Der Iran ist für viele Israelis keine entfernte außenpolitische Größe, sondern ein permanenter Bestandteil ihres Sicherheitsbewusstseins.
Seit Jahren prägen Teherans Atomprogramm, die Unterstützung regionaler Milizen und offene Drohungen gegen Israel den öffentlichen Diskurs in Israel. In jüngster Zeit hat sich diese Wahrnehmung erneut verschärft: Nicht nur Irans regionale Aktivitäten sorgen für Unruhe, sondern auch die Frage, ob ein möglicher militärischer Schlag der USA gegen Teheran Israel unmittelbar in einen neuen regionalen Konflikt hineinziehen könnte.
Strategische Bedrohung
In der israelischen Gesellschaft besteht über die politischen Lager hinweg weitgehend Einigkeit darüber, dass der Iran die größte langfristige sicherheitspolitische Herausforderung für den Staat Israel darstellt. Diese Einschätzung speist sich weniger aus kurzfristigen Ereignissen als aus einer strategischen Grundannahme: Ein nuklear bewaffneter Iran würde Israels militärische Abschreckung untergraben und seine Existenz bedrohen. Diese Sichtweise wird regelmäßig durch Stellungnahmen iranischer Funktionäre verstärkt, die Israel offen delegitimieren oder dessen Zerstörung propagieren.
Umfragen zeigen, dass diese Bedrohungswahrnehmung tief in der Bevölkerung verankert ist. Eine aktuelle Erhebung des Institute for National Security Studies (INSS) zeigt, dass eine klare Mehrheit der Israelis den Iran weiterhin als die zentrale externe Gefahr für die nationale Sicherheit betrachtet und davon ausgeht, dass diplomatische Mittel allein nicht ausreichen werden, um Teherans Ambitionen einzudämmen.
Diese Wahrnehmung schlägt sich in einer breiten Unterstützung für eine harte Linie gegenüber dem Iran nieder, die jedoch nicht mit Kriegsbereitschaft gleichzusetzen ist. Viele Israelis unterstützen militärische Optionen aus einem Gefühl der Notwendigkeit und nicht aus Überzeugung oder Optimismus heraus. Laut dem Israel Democracy Institute befürwortet eine deutliche Mehrheit der jüdischen Israelis ein entschlossenes Vorgehen gegen den Iran, während ein Großteil der arabischen Israelis militärische Schritte ablehnt und stattdessen diplomatische Lösungen bevorzugt.
Parallel dazu wächst die Sorge über die möglichen Folgen einer Eskalation. Eine Mehrheit der Befragten äußerte laut INSS erhebliche Bedenken darüber, wie sich ein Konflikt mit dem Iran entwickeln könnte und ob Israel auf einen längeren, vielschichtigen Krieg vorbereitet wäre.
Der Blick auf den Iran offenbart auch gesellschaftliche Spannungen innerhalb Israels. Während jüdische Israelis den Iran überwiegend als existenzielle Bedrohung wahrnehmen, ist die arabische Minderheit deutlich skeptischer gegenüber militärischen Lösungen. Diese Differenz spiegelt nicht nur unterschiedliche politische Haltungen wider, sondern auch divergierende Erfahrungen mit staatlicher Sicherheitspolitik und regionalen Konflikten.
Diese inneren Bruchlinien erschweren einen gesellschaftlichen Konsens darüber, wie weit Israel im Umgang mit dem Iran gehen sollte – insbesondere dann, wenn externe Akteure wie die USA ins Spiel kommen.
Abschreckung und Eskalationsangst
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die jüngsten Signale aus Washington. US-Präsident Donald Trump erklärte Anfang Januar, die Vereinigten Staaten würden nicht zögern, einzugreifen, sollte das iranische Regime erneut mit Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vorgehen, und machte deutlich, dass militärische Optionen weiterhin auf dem Tisch lägen.
In Israel wird diese Rhetorik nicht als rein amerikanische Angelegenheit wahrgenommen. Sicherheitskreise gehen davon aus, dass ein US-Militärschlag gegen den Iran kaum ohne iranische Vergeltung gegen Israel bleiben würde. Teheran betrachtet Israel als engsten regionalen Verbündeten Washingtons und könnte versuchen, im Fall eines amerikanischen Angriffs den Preis für die USA in die Höhe zu treiben, indem es israelische Ziele direkt oder über seine Stellvertreter angreift. Anfang des Jahres versetzten israelische Behörden das Land deshalb in erhöhte Alarmbereitschaft, da man selbst bei einer rein amerikanischen Operation mit Raketen- oder Drohnenangriffen auf Israel rechnet.
Auch internationale Analysten halten solch eine Dynamik für wahrscheinlich. Der Council on Foreign Relations betont, ein militärisches Vorgehen der USA gegen den Iran würde mit hoher Wahrscheinlichkeit eine regionale Eskalation auslösen, bei der Israel zu den ersten Zielen iranischer Vergeltung zählen könnte – unabhängig davon, ob Jerusalem selbst militärisch beteiligt ist.
In der israelischen Öffentlichkeit wird die Möglichkeit eines US-Angriffs ambivalent bewertet. Einerseits gilt eine entschlossene amerikanische Haltung gegenüber Teheran als wichtige Abschreckung. Andererseits wächst die Angst, dass Israel erneut zum unfreiwilligen Frontstaat eines größeren Konflikts werden könnte. Die zentrale Frage lautet für viele Israelis nicht, ob der Iran eine Bedrohung darstellt, sondern ob Entscheidungen in Washington letztlich über Krieg und Frieden in Israel mitentscheiden könnten.
Der Blick auf den Iran ist von Entschlossenheit geprägt, aber auch von tiefer Erschöpfung. Viele Israelis wünschen sich Sicherheit und Stabilität wissen jedoch, dass beides in einer Region, in der externe Mächte, regionale Rivalitäten und ideologische Feindschaften aufeinandertreffen, jederzeit erneut ins Wanken geraten können.
