Wenn Antisemitismus die Selbstkritik ersetzt: Ägyptens WM-Aus und arabisches Verschwörungsdenken

Obai Al-Karshali malt Porträt des ägyptischen Trainers Hossam Hassan auf Trümmer eines Hauses in Gaza

Nach dem Ausscheiden der ägyptischen und anderer nordafrikanischer Mannschaften bei der Fußball-WM schossen wieder einmal antisemitische Verschwörungstheorien ins Kraut.

Das Ausscheiden Ägyptens bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 hätte eine sportliche Debatte auslösen müssen. Nachdem Ägypten bis elf Minuten vor Schluss mit 2:0 gegen Argentinien geführt hatte, verlor die Mannschaft noch mit 2:3. Die Niederlage in letzter Minute war begleitet von umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen, darunter ein aberkanntes Tor von Mostafa Zico und ein mögliches Foul an Mohamed Salah kurz vor Argentiniens Siegtreffer. Selbst der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani erklärte, Ägypten sei »betrogen« worden.

Doch statt eine Diskussion über die Schiedsrichterleistung zu führen, glitten Teile der Online-Debatte in der arabischen Welt rasch in wilde Verschwörungstheorien ab, die von Behauptungen über eine gezielte westliche Benachteiligung eines arabischen Landes bis hin zu Vorwürfen eines israelischen, zionistischen oder jüdischen Komplotts reichten. Die Reaktionen offenbarten eine breitere politische Kultur in Teilen der arabischen Welt, in der Antisemitismus zum Ersatz für Selbstkritik und zur Erklärung der eigenen Fehler geworden ist.

»Was Israel zugestanden wird, wird Ägypten verwehrt.« (Karikatur in Al-Gomhour)
Karikatur in Al-Gomhour: »Was Israel zugestanden wird, wird Ägypten verwehrt.« (Zur Vergrößerung auf Bild klicken)

Besonders deutlich wurde dies durch eine Karikatur des ägyptischen Mediums Al-Gomhour. Sie zeigt FIFA-Präsident Gianni Infantino mit einem Schild, auf dem steht: » Was Israel zugestanden wird, wird Ägypten verwehrt.« Im begleitenden Artikel war von »Interventionen oder Interessen im Zusammenhang mit Israel« die Rede, die »eine verborgene Rolle beim Ausscheiden der Pharaonen [Spitzname der ägyptischen Nationalmannschaft; Anm. Mena-Watch] aus der Weltmeisterschaft gespielt hätten«. Auf den ersten Blick grotesker Unsinn, doch sobald man versteht, wie Verschwörungsdenken in Teilen der arabischen Welt funktioniert, ergibt selbst dieses Bild auf gewisse Weise Sinn.

Falschbehauptungen und Manipulationen

Ein Video vom Israel-Besuch des argentinischen Präsidenten Javier Milei wurde auf X als vermeintlicher Beweis für eine Absprache verbreitet. In dem Ausschnitt forderte Israels Außenminister Gideon Sa’ar Milei auf, »Argentinien seinen vierten Weltmeistertitel zu bringen«. Der Nutzer, der das Video teilte, behauptete, der israelische Außenminister habe Argentinien damit praktisch den Turniersieg versprochen. Andere erklärten in den Kommentaren fälschlicherweise, Milei sei ein Cousin von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Ein anderer Account namens PalMedia, der mehr als 100.000 Follower hatte, veröffentlichte Aufnahmen vom Ende des Spiels. Darauf war ein Fan im argentinischen Trikot zu sehen, der eine israelische Flagge in Richtung des ägyptischen Trainers Hossam Hassan schwenkte. Das Video wurde mit der Überschrift »Argentinien spielt für Israel« versehen. Ein weiterer Ausschnitt, in dem drei israelische Soldaten ein argentinisches Tor feiern, wurde als zusätzlicher Beweis dafür präsentiert, dass Argentinien den Zionismus repräsentiere.

Solche Vorwürfe waren keineswegs neu. Bereits während der Gruppenphase kursierte im Internet ein Bild, das Benjamin Netanjahu am 22. Juni beim Spiel Argentiniens gegen Österreich in Dallas in einem argentinischen Trikot zeigen soll. Die Nachrichtenagentur AFP stellte fest, dass das Bild mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugt worden war: Netanjahu nahm an diesem Tag offizielle Termine in Jerusalem wahr, und mehrere Erkennungsprogramme identifizierten das Bild als synthetisch. Dennoch verbreitete es sich auf Arabisch, Spanisch, Persisch und Deutsch und löste Tausende Interaktionen aus.

