Die iranische Politik, die der Vorstellung vom Krieg als »göttlichem Segen« folgt, geht zurück auf die Ideologie des Revolutionsführers und Gründers der Islamischen Republik.
Kazem Moussavi
Khomeini und seine Anhänger betrachteten den Krieg nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Möglichkeit, die Revolution zu festigen. So wurde schon der Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 dazu genutzt, die Gesellschaft zu mobilisieren, Oppositionelle und Systemgegner zu unterdrücken, einen Geist der Opferbereitschaft zu schaffen und die Machtstrukturen des Regimes auszubauen. Generell dienen Konflikte dazu, das Regime als Opfer ausländischer Mächte darzustellen. Die antiamerikanische, antiisraelische und antizionistische Propaganda ist dabei das Instrument, mit dem das Regime versucht, Unterstützung zu gewinnen und zugleich von der Repression im Inneren sowie der Verbreitung von Terrorismus, Islamismus und Antisemitismus in der Region abzulenken.
Diese Denkweise wird bis heute von der politischen und militärischen Führung sowie von regimetreuen Propagandastrukturen aufrechterhalten. Während dies für die Menschen im Iran nichts anderes als Zerstörung, Angst und den Verlust ihrer Zukunft bedeutet, diente Khomeninis Doktrin dem Regime nicht nur der ideologischen Mobilisierung wegen. Auch die Sicherung der Kriegsökonomie gehörte mit zur allumfassenden Mobilmachung. Durch die Kontrolle über Schmuggelnetzwerke, Schattenökonomien und militärische Budgets festigte die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) ihre Macht und baute Parallelstrukturen auf, die bis heute das System durchdringen. Krieg bedeutet für das Regime nicht nur Überleben, sondern auch Profit.
Eskalation nach außen
Seit über einer Woche dauert der erneut aufgeflammte Krieg im Iran nun an und betrifft vor allem die im Süden des Landes gelegenen Provinzen am Persischen Golf. Darunter fällt auch Khuzestan, deren mehrheitlich sunnitisch-arabische Bevölkerung seit Jahrzehnten unter der rassistisch-religiösen Unterdrückung durch das Regime leidet. Nach Angaben des US-Zentralkommandos (CENTCOM) richten sich die Angriffe gegen Überwachungszentren, militärische Logistikinfrastruktur, unterirdische Waffendepots und Marinekapazitäten der Islamischen Republik.
Gleichzeitig gibt es Berichte über mögliche Bodentruppen und die Stationierung amerikanischer Kräfte auf der Insel Kharg. Trotz ihrer Entfernung zur Straße von Hormus ist Kharg von zenitaler strategischer Bedeutung: Über die Insel werden etwa neunzig Prozent der iranischen Ölexporte abgewickelt. Damit ist sie eine wirtschaftliche Lebensader des Regimes und ein entscheidender Faktor für seine Einnahmen und außenpolitische Handlungsfähigkeit.
Für die USA gehört die Öffnung der Straße von Hormus für die internationale Schifffahrt zu den zentralen Zielen der Operation. Dies ist der Fall, nachdem Teheran diese strategisch bedeutsame Wasserstraße blockiert und dort erneut Schiffe unter Beschuss genommen hatte. Das Regime beruft sich dabei auf die mit den USA geschlossene Absichtserklärung und behauptet, daraus eine besondere Kontrolle über die Straße von Hormus ableiten zu können.
Die Erklärung sieht jedoch keine alleinige Verwaltung oder Souveränität der Islamischen Republik über die Meerenge vor, sondern eine gebührenfrei gewährte Durchfahrt sowie Gespräche und Kooperation mit dem Oman und den Golfstaaten. Die USA betrachten das Memorandum als Übergangslösung für eine sichere und freie Schifffahrt. Sie lehnen iranische Alleinansprüche auf Hormus ab und vertreten die Position, dass eine dauerhafte Regelung nur unter Beteiligung der Anrainerstaaten und auf der Grundlage des internationalen Rechts möglich ist.
Das iranische Regime nutzt die US-Militäroperationen wiederum zur Eskalation nach außen. Dies geschieht durch Raketenangriffe auf US-Stützpunkte und andere Ziele in den umliegenden Golfstaaten. Laut Meldungen wurden dabei bislang auch zwei US-Soldaten getötet und mehr als neun weitere verletzt. Zudem gibt es weitere Angriffe auf Handelsschiffe im Golf von Oman und die Mobilisierung von Stellvertretermilizen im Irak, Jemen, Libanon und in Gaza, um die USA in einen Mehrfrontenkrieg zu verwickeln.
Repression nach innen
Doch auch nach innen nutzt die Islamische Republik den Krieg und verschärft ihre Gewalt gegen politische Gegner. So wurden am 17. Juli Raketen- und Drohnenangriffe auf Hauptquartiere und Lager iranisch-kurdischer Parteien in der irakischen Region Kurdistan durchgeführt. Dabei sollen mindestens neun Peschmerga-Kämpfer getötet und mehrere verletzt worden sein. Diese Angriffe zeigen zugleich, dass die Repression nicht an den Grenzen des Landes endet. Das Regime setzt militärische Gewalt gegen oppositionelle Kräfte ein und gefährdet damit Menschenleben sowie die Sicherheit der Region Kurdistan und des Irak.
Zugleich hat das Regime den Krieg dazu genutzt, mindestens dreizehn politische Gefangene im Zentralgefängnis von Isfahan zum Tode zu verurteilen – darunter Majid Kazemi, Saeed Yaqoubi und Saleh Mirhashmi. Die in Schauprozessen gefällten Urteile basieren auf erzwungenen Geständnissen unter Folter und auf fehlerhaften Gerichtsverfahren. Zwar hat der Oberste Gerichtshof die Todesstrafe in einigen Fällen aufgehoben, bei anderen wurden die Revisionen jedoch abgelehnt, sodass sich die Betroffenen in akuter Lebensgefahr befinden.
Ferner wurde die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi von einem Gericht in der Provinz Qom zu 74 Peitschenhieben verurteilt. Begründet wurde der Richterspruch mit einem YouTube-Konzert aus dem Jahr 2024, bei dem Ahmadi ohne Kopftuch aufgetreten war. Zusätzlich wurden sie und acht weitere Mitglieder ihres Produktionsteams für zwei Jahre mit einem Auftritts- und Reiseverbot belegt.
Die Erfahrungen der Iran-Kriege 2025 und 2026 zeigen, dass Luftangriffe und militärische Eskalation allein das Regime nicht stürzen und keinen demokratischen Wandel schaffen konnten. Zugleich ist die demokratische Alternative im Iran keine abstrakte Hoffnung. Sie wird getragen von diversen demokratischen Oppositions- und Studentengruppen, von Gewerkschaften wie der Vereinigung der Busfahrer Teherans, von Frauenrechtsnetzwerken wie »Stop Child Executions« und »Women for Life« und von politischen Gefangenen.
Daneben gibt es noch die ethnischen Minderheiten: Kurden, Araber, Belutschen etc. leiden noch einmal besonders unter der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unterdrückung und kämpfen seit Jahrzehnten für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Es sind Bewegungen wie Jin, Jiyan, Azadi (Frau, Leben, Freiheit), die für Demokratie und Menschenrechte, für Pluralismus und die Trennung von Religion und Staat sowie für einen atomwaffenfreien Iran kämpfen. Sie alle haben die Unterstützung des Westens gegen die Herrschaft der Islamischen Republik verdient – um sich endlich von einer Politik befreien zu können, die Krieg als »göttlichen Segen« ansieht.
