Befreiungstheologie und Befangenheit: Die päpstliche Kapitulation vor der Israel-Kritik

PA-Präsident Mahmoud Abbas zu Besuch bei Papst Leo XVI. im Vatikan

Unter dem Einfluss befreiungstheologischer Ansätze vollzieht die katholische Kirche unter Papst Leo XIV. eine problematische Verschiebung ihrer diplomatischen und theologischen Prioritäten.

Es war ein Moment, der die tiefe Kluft zwischen dem Heiligen Stuhl und der historischen Realität markierte: In seiner ersten Weihnachtsansprache vom Balkon des Petersdoms am 25. Dezember 2025 zeichnete Papst Leo XIV. ein Bild des Nahen Ostens, das mehr an eine Pressemitteilung linksradikaler Aktivisten als an eine geistliche Botschaft erinnerte, denn der amerikanische Pontifex nutzte sein erstes »Urbi et Orbi«, um die Zustände im Gazastreifen in einer ungewöhnlich direkten Schärfe zu verurteilen.

Auch nach den Feiertagen zeigte Leo XIV. keine Anzeichen einer Kurskorrektur. In der jährlichen Ansprache vor dem diplomatischen Korps des Vatikans am 9. Januar 2026, in der er in seiner Funktion als Papst traditionell die programmatische Richtlinie der vatikanischen Außenpolitik darlegte, verschärfte der Pontifex seinen Ton weiter.

So forderte er ultimativ, dass den Zivilisten im Gazastreifen »eine Zukunft in dauerhaftem Frieden und Gerechtigkeit in ihrem eigenen Land« zugesichert werden müsse. Was vordergründig wie ein humanitärer Appell klingt, ist in Wahrheit eine in diplomatische Sprache gekleidete brisante Positionierung. Indem der Papst das eingeklagte Anrecht so einseitig und ohne jede Erwähnung existenzieller Sicherheitsgarantien für Israel formulierte, zementierte er die Rolle des Heiligen Stuhls als parteiischer Akteur.

Natürlich ist es die ureigenste moralische Aufgabe eines Papstes, das Leid einer Zivilbevölkerung zu beklagen, die in (Nach-)Kriegsbedingungen ihr Dasein fristet. Angesichts der humanitären Katastrophe im Gazastreifen, die durch die verheerenden Ausläufer des Wintersturms Byron zusätzlich verschärft wurde, sind mahnende Worte nicht nur legitim, sondern durchaus geboten. Es ist die Pflicht der Kirche, angesichts von Hunger, Kälte und Verwüstung eine Stimme für die Schutzlosen zu sein.

Doch die Art und Weise dieser Wortmeldung offenbarte eine tiefgreifende Befangenheit. Papst Leo zog dabei nämlich eine direkte Parallele zwischen der Herbergssuche der Heiligen Familie und dem Schicksal palästinensischer Familien. Diese Analogie beinhaltet weitaus mehr als eine fromme Metapher und ist Ausdruck einer Ideologie, die das Judentum systematisch aus der christlichen Heilsgeschichte verdrängt, um es durch eine moderne Opfer-Erzählung zu ersetzen.

Papst Leo XIV. erweist sich hier als gelehriger Schüler seines Vorgängers Franziskus. Er verschreibt sich einer Befreiungstheologie, die längst zu einem linksideologischen Dogma erstarrt ist. In diesem Weltbild rangiert der »Dekolonialismus« vor demokratischen Grundwerten. Was in den 1960er-Jahren als Antwort auf die Armut in Lateinamerika begann, hat sich heute zu einer ideologischen Waffe gegen den jüdischen Staat gewandelt.

Die einstige »vorrangige Option für die Armen« wird dabei bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Israel wird zum »kolonialistischen Unterdrücker« dämonisiert, während sein existenzieller Überlebenskampf schlichtweg ignoriert wird. Unter Franziskus wurde 2024 zum Beispiel das Jesuskind in der vatikanischen Audienzhalle symbolisch auf eine Keffiyeh gebettet. Was als provokanter Tabubruch an der Krippe begann, verfestigt sich unter Leo XIV. zu einer bedenklichen theologischen Leitlinie.

