Zig Millionen oder Hunderttausende? Der Propagandakrieg um Khameneis Beerdigung

Trauerprozession anlässlich Khameneis Begräbnis in der iranischen Stadt Maschhad

Der Tod von Ali Khamenei, stellte die Islamische Republik vor die Herausforderung, den Anschein von politischer Kontrolle und Kontinuität zu inszenieren.

Kazem Moussavi

Ali Khamenei war über Jahrzehnte das Zentrum der Machtstruktur des Regimes. Seine Stellung beruhte auf der Verbindung von religiöser Autorität, politischer Kontrolle und der Führung zentraler Macht-, Sicherheits- und Repressionsapparate. Der Verlust des obersten Führers ist für das Mullah-Regime nicht ersetzbar. Auch ein Sohn und Nachfolger, Mojtaba Khamenei, besitzt keine vergleichbare religiöse und politische Autorität. Seine zukünftige Rolle im System kann nur durch die bestehenden Repressionsstrukturen und den Beistand der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) abgesichert werden.

Nach Khameneis Tod gewinnt daher der Einfluss des Sicherheitsapparats, insbesondere der IRGC, innerhalb der Machtstruktur des Systems weiter an Bedeutung. Dabei sind die Revolutionsgarden nicht nur ein militärischer Akteur, sondern ein politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Machtfaktor. Sie spielen zudem eine zentrale Rolle bei den Raketenprogrammen der Islamischen Republik.

Beerdigung als Machtdemonstration

Mojtabas Abwesenheit während der gesamten Trauerzeremonien wurde offiziell mit Sicherheitsgründen begründet. Zugleich erklärte Hodschatoleslam Mohsen Qomi, Ali Khameneis Sohn führe weiterhin die Staatsgeschäfte und überwache zentrale politische Entscheidungen. Die bislang unsichtbare Rolle Mojtaba Khameneis im Hintergrund, der nach dem Tod seines Vaters noch nicht öffentlich in Erscheinung trat, wird teilweise mit der schiitischen Tradition des verborgenen zwölften Imams – des Mahdi – verglichen.

Diese religiöse Vorstellung dient der symbolischen Legitimation der indirekten Führungsrolle des Obersten Führers und ermöglicht es dem System, politische Macht mit religiöser Symbolik zu verbinden. Nach schiitischem Glauben wird die Wiederkehr des verborgenen Imams erwartet, um Unterdrückung und Tyrannei in der Welt zu beenden. Nach der Ideologie der Velayat-e Faqih (deutsch: Herrschaft des Rechtgelehrten), wie sie von den herrschenden Teheraner Ayatollahs und den Islamischen Revolutionsgarden vertreten wird, nimmt der Vali-ye Faqih, sprich: der Oberste Führer, bis zur Wiederkehr des Mahdi dessen religiöse und politische Führungsfunktion wahr.

Während der Trauerzeremonien wurden zudem Botschaften zur Unterstützung Mojtaba Khameneis und zur Fortsetzung des politischen Weges seines Vaters verbreitet. Der selbst nicht öffentlich auftretende Führer erklärte in einer während der Beerdigungszeremonien veröffentlichten Botschaft, in Qom, Najaf, Kerbela und Maschhad hätten sich »Dutzende Millionen« Menschen versammelt. Zugleich erklärte er, sein Vater werde mit dem Erscheinen des zwölften schiitischen Imams Mahdi zurückkehren. Damit verband das Regime die Nachfolgefrage erneut mit religiöser Symbolik und schiitischen Erlösungsvorstellungen. Diese Inszenierung sollte nach innen und außen den Eindruck von Kontinuität und Kontrolle vermitteln.

Bereits Tage vor den zentralen Veranstaltungen verbreiteten staatliche Stellen Teilnehmerzahlen von fünfzehn bis 25 Millionen. Diese Angaben waren ein zentraler Bestandteil der offiziellen Kommunikationsstrategie. Sie sollten im Iran und international den Eindruck vermitteln, dass die Islamische Republik weiterhin über breite gesellschaftliche Unterstützung und Kontrolle verfügt.

