Während ägyptische Funktionäre das Ausscheiden der Nationalmannschaft auf das Gaza-Engagement des Trainers zurückführten, machten Fans den Zionismus für die WM-Niederlage gegen Argentinien verantwortlich.
Nach einer 2:3-Niederlage gegen Argentinien deutete ein Vorstandsmitglied des ägyptischen Fußballverbands (EFA) an, das Ausscheiden der Nationalmannschaft sei das Ergebnis einer voreingenommenen Schiedsrichterleistung gewesen, die mit dem politischen Engagement des Cheftrainers für Palästina zusammenhänge. Selbst wenn die umstrittene Schiedsrichterleistung eine Vergeltungsmaßnahme für die lautstarke Gaza-Unterstützung des Cheftrainers gewesen sein sollte, so käme das der Mannschaft dennoch zugute, erklärte Mustafa Abu Zahra.
»Palästina geht jeden Ägypter etwas an. Wenn das, was wir in dem Spiel durchgemacht haben, auf Hossam Hassans Unterstützung für die palästinensische Sache zurückzuführen ist, dann haben wir davon profitiert, diese Sache zu unterstützen und unseren Brüdern die Botschaft zu senden, dass wir an ihrer Seite stehen«, sagte der EFA-Funktionär unter Bezug auf den ägyptischen Trainer. Dieser hatte zuvor erklärt, einen Turniersieg »allen Märtyrern in Gaza« widmen zu wollen, nachdem er mit einer palästinensischen Flagge auf dem Spielfeld posiert hatte, als die ägyptische Fußballnationalmannschaft den Einzug ins Achtelfinale feierte.
Am Tag nach dem Spiel veröffentlichte ein ägyptischer YouTuber mit rund 300.000 Abonnenten ein Video, in dem er erklärte, Ägypten habe »gegen den Zionismus verloren«. Dabei berief er sich auf die Unterstützung des argentinischen Präsidenten Javier Milei für Israel und deutete an, dass innerhalb der FIFA eine zionistische Verschwörung im Gange sei, um die Aussichten der südamerikanischen Nation im Turnier zu verbessern.
Antisemitische Wikipedia-Manipulation
In Folge des ägyptischen Ausscheidens wurde auch die Wikipedia-Seite des französischen Schiedsrichters Francois Letexier geändert, der wegen einer Reihe umstrittener Entscheidungen die Wut der ägyptischen Fans auf sich zog. So wurde der Abschnitt »Frühes Leben« geändert und behauptet, er sei »in eine orthodox-jüdische Familie in der Bretagne hineingeboren worden«. Sein Großvater sei während des Zweiten Weltkriegs vor der Verfolgung durch die Nazis geflohen und danach aktives Mitglied der französischen Résistance gewesen.
Die Änderungen wurden von einem in Bangladesch ansässigen Nutzer vorgenommen, woraufhin ein Wikipedia-Redakteur Letexier noch der Themenseite über prominente französische Juden hinzufügte.
Die Manipulation veranlasste zahlreiche ägyptische Fans zu antisemitischen Ausfällen, in denen sie Israel, die Juden und den Zionismus für die Niederlage ihrer Mannschaft verantwortlich machten. Sie teilten Screenshots der Wikipedia-Seite und unterstellten, dass die dort behauptete jüdische Herkunft des Schiedsrichters eine Rolle bei seiner angeblichen Voreingenommenheit gegenüber der ägyptischen Mannschaft gespielt habe.
Der »Schiedsrichter des Spiels zwischen Ägypten und Argentinien ist Jude«, schrieb ein Fan-Account des ägyptischen Komikers Bassem Youssef in einem X-Posting, das über 300.000 Zugriffe und fast 5.000 Likes erzielte. Letexier stamme »aus einer orthodox-jüdischen Familie. »Das erklärt eine Menge«, sekundierte ihm ein weiterer X-Nutzer.
Als ein Nutzer die Richtigkeit der Behauptung anzweifelte, bestätigte das in die Plattform integrierte KI-Tool Grok, die Falschinformation unter Berufung auf Wikipedia. Die Wikipedia-Seite wurde daraufhin erneut aktualisiert, um nun wiederum Grok als Quelle anzugeben. Nachdem Grok seine Aussage später unter Berufung auf fehlende Beweise wieder rückgängig gemacht hatte, wurde auch der Wikipedia-Eintrag zurückgesetzt, um den falschen Hinweis zu Letexier zu entfernen. Dabei gaben die Verantwortlichen an, dass es weder Beweise zur Stützung der Behauptung gebe noch verlässliche Quellen, die bestätigen könnten, woher sie stamme.
Doch selbst nachdem die Behauptung aus Wikipedia entfernt und der verantwortliche Redakteur gesperrt worden war, teilten Nutzer Screenshots des manipulierten Eintrags. »Das gibt’s doch nicht, sie haben den Abschnitt über die Kindheit des französischen Schiedsrichters auf Wikipedia gelöscht 😂«, schrieb eine X-Nutzerin. Zugleich präsentierte sie Bilder der Seite mit und ohne die Behauptung über den jüdischen Hintergrund Letexiers, um so die von ihr angedeutete Vertuschung zu belegen.
