immer häufiger auf europäischen Straßen ausgetragen – mit Einschüchterungen, Gewaltandrohungen und offenem Judenhass gegen Menschen, die oftmals allein aufgrund einer vermuteten jüdischen oder israelischen Identität zum Ziel werden.

Zusätzliche Brisanz erhält diese Entwicklung vor dem Hintergrund der jüngsten Ankündigung der Hamas, ihre De-facto-Regierung im Gazastreifen auflösen zu wollen. Denn je stärker die Terrororganisation militärisch und politisch unter Druck gerät, desto größer ist das Risiko, dass sich Frustration und Radikalisierung in der pro-palästinensischen Protestszene verstärkt auf westliche Straßen verlagern.

Wenn rechtsextreme Sozialisation, linker Dogmatismus und islamistische Agitation in ein und derselben Biografie verschmelzen, gerät die herkömmliche Erfassung von Hasskriminalität an ihre Grenzen. Wie die Einordnung der Tat letztlich erfolgen wird, entscheidet über die Aussagekraft staatlicher Kriminalstatistiken und die Präzision unseres politischen Lagebildes. Die hybride Bedrohung fordert uns unnachgiebig heraus, die alten, bequemen Raster abzustreifen und dem Antisemitismus jenseits ideologischer Filter entschlossen entgegenzutreten, statt angesichts komplexer Biografien weiter tatenlos die Hände in den Schoß zu legen.

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