Die Zeremonien erstreckten sich über mehrere symbolisch bedeutsame Orte: Teheran, Qom, die irakischen Städte Nadschaf und Kerbela und schließlich Maschhad als Begräbnisort. Die Auswahl dieser Städte verband drei Ebenen der Macht: die staatliche Führung in Teheran, die religiöse Legitimation der schiitischen Zentren und den regionalen Einfluss des Iran über schiitische Netzwerke und Verbündete.

Der zentrale Ort der Zeremonie lag in Teheran, im Mosalla-Komplex des Imam-Khomeini-Geländes. Dieser riesige Moscheekomplex umfasst im Kernbereich etwa 65 Hektar, während das gesamte Areal über zweihundert Hektar umfasst. Der Hauptsaal (Shabestan) bietet Platz für etwa 110.000 bis 150.000 Menschen. Unter Einbeziehung der umliegenden Freiflächen können bei Großveranstaltungen deutlich mehr Menschen aufgenommen werden. Diese theoretisch möglichen Kapazitäten stellen jedoch keine tatsächliche Teilnehmerzahl dar.

Die folgenden Trauerzeremonien in Qom sowie an den schiitischen Pilgerorten Nadschaf und Kerbela im Irak folgten derselben politischen Logik. Die abschließende Zeremonie und Beisetzung erfolgte am Freitag in Maschhad im Gebäudekomplex des Mausoleums des achten schiitischen Imams Reza. Während drei Söhne Ali Khameneis anwesend waren, fehlte Mojtaba auch dort.

Religiöse Mobilisierung

Mit all diesen Inszenierungen versucht das Regime, die traditionelle schiitische Trauerkultur in ein Instrument politischer Mobilisierung umzuwandeln. Die Teilnahme an solchen staatlichen Zeremonien besitzt im Iran unterschiedliche politische und gesellschaftliche Bedeutungen. Menschen nehmen aus Treue zum Regime, aus religiösen und kulturellen Traditionen oder unter sozialem und politischem Druck innerhalb eines totalitären Systems an ihnen teil.

Die organisierte Mobilisierung durch staatliche Institutionen, religiöse Netzwerke und den Basidsch-Milizen nahestehende Strukturen im Iran sowie durch irakische Stellvertreterkräfte in Nadschaf und Kerbela wurde vom Regime als Ausdruck gesellschaftlicher Unterstützung dargestellt. Die sichtbare Präsenz von Revolutionsgarde, Basidsch und anderen Sicherheitsapparaten unterstrich zusätzlich den staatlich kontrollierten Charakter der Veranstaltung. Die Inszenierung sollte auch den regionalen Verbündeten des Iran – insbesondere schiitischen Milizen und politischen Verbündeten – Kontinuität signalisieren.

Eine besondere Rolle spielten die sogenannten Madahan – regimenahe Trauer- und Klagegruppen. Sietreten insbesondere im heiligen Monat Muharram bei Trauerveranstaltungen für die Ahl al-Bayt auf, die sogenannten »Leute des Hauses«, die als Nachkommen des islamischen Propheten Mohammed gelten. Die Mahadan sind organisatorisch mit staatlichen und halbstaatlichen Strukturen verbunden und Teil der ideologischen Mobilisierung der Islamischen Republik. Ihre Netzwerke werden auch zur Kontrolle und Unterdrückung öffentlicher Proteste eingesetzt.

Während Khameneis Begräbniszeremonien stimmten sie religiöse Gesänge mit antiwestlichen und antiisraelischen Botschaften an. Sie skandierten Blutrache- und Vergeltungsparolen gegen US-Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, die von Teilen der Menge unterstützt wurden. Trump reagierte darauf mit massiven Drohungen gegen die Islamische Republik und kündigte im Falle eines Angriffs auf ihn oder die USA eine harte militärische Antwort an.

