In studentischen Gruppen der Pariser Universität Sorbonne reicht es schon aus, Simon zu heißen, um als Jude gebrandmarkt, zensiert und verstoßen zu werden.
Rund achtzig Jahre nach der Befreiung von der Besatzung durch Nazi-Deutschland wird in Frankreich wieder ermittelt, wer Jude sein könnte, um ihn auszuschließen zu können. Wie Hochschulminister Philippe Baptiste am vergangenen Montag mitteilte, sind an der Pariser Universität Panthéon-Sorbonne Dutzende Studenten aus einer Chatgruppe ausgeschlossen worden, weil ihre Vor- oder Nachnamen nach Meinung der Administratorin jüdisch klangen.
»Ich unterstütze diese jungen Menschen, die Opfer von Antisemitismus sind, den wir überall bekämpfen müssen, leider auch an unseren Universitäten. Nur eine Linie ist möglich: Null Toleranz«, so der Minister in einer auf X veröffentlichten Erklärung. Er vertraue darauf, dass die Universität Disziplinarmaßnahmen ergreife und habe den Rektor gebeten, den Fall gemäß Artikel 40 der Strafprozessordnung an die Staatsanwaltschaft zu verweisen. Die Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne gab am Dienstag bekannt, alle ihr zur Verfügung stehenden Informationen an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet zu haben.
»Manchmal wurden sogar nichtjüdische Studenten ausgeschlossen. Ein gewisser Simon wurde nur wegen seines Vornamens rausgeschmissen«, erläuterte Yossef Murciano, Präsident der Union jüdischer Studenten Frankreichs (UEJF). Der Chatverlauf zeigt, wie der Student beteuerte, kein Jude zu sein: »Mein Name ist Simon, ich bin weder Jude noch Zionist. Bitte werft nicht alles in einen Topf«, schrieb er, nachdem er wieder in die Gruppe aufgenommen worden war.
Wie Screenshots belegen, schrieb die Administratorin am 15. September: »Wenn es in dieser Gruppe außer denen, die ich bereits ausgeschlossen habe, noch andere Zionisten gibt, könnt ihr jetzt gehen. Wir wollen euch hier nicht [Emoji mit palästinensischer Flagge]. Dasselbe gilt für Rassisten im Allgemeinen.«
Jemand, der offenbar ausgeschlossen wurde, fragte: »Du bist verrückt, woher konntest Du das wissen?« Die Administratorin erwiderte: »Israel Association in der Bio, MDR [steht für mort de rire, zu deutsch: ›Ich lach mich tot‹; Anm. Mena Watch], und ich bin die Verrückte?« – »Bist Du Dir sicher, was Du tust?«, fragt ein dritter Student. »Ich? Sicher«, antwortete die Administratorin.
Bei der Instagram-Gruppe mit dem Namen »L 1 Eco Sorbonne« handelt es sich um eine Gruppe für Studienanfänger im Fach Wirtschaft mit rund zweihundert Mitgliedern. »Die Person, welche diese Personen rausgeworfen hat, hat unter dem Vorwand jüdischer Namen völlig verworrene Verbindungen zum Zionismus hergestellt«, sagt Yossef Murciano. »Die Botschaft lässt keinen Zweifel. Zionismus identifiziert man nicht anhand von Vor- oder Nachnamen; hier wird tatsächlich das Jüdische angegriffen, was unverhohlenen Antisemitismus eindeutig kennzeichnet.« Eine junge Frau wurde laut Murciano aus der Gruppe ausgeschlossen, weil sie Mitglied der jüdischen Pfadfinder ist. »Das ist völlig verrückt.«
»Für oder gegen Juden?«
In diesem Zusammenhang wurde auch bekannt, dass es im August einen antisemitischen Vorfall in einer anderen Studentengruppe, diesmal auf WhatsApp, gegeben hatte. »Für oder gegen die Juden«, postete ein Student am 24. August und provozierte damit heftige Reaktionen seiner Kommilitonen: »Aber was soll das für eine Frage sein?«, »Du hast den Teppich geraucht«, »Bist du verrückt?« Der Verfasser der Nachricht reagierte darauf mit einer Abstimmung: »Juden, dafür oder dagegen?« Er selbst stimmte mit »dagegen«.
Die Universität »wird ein Disziplinarverfahren gegen den Verfasser einleiten, sobald seine Identität festgestellt ist«, heißt es in der Erklärung der Institution. »Diese beiden Taten, deren antisemitischer Charakter eindeutig erkennbar ist, verdienen eine ihrer Schwere angemessene Sanktion, und die Universität tut alles in ihrer Macht Stehende, um dies sicherzustellen.«
An der Universität Paris-Dauphine ersetzte letztes Jahr am 7. Oktober, dem Gedenktag für die Opfer der Hamas-Massaker in Israel, ein Hacker die Profilbilder von achtzehn Studenten auf dem internen Portal MyDauphine durch eine palästinensische Flagge mit dem Slogan »Free Palestine«.
Die Universität sperrte daraufhin vorübergehend das betroffene Portal, auf dem verschiedene Anwendungen wie der Onlinezugang zur Bibliothek und der Stundenplan zusammengefasst sind, um weitere Bildmanipulationen zu verhindern. »Alle diese Dienste wurden wiederhergestellt, aber als Vorsichtsmaßnahme haben wir beschlossen, den Teil des internen Portals, in dem die Studentenprofile angezeigt wurden, geschlossen zu halten«, sagte Universitätspräsident El-Mouhoub Mouhoud und betonte, dass ausschließlich Menschen jüdischen Glaubens betroffen seien.
»Exzellenz«-Studentin aus Gaza will Juden töten
Nur kurz war der Aufenthalt einer 25-jährigen palästinensischen Studentin an einer französischen Hochschule. Sie war am 11. Juli von Frankreich aus dem Gazastreifen geholt worden und hatte ein staatliches Stipendium – ein vor einem Jahr ins Leben gerufenes Programm – für ein Studium an der renommierten Universität in Nordfrankreich erhalten. Eigentlich hätte sie im heurigen September ihr Studium an der Sciences Po Lille beginnen sollen. Doch sie »beabsichtigt nun, das Land zu verlassen«, teilte eine französische diplomatische Quelle am 31. Juli mit.
In den sozialen Medien kursierende Screenshots hatten gezeigt, dass ein Account, der von Internetnutzern dieser Studentin zugeschrieben und inzwischen geschlossen wurde, Nachrichten verbreitet hatte, in denen zur Tötung von Juden aufgerufen wurde.
Auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP erklärte Sciences Po Lille, dass »die Kommentare der jungen Frau in den sozialen Medien bestätigt« seien, ohne Einzelheiten zu nennen. Sie seien nach einem am 28. Juli ausgestrahlten Fernsehbericht entdeckt worden. Am selben Tag wurde die junge Frau aufgrund dieser Beiträge, die »den Werten der Sciences Po Lille direkt widersprechen«, vom Institut für Politikwissenschaften (IEP) exmatrikuliert.
Die Stipendiaten »werden nach Kriterien akademischer Exzellenz ausgewählt und vor ihrer Ankunft in Frankreich von den zuständigen Behörden einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen«, so eine diplomatische Quelle gegenüber der Tageszeitung Libération. »Der Minister für Europa und Auswärtige Angelegenheiten und der Innenminister haben die Einleitung einer internen Untersuchung beantragt, um sicherzustellen, dass sich diese Situation nicht wiederholt.«