Selektives Schweigen der Kirche

Die Befreiungstheologie ist eine Ideologie der eklatanten Leerstellen. Den islamischen Imperialismus oder den über 1.400 Jahre währenden, arabisch geführten transsaharischen Sklavenhandel thematisiert diese Strömung so gut wie nie. Selbst die Aufarbeitung der eigenen kirchlichen Verfehlungen bleibt oft oberflächlich. Viele Aktivisten der Befreiungstheologie finden beispielsweise kaum die Kraft, die vierhundertjährige christliche Kolonial- und Sklavengeschichte aufrichtig zu verurteilen. Von der Mitschuld der Kirche am Holocaust ganz zu schweigen.

Stattdessen erleben wir eine toxische Renaissance der »Ersatztheologie«, laut welcher der Bund Gottes mit den Juden aufgekündigt und vom einst auserwählten Volk auf die Christen übergangen sei. Man beraubt das jüdische Volk seiner eigenen Geschichte und stilisiert es stattdessen zum modernen Pharao oder zum Goliath, gegen den der palästinensische David aufbegehre. Darin äußert sich kein bloßes Defizit an Solidarität, sondern es handelt sich um eine kalkulierte, in der Befreiungstheologie dann marxistisch grundierte Feindseligkeit. Sie blendet die Realität des Antisemitismus aus, um stattdessen eine moderne Form der Blutschuldthese und der rituellen Verleumdung zu befeuern.

Die kirchliche Mission in den Palästinensergebieten, diesem Minenfeld der Machtansprüche, ist zweifelsohne eine Herausforderung, bei welcher der Eindruck entsteht, man könne es niemandem recht machen. Sie erfordert aber gerade deswegen mehr als wohlfeile Phrasen. Besonders die Zukunft des Westjordanlands, des biblischen Kernlands also, erweist sich als heikle Angelegenheit mit jahrtausendealten historischen Dimensionen, die sich nicht auf ein simples befreiungstheologisches Täter-Opfer-Schema reduzieren lässt.

Leo XIV. und das Zögern

Leo XIV. setzt Franziskus’, dessen protegierter Nachfolger er ist, Kurs der blinden Übernahme von Narrativen fort, die den Islamismus verharmlosen. Trotz der tiefen, konstitutiven Wurzeln des katholischen Glaubens im Judentums legen Befreiungstheologen keinen Wert auf eine enge Bindung zum jüdischen Staat. Mit einer erschreckenden Naivität sind sie bereit, die Kontrolle über das »Heilige Land« islamischen Kräften zu überlassen. Dabei zeigen eben jene Kräfte nicht das geringste Interesse an irgendeiner Form von sozialer Gerechtigkeit, die sie sich doch so an ihre Fahnen heften.

Die eigentliche Tragödie dabei liegt nicht allein in der ideologischen Verfestigung der Kirchenspitze, sondern auch in der Resonanzlosigkeit innerhalb der Institution. Während Leo XIV. das Leid im Gazastreifen für seine Agenda instrumentalisiert, bleibt die Antwort auf den eliminatorischen Judenhass – wie zuletzt nach dem Terror in Sydney – eine rein mechanische Pflichtübung. Die zögerlich geäußerten Formeln wirken wie das Herunterbeten einer lästigen Liturgie; sie dienen dem diplomatischen Schein, lassen aber jedes innere Feuer vermissen. In einer Zeit, in der eine moralische Instanz mit robustem Standpunkt gefordert wäre, bietet der Vatikan lediglich eine klerikale Nachvollziehbarkeit des Zeitgeists.

Diese Entwicklung führt die katholische Kirche in eine moralische Sackgasse. Wenn die Verteidigung universeller Werte der Anbiederung an einseitige Narrative geopfert wird, verspielt der »Heilige Stuhl« sein Mandat als glaubwürdige Autorität. Die Weigerung, das Schicksal der ermordeten Geiseln oder die Bedrohung durch den radikalen Islamismus klar beim Namen zu nennen, ist kein Ausdruck christlicher Nächstenliebe, sondern eine Form der religiösen Selbstaufgabe. Am Ende steht ein Pontifikat, das den interreligiösen Dialog in eine Einbahnstraße der ideologischen Befangenheit verwandelt hat und die historische Wahrheit dem politischen Kalkül opfert.

Kaum mehr Christen im Gazastreifen

Von Geneviève Hesse. Streben nach Neutralität nivelliert der deutsche Theologe Georg Röwekamp die Unterschiede zwischen der Hamas und Israel im…

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten. Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung.
Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte
oder direkt über Ihren PayPal Account.