Warum die Palästina-Solidarität es mit Kneecap & Co. hält, und Bands wie U2 trotz all ihrer Israelkritik den Zorn der Bewegung auf sich ziehen.
Dass das für den 1. September geplante Wiener Konzert der israelfeindlichen Band Kneecap aus »Sicherheitsgründen« abgesagt wurde, hat einige Aktivisten und Musiker offenbar erzürnt. So sehr, dass sie kurzerhand ein Solidaritätskonzert im »Kunst- und Kulturraum« Wild im West für die irischen Terrorversteher ansetzten, die nur einen Tag nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 fröhlich grinsend ihre »Solidarität mit dem palästinensischen Kampf« ausgedrückt hatten.
Unter der Behauptung, die Hamas und die Hisbollah ebenso abzulehnen wie den unterstellten israelischen Genozid im Gazastreifen, wollen die Organisatoren also ihrer Solidarität mit den Hamas- und Hisbollah-Fans von Kneecap Ausdruck verleihen. Schließlich sei die Band der »Zensur« zum Opfer gefallen, weil sie »die Aktionen der gegenwärtigen israelischen Regierung kritisieren« würde, wie es in einer Erklärung auf dem Wild-im-West-Instagram-Account zu den Beweggründen für die Veranstaltung heißt.
Bothsideism
Wie es um den »politischen Diskurs« und den »freien [künstlerischen] Ausdruck«, um welche die Wiener Kneecap-Fans zu kämpfen vorgeben, in der Palästina-Solidarität bestellt ist, bekam kürzlich die – ebenfalls irische – Rockband U2 zu spüren. Über die ging ein veritabler israelfeindlicher Shitstorm nieder, im Zuge dessen ihr etwa von der irischen Musikjournalistin Louis Bruton vorgeworfen wurde, feige zu sein, weil sie nicht wie Kneecap und andere Künstler riskieren wolle, dass ihre Karriere Schaden nehme.
Was nun war geschehen, das Bruton zu einem solchen Vorwurf animierte? Unter dem Titel On Gaza hatte jedes der vier U2-Bandmitglieder am 10. August Statements zur Lage im Küstenstreifen abgegeben, in denen sie nicht nur Israels Vorgehen, sondern auch die Hamas kritisierten, die mit ihrem Massaker vom 7. Oktober 2023 den mittlerweile zweiundzwanzig Monate dauernden Krieg ausgelöst hatte, »ein Hasardspiel, das die Führung der Hamas mit dem Leben von zwei Millionen Palästinensern bereit war, einzugehen«, wie U2-Frontmann Bono Vox schrieb.
Zwar kritisierte Bono auch die israelische Regierung, in diese »von der Hamas gestellte Falle« getappt zu sein und mit »Vergeltungsangriffen« geantwortet zu haben, die »immer unverhältnismäßiger und desinteressierter gegenüber den ebenso unschuldigen Zivilisten in Gaza« erschienen seien, sodass er sich die Frage gestellt habe: »Wann wird aus einem gerechten Krieg zur Verteidigung des Landes eine ungerechte Landnahme? Ich hoffte, Israel würde zur Vernunft zurückkehren.«
Bono Vox kam den Israelfeinden im eigenen Herkunftsland entgegen, indem er Verständnis dafür ausdrückte, dass die Iren aufgrund ihrer »eigenen historischen Erfahrung von Unterdrückung und Besatzung« eine besondere Beziehung zu den Palästinensern und deren Streben nach »Gerechtigkeit« verspüren würden. Die Palästinenser bezeichnete er als ein »Volk, das seit Jahrzehnten Marginalisierung, Unterdrückung, Besatzung und den systematischen Raub seines ihm rechtmäßig zustehenden Landes erdulden musste und weiterhin erdulden muss«.