Noch aufschlussreicher war die Manipulation des Wikipedia-Artikels über François Letexier. Innerhalb weniger Stunden nach dem Spiel fügte ein anonymer Bearbeiter fälschlicherweise hinzu, der französische Schiedsrichter sei »in eine orthodoxe jüdische Familie hineingeboren« worden. Später behauptete er zudem, Letexiers Großvater sei vor der nationalsozialistischen Verfolgung geflohen.

Die als Beleg angeführte Quelle enthielt keinerlei derartige Informationen. Nachdem jedoch Screenshots auf X aufgetaucht waren, betrachteten Nutzer die erfundene Biografie als Erklärung für Letexiers Entscheidungen. Als jemand die Behauptung infrage stellte, wiederholte der in X integrierte KI-Chatbot Grok sie unter Berufung auf Wikipedia. Anschließend wurde der Wikipedia-Artikel erneut bearbeitet, diesmal mit Grok als Quelle. So entstand ein zirkuläres System, in dem eine falsche Quelle scheinbar die andere bestätigte.

Die Behauptung blieb fast acht Stunden lang online, bevor Wikipedia sie entfernte und den verantwortlichen Bearbeiter sperrte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich jedoch bereits weit verbreitet. Selbst die Korrektur wurde in die Verschwörungstheorie integriert. Screenshots, die den Artikel vor und nach der Löschung zeigten, kursierten nun als angeblicher Beweis dafür, dass Letexiers vermeintlicher jüdischer Hintergrund bewusst vertuscht worden sei.

Breitere Dimension

Eine breitere politische Dimension erhielt die Kontroverse, weil Ägypten während des Turniers eng mit der palästinensischen Sache verbunden worden war. Nach dem Sieg über Australien schwenkte Trainer Hossam Hassan eine palästinensische Flagge, bezeichnete die Situation im Gazastreifen als »Schandfleck auf dem Gewissen der gesamten Welt« und erklärte, wer kein Mitgefühl für die Palästinenser empfinde, sei »kein Mensch«.

Nach der Niederlage gegen Argentinien kreuzte Hassan wiederholt die Unterarme zu einem »X« – dem offiziellen FIFA-Zeichen, mit dem mutmaßliche rassistische oder diskriminierende Übergriffe gemeldet werden. Obwohl offiziell kein rassistischer Vorfall bestätigt wurde, verstärkte diese Geste den Eindruck, Ägypten sei diskriminierend behandelt worden. Aufnahmen nach dem Spiel zeigten Hassan und ein Mitglied seines Trainerstabs, die wütend auf jene bereits genannten argentinischen Fans reagierten, welche in der Nähe des Spielertunnels eine israelische Flagge zeigten. Beide schienen in Richtung der Tribüne zu spucken, während Hassan demonstrativ auf das ägyptische Wappen auf seinem Trikot deutete. Der palästinensische Journalist Basem Alhabel feierte den Vorfall später als »den größten Spuckakt der Geschichte«.

Diese Gesten stärkten Hassans Stellung in weiten Teilen der arabischen und propalästinensischen Welt als Symbol für Palästina, Menschlichkeit und den Widerstand gegen Rassismus und ein angeblich genozidales Israel. Ein palästinensischer Künstler malte später das Porträt des Trainers auf die Ruinen eines Gebäudes im Gazastreifen. Vor diesem Hintergrund deuteten propalästinensische Online-Netzwerke die ägyptische Niederlage nicht lediglich als Schiedsrichterkontroverse, sondern als zionistische Verschwörung, mit der ein Trainer bestraft werden sollte, der es gewagt hatte, die palästinensische Flagge zu zeigen.

Nicht auf Ägypten beschränkt

Das Turnier hatte bereits gezeigt, dass sich eine solche Rhetorik nicht auf Ägypten beschränkt. Nach Argentiniens 3:0-Sieg über Algerien am 17. Juni behauptete der algerische Journalist Mustafa Al-Maazouzi im Fernsehen, Messi werde von der »jüdischen Lobby« geschützt – einer Macht, die, wie er sagte, die Welt kontrolliere und wie eine Mafia lenke. »Wir unterstützen Palästina, und deshalb will die FIFA nicht, dass es für uns gut läuft«, fügte er hinzu.

