Vom Mufti von Jerusalem zum antikolonialen Antisemitismus

Stephan Grigat spricht im 3. Teil des Mena-Watch-Talks über den Antisemitismus, vom Mufti von Jerusalem bis zum zeitgenössischen postkolonialen Judenhass.

Stephan Grigat im Talk über die Wurzeln des israelisch-arabischen Konflikts, den Kolonialismus-Vorwurf an Israel und den zeitgenössischen akademischen Antisemitismus.

Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, und seit 2022 Leiter des Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) in Aachen und Köln, weist im dritten Teil des Gesprächs mit Maya Zehden die gängige These zurück, der Antisemitismus in der arabischen Welt sei erst mit der Staatsgründung Israels 1948 entstanden. »Das ist eine ganz gängige Erzählung… und ich denke, die ist grundfalsch und auch in gewisser Weise gefährlich.«

Bereits vor 1948 habe es eine »Tradition von islamischer Judenfeindschaft« gegeben, die sich im 20. Jahrhundert parallel zu Aufkommen des Faschismus und des Nationalsozialismus in Europa radikalisiert und mit dem modernen, verschwörungsmythischen Antisemitismus verbunden habe.

Eine Schlüsselrolle habe dabei der Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, gespielt. Bereits in den 1920er Jahren habe er antijüdische Pogrome unterstützt und im arabischen Aufstand von 1936–1939 gewaltsam moderatere arabische Kräfte ausgeschaltet. Später habe er eng mit dem NS-Regime kollaboriert, Kindertransporte nach Palästina verhindert, die stattdessen direkt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gingen, und war »direkt involviert in die NS-Vernichtungspolitik«. Auch nach 1945 blieb er nach seiner Rückkehr in den arabischen Raum der zentrale Führer der palästinensischen Nationalbewegung und als solcher maßgeblich an der arabischen Ablehnung des UN-Teilungsplans von 1947 beteiligt.

Sowjetische Politik: Vom Unterstützer Israels zum Gegner

Die Sowjetunion habe damals zunächst aus machtpolitischen Gründen die Staatsgründung Israels unterstützt: Sie habe den britischen Imperialismus schwächen wollen und daher in Israel einen potenziell linken, antiimperialistischen Staat gesehen. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg seien mit sowjetischer Zustimmung erfolgte Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakei sogar kriegsentscheidend gewesen.

Doch ab den 1950er Jahren schwenkte Moskau um, da neue arabische Führer wie Gamal Abdel Nasser »progressive Volksdemokratien« verkörperten. Fortan unterstützten die Sowjetunion und die Ostblockstaaten, darunter die DDR, die militärische Aufrüstung der Gegner Israels. Das ging sogar so weit, dass im Jom-Kippur-Krieg 1973 sowjetische Piloten in ägyptischen Kampfflugzeugen saßen und DDR-Soldaten für einen möglichen Kampfeinsatz gegen Israel nach Syrien verlegt wurden.

Globalisierung des Antisemitismus

Der Antisemitismus sei ein weltweites Phänomen, auch wenn viele dies erst nach dem 7. Oktober 2023 zur Kenntnis genommen hätten. So gebe es auch in Asien antisemitische Traditionen, etwa in Japan, wo eine seltsame Form eines »antisemitischem Philosemitismus« existiere, der klassische antisemitische Stereotype reproduziere, aber daraus keine Vorwürfe gegen Juden konstruiere, sondern diese ganz im Gegenteil zu Vorbildern mache. Man nehme beispielsweise »diese absurde Behauptung, die Juden würden die Welt beherrschen auf. Aber man wendet das positiv und sagt, ja, wir können von denen was lernen, wir wollen das auch!«

Aber in der japanischen Geschichte habe es auch radikale Linksterroristen gegeben, die sogar an einem Terroranschlag in Israel beteiligt waren.

Auch in Lateinamerika habe in den linken Guerilla-Bewegungen, die in den 1970er und 80er Jahren eine wichtige Rolle gespielt haben, sowie in linken Regimen wie in Nicaragua »antisemitischer Antizionismus« eine wichtige – und bis heute nicht wirklich aufgearbeitete – Rolle gespielt.

Akademischer Antisemitismus und Postkolonialismus

Grigat betont, akademischer Antisemitismus sei »überhaupt nicht neu«, Akademiker hätten historisch vielmehr zu den Vorkämpfern des Judenhasses gezählt – nicht zufällig hätten beispielsweise Juristen und Ärzte im NS-Regime wichtige Positionen bekleidet.

Heute komme der Antisemitismus im universitären Bereich aber vorwiegend aus der politischen Linken, wenngleich dabei der alte Marxismus-Leninismus kaum mehr Bedeutung habe und der Antisemitismus vor allem auf postkolonialen und poststrukturalistischen Theorien aufbaue.

Parolen wie „From the River to the Sea, die auf die Vernichtung Israels abzielen, würden in aller Welt propagiert, aber in Deutschland kämen noch einige wie »Free Palestine From German Guilt« hinzu, die einen klaren Bezug auf die deutsche Geschichte und auf den Umgang mit dem Nationalsozialismus aufwiesen. Solche Formulierungen bedeuteten eine »Form von Kritik an Schuldkult, wie man sie eigentlich von der AfD kennt, in linkes Vokabular gekleidet«.

Der Vorwurf, Israel sei ein »weißer Siedler-Kolonialstaat«, ist für Grigat schlicht »historischer Unsinn«, in dem vor allem blankes Unwissen und eklatante Unkenntnis der israelischen Gesellschaft zum Ausdruck kämen.

Bisher veröffentlicht:

Teil 1: Die islamische Revolution von Ayatollah Khomeini sollte exportiert werden.
Teil 2: Nahost nach dem 7. Oktober 2023: Die Abraham-Abkommen und die Rolle Deutschlands.

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