Das durch den Krieg im Sudan ausgelöste Chaos sowie die mangelnde Sicherheitskontrolle ermöglichen es Terrororganisationen, sich im Land zu etablieren.
Kürzlich enthüllte ein UN-Bericht, dass die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) nordafrikanische Kämpfer im Sudan ausbildet. Das dem UN-Sicherheitsrat vom Analytical Support Team vorgelegte Dokument schildert »die Versuche des IS, seine Präsenz in Afrika wiederherzustellen, indem er nordafrikanische Militante im Tschadsee-Becken, im Sudan und in Somalia rekrutiert und ausbildet und sie dann wieder in ihre ursprünglichen Gebiete verlegt«.
Im Februar dieses Jahres rief die IS-Onlinezeitung Al-Naba öffentlich zum Dschihad im Sudan auf. Laut der Zeitung sind die beiden Hauptfraktionen im Bürgerkrieg – die reguläre Armee und die Milizen der Schnellen Eingreiftruppen – ein »Teil der ungläubigen Weltordnung und versuchen, die ignoranten Grenzen zu festigen, die Muslime einschränken und gefangen halten«.
Der Islamische Staat versucht seit 2019, im Sudan zu operieren, wobei er in kleinen Zellen agiert. Die Behörden haben mehrmals versucht, dieses relativ kleine Netzwerk zu zerschlagen, indem sie regelmäßig Razzien oder Verhaftungen von IS-Mitgliedern ankündigten wie beispielsweise im September und Oktober 2021, als sie mehr als ein Dutzend Mitglieder der Organisation verhafteten und weitere in Khartum töteten.
Die Forscherin Mona Abdel Fattah ist der Ansicht, dass die Infrastruktur der Organisation innerhalb des Landes aber weiterhin einheitlich und weitgehend unversehrt ist, auch wenn sie nach Sicherheitsrazzien militärisch inaktiv zu sein scheint. Darüber hinaus ist der Sudan zu einem Zentrum für die Finanzierung, den Einkauf und die logistische Unterstützung anderer Zweigstellen auf dem Kontinent geworden.
Ein neuer Schwerpunkt?
Der ägyptische Experte für terroristische Organisationen Ahmed Kamel al-Beheiri sagte, in den letzten Monaten habe der IS versucht, sich auf den sudanesischen Raum zu konzentrieren, um sich neu zu positionieren und einen neuen Schwerpunkt innerhalb des Landes zu etablieren: »Die jüngste Botschaft der Organisation in der Zeitung Al-Nabaa spiegelt ihr Interesse wider, den Sudan zu einer Startrampe für die Planung neuer Terroroperationen sowohl innerhalb des Sudans als auch in Nachbarländern zu machen.« Laut al-Beheiri versucht der Islamische Staat derzeit, seine Aktivitäten innerhalb des Sudans wieder zu intensivieren, um sich dem strategisch wichtigen Roten Meer zu nähern.
Eine vom Emirates Center for Strategic Studies veröffentlichte Forschungsarbeit stellte fest, der Sudan werde sich in naher Zukunft wahrscheinlich von einem Transitgebiet für logistische Unterstützungskonvois zahlreicher Terrororganisationen zu einer Zone operativer Aktivitäten und einem »Hotspot« entwickeln, in dem extremistische Netzwerke zunehmen. So biete das Chaos, das den bewaffneten Konflikt zwischen der Armee und den Milizen der Schnellen Eingreiftruppen begleitet, ein ideales Umfeld für terroristische Aktivitäten. Zudem liege der Sudan in einer Region, die durch IS-Aktivitäten und ein fragiles Sicherheitsumfeld gekennzeichnet ist.
Laut Mona Abdel Fattah lassen sich drei mögliche Szenarien für die IS-Aktivitäten im Sudan vorstellen:
- Eine lokal begrenzte Präsenz der Terrorgruppe, wobei sich deren Aktivitäten auf kleine Zellen in Städten und ländlichen Gebieten beschränken und sich auf Rekrutierung, logistische Unterstützung und die Planung begrenzter Operationen konzentrieren.
- Eine schrittweise Ausweitung in offene Konfliktgebiete, die es der Organisation ermöglicht, logistische Stützpunkte in Gebieten wie Darfur und Kordofan zu errichten und diese mit Transitkorridoren zu verbinden, die nach Somalia und in die Sahelzone führen.
- Der Ausbruch einer offenen bewaffneten Auseinandersetzung zwischen dem Islamischen Staat und der sudanesischen Armee mit dem Ziel, strategische Gebiete zu kontrollieren und ihren Einfluss entlang der Küste des Roten Meeres zu etablieren.