Andernorts schlug derselbe Reflex von Verschwörungsdenken in offene antisemitische Hetze um. Nach Marokkos 0:2-Niederlage gegen Frankreich im Viertelfinale am 9. Juli kam es in mehreren europäischen Städten zu Ausschreitungen marokkanischer Anhänger. In Den Haag warfen Randalierer Berichten zufolge Steine und skandierten »Hamas! Hamas! Alle Juden ins Gas.« Auch Parolen wie »Alle Juden sind Schwuchteln« und »Juden sind Krebs« wurden gerufen. Frankreich hatte Marokko besiegt, doch zum Ziel wurden die Juden – obwohl sie mit dem Spiel nichts zu tun hatten.

Die Popularität solcher Behauptungen spiegelt den allgemeinen Anstieg des Antisemitismus seit dem Massaker vom 7. Oktober wider. Im Zuge der antiisraelischen Mobilisierung wurden zunehmend klassische Verschwörungstheorien über jüdische Macht und Manipulation wiederbelebt. Zwar wies FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina die Vorwürfe einer parteiischen Spielleitung zurück, doch die antisemitischen Behauptungen über eine angeblich jüdische oder »zionistisch« beeinflusste Verschwörung blieben von der FIFA öffentlich unwidersprochen. Dadurch konnte sich der Hass auf Juden und Israel weiterhin als sportliche Empörung tarnen.

Verschwörungstheorien sind kein ausschließlich arabisches Phänomen, nehmen jedoch seit Langem einen prominenten Platz im politischen Diskurs der arabischen Welt ein. Der Politikwissenschaftler Matthew Gray, Autor des Buches Conspiracy Theories in the Arab World: Sources and Politics, beschreibt sie als ein verbreitetes und politisch bedeutendes Phänomen. Geprägt werde es durch die Geschichte westlicher Interventionen, tatsächlich stattgefundene Geheimoperationen, autoritäre Herrschaft, geringes öffentliches Vertrauen, chronische Unterinvestitionen in das Bildungswesen, staatlich kontrollierte Medien und neue Kommunikationstechnologien.

Für das Verständnis der politischen Landschaft der Region sind solche Theorien daher von großer Bedeutung. In weiten Teilen der arabischen Welt werden Ereignisse häufig als Bestandteile umfassenderer Pläne interpretiert, die von äußeren Mächten entworfen worden seien, um arabische Gesellschaften und Regierungen zu schwächen. In diesen Erzählungen verbinden sich häufig islamistischer Antisemitismus, Antizionismus, Misstrauen gegenüber westlichen Großmächten, Konflikte um Erdöl sowie die Überzeugung, der »Krieg gegen den Terror« oder der Kampf gegen das iranische Atomprogramm seien in Wahrheit Kriege gegen den Islam.

Israel, der Mossad, die CIA und eine angebliche »zionistische Lobby« dienen regelmäßig als universelle Erklärungen für militärische Niederlagen, politisches Versagen und gesellschaftliche Krisen. Verschwörungstheorien verleihen Ereignissen, die andernfalls demütigend oder demoralisierend wären, scheinbar Ordnung und Bedeutung. Der Antisemitismus fügt sich besonders leicht in dieses Weltbild ein, weil er einen dauerhaften und vermeintlich allmächtigen Akteur bereitstellt. Die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion sind gerade deshalb bis heute einflussreich, weil sie Juden als unsichtbare Macht darstellen, die das Weltgeschehen lenke. Kein Thema scheint zu unbedeutend oder zu unglaubwürdig, um in dieses Deutungsmuster aufgenommen werden zu können.

Verschwörungstheorie statt Selbstkritik

Besonders deutlich trat dieses Muster nach der arabischen Niederlage von 1967 hervor. Während Israel einen Großteil der ägyptischen Luftwaffe zerstörte und über die Sinai-Halbinsel vorrückte, behauptete Radio Kairo, amerikanische und britische Flugzeugträger würden Israel einen »Luftschirm« bieten und westliche Flugzeuge hätten sich an den Angriffen beteiligt. Ägypten und mehrere andere arabische Staaten brachen wegen dieser Anschuldigung ihre diplomatischen Beziehungen zu Washington ab. Die Geschichte deutete ein verheerendes militärisches Versagen Ägyptens zum Ergebnis einer gemeinsamen israelisch-westlichen Verschwörung um und lenkte damit von den Fehlern der politischen Führung und der Geheimdienste ab.