Verstärkung durch westliche Influencer

Die Propagandakampagne blieb nicht auf den Iran beschränkt. Die Islamische Republik ließ gezielt westliche Blogger und Influencer zur Beerdigung nach Teheran einfliegen, die in der Vergangenheit durch proiranische und prorussische politische Positionen bekannt geworden waren. Nach Berichten von IranWire lud das Regime rund vierhundert solcher Aktivisten ein. Der Leiter der Organisation für islamische Kultur und Beziehungen, Mohammad Mehdi Imanipour, bestätigte die Zahl und erklärte, die eingeladenen ausländischen Stimmen sollten ein Bild der Zeremonie für das internationale Publikum vermitteln. Zu den geladenen Teilnehmern gehörten unter anderem:

  • Jackson Hinkle, ein amerikanischer politischer Kommentator und bekennender »MAGA-Kommunist«, der während der Zeremonien antiamerikanische und antiisraelische Parolen verbreitete.
  • Cella Walsh, eine amerikanische Aktivistin, die Khamenei wiederholt als antiimperialistischen Führer würdigte.
  • Christopher Helali, ein amerikanischer Lehrer und Mitbegründer der American Communist Party, der bereits zuvor seine Unterstützung für die Islamische Republik öffentlich zeigte.
  • Max Blumenthal, Gründer der amerikanischen Plattform The Grayzone, der vor allem durch antiisraelische Propaganda bekannt wurde.
  • Bushra Sheikh, eine britisch-pakistanische Influencerin, die bereits zuvor an Iranreisen mit Nähe zum iranischen Regime teilgenommen hatte.

Die Beiträge, Bilder und Aussagen dieser eingeladenen Personen wurden von iranischen Staatsmedien und regierungsnahen Plattformen aufgegriffen und verbreitet. Damit versuchte das Regime, internationale Stimmen zur Unterstützung seiner Darstellung einzusetzen und der kritischen Berichterstattung westlicher Medien ein alternatives Narrativ entgegenzustellen.

Kampf um die Zahlen

Der zentrale Propagandakampf konzentrierte sich nicht zuletzt auf die Teilnehmerzahlen. Die staatlichen Medien der Islamischen Republik verbreiteten zunächst Angaben von fünfzehn bis 25 Millionen, später von bis zu dreißig Millionen Teilnehmern. Schließlich behaupteten staatliche Nachrichtenagenturen sogar, dass 41 bis 43 Millionen Menschen an den Zeremonien im Iran und im Irak teilgenommen hätten.

Unabhängige Medien und iranische Oppositionskräfte bewerten diese Angaben als überhöht und schätzen die tatsächliche Teilnehmerzahl selbst an den besucherstärksten Tagen auf rund 400.000 Menschen. Internationale Nachrichtenagenturen und Medien berichteten zwar von großen Menschenmengen, bestätigten jedoch die offiziellen Millionenangaben ebenfalls nicht. Visuelle Analysen sprechen ebenfalls dafür, dass die tatsächliche Teilnehmerzahl deutlich unter den offiziellen Angaben gelegen haben dürfte.

Die Auseinandersetzung um die Teilnehmerzahlen wurde damit selbst zum Teil der Propaganda- und Kontrollstrategie des Systems. Die massive Übertreibung dieser Zahlen zeigt ebenso wie die Kontrolle der Bildverbreitung und die Einbindung ausländischer Stimmen den Versuch, politische Legitimität durch massenhafte Unterstützung darzustellen. Das Regime war bestrebt, den Anschein von Stärke zu erwecken, weil seine tatsächliche gesellschaftliche Akzeptanz unterminiert ist. Das Suggerieren von Massenaufläufen, internationalem Beistand und ideologischer Geschlossenheit sollte Zweifel an der Stabilität des Systems nach innen und außen zurückdrängen.

Nichts davon ändert jedoch etwas an den zunehmenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen der Menschen im Iran. Auch die internationalen Konflikte des Regimes, insbesondere der Atomkonflikt, blieben ungelöst. All diese Probleme sind ideologisch verankert und können nicht durch propagandistische Großveranstaltungen gelöst werden.

Dementsprechend wird das Regime versuchen, nach dem Tod Ali Khameneis seine Machtbasis durch verstärkte Repression im Inneren, die Fortsetzung islamistischer Ideologie und antisemitischer Vernichtungsrhetorik, die Unterstützung verbündeter Milizen in der Region sowie durch Raketen- und Drohnenprogramme zu sichern. Der Westen darf die Beerdigungszeremonien Khameneis und die damit verbundene Propagandastrategie nicht als Ausdruck echter Stabilität des Regimes interpretieren. Die Politik des Appeasements gegenüber der Islamischen Republik muss beendet werden.

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