Bono wiederholte auch die wesentlichen Talking Points der zeitgenössischen »Israelkritik«, als er erklärte, dass nicht nur die Hamas, sondern mittlerweile auch Israel die »Aushungerung als eine Waffe im Krieg« benutzen würde, ein »moralisches Versagen«, vor dem er »Abscheu« empfinde. Und er schrieb, dass die »weit, weit rechts stehende« Netanjahu-Regierung, die gleichwohl »nicht die israelische Nation« ausmache, »unsere kategorische und unmissverständliche Verurteilung« verdiene, weil sie mit ihrer Ankündigung einer militärischen Übernahme in Wahrheit nur einen »Euphemismus für die Kolonisierung des Gazastreifens« liefere, wie er wahrheitswidrig behauptete.
Nicht genug
Doch alles das nützte ihm nichts: Dass Bono Vox neben all seiner Israel-Kritik auch kritische Worte über die Hamas verlor – so wies er etwa darauf hin, dass »die Vergewaltigung, Ermordung und Entführung von Israelis beim Nova-Musikfestival bösartig« war, und dass sich die »Hamas bewusst unter zivilen Zielen positioniert hatte, indem sie Tunnel von Schulen zu Moscheen und Krankenhäusern grub« –, zog ihm den Zorn vermeintlich propalästinensischer Aktivisten zu.
Die von Bono festgehaltenen Basisbanalitäten, dass es die Hamas war, die ohne Rücksicht auf die palästinensische Zivilbevölkerung den Gaza-Krieg begonnen hatte, und dass Israel prinzipiell das Recht auf Existenz und Selbstverteidigung hat, riefen umgehend antisemitische Vorwürfe hervor. U2 vertrete nicht nur einen »Milliardärspazifismus«, sondern bereichere sich vielmehr an einem Genozid und »trieft von israelischem Blutgeld«. Denn wer auch nur ein einziges gutes Haar am jüdischen Staat lässt, so die dahinterstehende Logik, der müsse von diesem korrumpiert und gekauft sein.
Dass nicht nur der Frontmann Bono, sondern auch der Schlagzeuger der Band, Larry Mullen, das »Abschlachten« von Besuchern des Nova-Musikfestivals verurteilte und die Frage stellte, was außer »mehr Elend für die Region« die Hamas von ihrem Massenmord und ihrer Geiselnahme wohl erwartet hatte, war zu viel der Kritik für die Israelfeinde, die Kneecap & Co für deren ach so mutiges Aufstehen gegen Israel und den angeblich prozionistischen Mainstream feiern.
Die so plakativ die Kunst- und Meinungsfreiheit im Mund führende propalästinensische Szene, die wie die Hamas eine »Globalisierung der Intifada« fordert, kann es nicht verwinden, wenn ein Sänger wie Bono Vox öffentlich darauf hinweist, dass solche Forderungen »die Saat für eine globale Intifada (…) ausbringen, die U2 während des Anschlags auf das Bataclan in Paris im Jahr 2015 in Aktion zu Gesicht bekam«. Lieber übt sie sich in Solidarität mit Bands wie Kneecap, die keine einzige Sekunde unter den Verdacht geraten könnten, ein Wort des Verständnisses für Israel oder ein Wort der Kritik über die Hamas zu verlieren.
Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 27. August. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.
Kneecap appear to have given their support to Hamas last November in London at their concert @O2ForumKTown. One member, draped in a Hezbollah flag, shouted to the crowd "up Hamas, up Hezbollah".
Watch below ???? pic.twitter.com/DidT6IxulE
— Danny Morris (@DannyMMorris) April 21, 2025
These Kneecap lads are being a little disingenuous aren’t they? I’ve seen the footage where they “big up the Hamas and Hezbollah”. I’ve seen the photo of the balaclava wearing lad reading Hezbollah literature. I mean, come on lads, at least own it if you’re gonna be edgelords. pic.twitter.com/17wh7fUbXh
— ???????????????????????? ???????????????? ???? (@MrJohnnyDean) April 29, 2025