In den Tagen nach den Anschlägen vom 11. September verbreitete sich eine weitere antisemitische Erzählung. Israel oder der Mossad hätten die Operation organisiert, und 4.000 jüdische Angestellte seien davor gewarnt worden, an diesem Tag zur Arbeit im World Trade Center zu erscheinen. Die Behauptung war falsch – unter den Ermordeten befanden sich auch jüdische Opfer –, bot jedoch ein vertrautes Erklärungsmuster, in dem Juden zugleich als geheime Drahtzieher und verborgene Nutznießer einer Katastrophe erschienen.

Der Aufstieg des Islamischen Staates brachte eine ähnliche Fantasie hervor. Im Internet kursierten Gerüchte, Abu Bakr al-Baghdadi sei kein irakischer Dschihadist, sondern ein jüdischer Schauspieler namens »Simon Elliot«, der vom Mossad angeworben und ausgebildet worden sei, um die arabischen Gesellschaften von innen heraus zu zerstören. Die Geschichte wurde fälschlicherweise Dokumenten zugeschrieben, die Edward Snowden angeblich veröffentlicht hatte. Snowdens Anwalt wies sie als Fälschung zurück. Die Erzählung ermöglichte es, die Brutalität des IS nicht als eine in der Region selbst verwurzelte Krise zu verstehen, sondern als eine weitere israelische Operation.

Sogar Naturereignisse wurden in dieses Weltbild integriert. Nach einer Serie von Haiangriffen in der Nähe von Scharm el-Scheich im Jahr 2010 erklärte der Gouverneur des Süd-Sinai, Mohamed Abdel Fadil Shousha, die Möglichkeit, dass der Mossad die Haie ausgesetzt habe, um dem ägyptischen Tourismus zu schaden, sei »nicht auszuschließen«. Meeresbiologen vermuteten stattdessen ökologische Ursachen wie Überfischung, das Anfüttern von Haien und ungewöhnliches Tierverhalten.

Derselbe Reflex zeigte sich während der COVID-19-Pandemie. Anfang 2020 beschuldigten arabische Zeitungen und Kommentatoren die Vereinigten Staaten und Israel, das Virus als Bestandteil eines wirtschaftlichen, biologischen oder psychologischen Krieges gegen China und andere Rivalen geschaffen oder verbreitet zu haben.

Verschwörungstheorien enthalten häufig auffällige Widersprüche. So wird die Hamas in weiten Teilen der Region als authentischer bewaffneter Widerstand gegen Israel gefeiert und gleichzeitig als Schöpfung oder Instrument des Mossad dargestellt. Je nachdem, welche Behauptung politisch nützlich ist, gilt die Organisation entweder als heroisch oder als insgeheim israelisch. Nach dem 7. Oktober wurde dieser Widerspruch noch deutlicher: Die Hamas wurde für das Massaker gefeiert, während Israel zugleich beschuldigt wurde, es inszeniert, bewusst zugelassen oder seine eigenen Bürger getötet zu haben, um den Krieg – den »Völkermord« – im Gazastreifen zu rechtfertigen. In jeder Version wird die Hamas von der Verantwortung freigesprochen und Israel zum verborgenen Urheber der Ereignisse erklärt.

Solche Theorien sind für autoritäre Regierungen, islamistische Bewegungen und Gesellschaften, die unter institutionellem Versagen leiden, besonders nützlich, weil sie die Verantwortung nach außen verlagern. Politische Inkompetenz, Korruption, Repression und ideologisches Scheitern treten hinter den angeblichen Machenschaften ausländischer Geheimdienste und einer verborgenen »jüdischen« oder »zionistischen Lobby« zurück.

Darin liegt die tiefere Gefahr. Eine Gesellschaft, die jede Niederlage mit unsichtbaren jüdischen oder zionistischen Feinden erklärt, verliert schrittweise die Fähigkeit, sich mit ihren eigenen Fehlern auseinanderzusetzen, Rechenschaft zu verlangen und Fehlentwicklungen zu korrigieren. Der reflexhafte Versuch, Israel und die Juden für das Ergebnis eines Fußballspiels verantwortlich zu machen, sagt nichts Wesentliches über die FIFA aus. Er offenbart vielmehr eine politische Kultur, in der Antisemitismus zum Ersatz für Selbstkritik geworden ist.

Eine solche Rhetorik ist niemals harmlos. Sobald Juden als geheime Manipulatoren hinter jeder Demütigung dargestellt werden, lässt sich Feindseligkeit gegen sie leichter legitimieren. Und aus verbaler Hetze können Einschüchterung und Gewalt werden, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat.

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