In Israel ist vor allem seit dem Frühjahr 2024 ein alarmierendes Phänomen sichtbar geworden: Der Iran versucht systematisch, israelische Staatsbürger für Spionagetätigkeiten zu rekrutieren.
Jene Fälle, die von den israelischen Sicherheitsbehörden bisher aufgedeckt wurden, verliefen immer nach demselben Muster: Erst Nachrichten über Social-Media-Kanäle, dann kleine Aufgaben und finanzielle Anreize und schließlich die Anweisung, sensible Fotos zu machen, Standorte weiterzugeben oder gar Zugang zu Personen und Einrichtungen zu verschaffen. Sicherheitskreise in Israel sprechen von Dutzenden Festnahmen.
Die bevorzugte Rekrutierungsplattformen sind Telegram-Gruppen, Direktnachrichten und Anrufe mit voraufgezeichneten Botschaften, die massenhaft ausgesendet werden, in der Hoffnung, dass sich einige Empfänger auf die Angebote einlassen. Diese »Gießkannen-Taktik« ist billig und skalierbar: Statt einzelne Top-Agenten anzuwerben, spannt die Islamische Republik Iran ein breites Netz, in dem viele Personen nur kleine, vermeintlich harmlose Aufgaben übernehmen, bis das Pensum an Vertrauen und Brisanz wächst. Mehrere Untersuchungen und Sicherheitsexperten stellten fest, dass die iranischen Dienste bewusst eine breite Palette von Zielpersonen ansprechen.
Schrittweise Eskalation
Finanzielle Verlockung ist ein Kernelement der Strategie. Den Verhaftungsberichten zufolge fließen Zahlungen oft in Form von Bargeld oder Kryptowährungen; in manchen Fällen werden Summen genannt, die für Menschen mit wirtschaftlichen Problemen einen Anreiz darstellen. Israelische Behörden reagierten mit einer Aufklärungskampagne unter dem Motto »Easy Money, Heavy Cost«, um vor den langfristigen rechtlichen und persönlichen Konsequenzen zu warnen. Die Botschaft: Kleine Geldbeträge können zu jahrzehntelanger Haft führen.
Doch Geld ist nicht die einzige Hebelwirkung. Manche Rekrutierungen funktionieren über ideologische oder emotionale Ansprache: Sympathien für Palästina, Verbitterung über die israelische Regierung, religiöse oder politische Überzeugungen, familiäre Verbindungen in der Region oder der Wunsch nach Bedeutung können Menschen anfälliger machen. In anderen Fällen nutzen die Anwerber bereits bestehende Diaspora-Verbindungen zu arabischen oder iranisch-stämmigen Israelis. Solche Bindungen erleichtern den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses und sind somit ein wichtiger Grundstein der Spionage.
Die Rekrutierung erfolgt oft stufenweise: Am Anfang stehen harmlos wirkende Aufgaben wie das Fotografieren von Gebäuden, kurze Beobachtungen, Erfassungen von Telefonnummern. Erst im Laufe der Zeit werden die Anforderungen ernster: präzise Vermessungen militärischer Infrastrukturen oder Identifizierung von politischen oder militärischen Zielpersonen wie beispielsweise die Wohnadresse des israelischen Nuklearforschers, der dann im letzten Krieg mit dem Iran angegriffen wurde etc. Diese schrittweise Eskalation verringert die Hemmschwelle und macht es schwieriger, schon früh Alarm zu schlagen.
Als weitere Methode treten Vermittler und Zwischenpersonen auf: Kontakte in Drittstaaten, die über sichere Kanäle Anweisungen geben, oder lokale Vertrauenspersonen, die den Schritt zur Kollaboration erleichtern. In mehreren veröffentlichten Fällen gab es Hinweise darauf, dass Anweisungen über ausländische Messengerdienste oder über Drittländer liefen, um so die Spuren zu verwischen. Solche Strukturen machen die Aufklärung für Behörden komplizierter und erhöhen zugleich die Erfolgschancen der Rekrutierer.
Neue Taktik
Die Sicherheitsbehörden Israels sehen den Erfolg dieser Taktik auch als Hinweis darauf, dass der Iran die Geheimdienstarbeit in Richtung »Massenrekrutierung« umgestellt hat: Statt auf wenige, hochqualifizierte Agenten zu bauen, wird auf Quantität und die Ausnutzung sozialer Verwundbarkeiten gesetzt. Experten nennen das eine »Netz-Strategie«: Werden viele kleine Posten infiltriert, entsteht ein Informationsfluss, der auch ohne einzelne Spitzenagenten wertvoll ist.
Die Konsequenzen sind politisch wie gesellschaftlich tiefgreifend. Neben der unmittelbaren Sicherheitsgefährdung – Daten über militärische Anlagen, Forschungseinrichtungen oder Persönlichkeitsprofile könnten an iranische Stellen gelangen –, wächst innerhalb Israels das Misstrauen. Öffentliche Kampagnen, verstärkte Kontrollen an sensiblen Orten und härtere Strafverfolgung sind die unmittelbaren Reaktionen. Gleichzeitig bleibt die große Frage, wie viele Fälle noch unentdeckt sind und wie viel Schaden bereits angerichtet wurde.
Abschließend bleibt festzustellen, dass Teherans Strategie, Israelis durch finanzielle Verlockungen und emotionale Ansprache gezielt per Social Media anzuwerben, eine flexible, moderne Form der Spionage belegt, die leicht übersehen werden kann, weil sie mitten in der Zivilgesellschaft stattfindet. Für Israel ist die Herausforderung daher nicht nur eine technisch-militärische, sondern auch eine Frage der inneren Widerstandskraft: Aufklärung, Prävention und die Stärkung sozialer Netze sind nötig, um dem Reiz von schnellem Geld, Zugehörigkeit oder Ideologie zu widerstehen.
