Iran schickt Atomwissenschaftler in den Untergrund

Fereydoun Abbasi-Davani (li.), hier neben Revolutionsgarden-Kommandan Mohamad Ali Jafari, war einer der iranischen Atomwissenschaftler, die im Krieg im Juni von Israel getötet wurden. (© imago images/UPI Photo)

Wegen Bedenken weiterer israelischer Angriffe müssen iranische Nuklearwissenschaftler und ihre Familien künftig im Untergrund leben.

Einem Bericht der britischen Tageszeitung The Telegraph zufolge greift das iranische Regime zu drastischen Maßnahmen, um das Leben jener Nuklearwissenschaftler zu schützen, die nicht bei den israelischen Angriffen im vergangenen Juni getötet wurden. Mehr als fünfzehn von ihnen müssen ihr Leben künftig im Untergrund verbringen. Sie »leben nicht mehr in ihren Häusern oder lehren an Universitäten, sondern wurden an sichere Orte in Teheran oder in Küstenstädte im Norden des Landes gebracht, wo sie mit ihren Familien in Villen leben, wie ein hochrangiger iranischer Beamter mitteilte«, ist im Telegraph zu lesen.

Lebendige Leichen

Während der zwölftägigen militärischen Auseinandersetzung im Juni hat Israel über dreißig Atomwissenschaftler gezielt angegriffen. Eine israelische Liste soll die Namen von rund weiteren hundert enthalten, die sich israelischen Warnungen zufolge »entscheiden müssen, ob sie ihre Arbeit fortsetzen und weitere Angriffe riskieren, oder sich eine neue Karriere suchen wollen«.

Aus israelischer Sicht sind die überlebenden Atomexperten sowie jene, die an die Stelle ihrer getöteten Kollegen getreten sind, »lebendige Leichen«. Der Telegraph zitiert den ehemaligen Leiter des Iran-Referats im israelischen Militärgeheimdienst, Danny Citrinowicz, nach dem alle Wissenschaftler, die sich entscheiden, weiterhin am iranischen Atomprogramm mitzuwirken, »automatisch zum Ziel Israels werden, wie Israel in der Vergangenheit gezeigt hat. Daran habe ich keinen Zweifel. Jeder Wissenschaftler, der sich mit der Atomfrage befasst, wird eliminiert oder mit der Eliminierung bedroht werden.«

Am vergangenen Mittwoch hat das iranische Regime einen seiner Nuklearwissenschaftler hingerichtet. Roozbeh Vadi, der offenbar in den wichtigsten und sensibelsten Atomanlagen gearbeitet hatte, wurde die Weitergabe von Informationen an Israel vorgeworfen, die im Krieg im Juni zur Tötung von Kollegen geführt hätten.

Ist Wissen zerstörbar?

Laut einer Untersuchung des amerikanischen Institute for Science and International Security (ISIS) habe die Tötung der Atomwissenschaftler im Juni das »iranische Atomwaffenprogramm seiner fähigsten und erfahrensten Mitarbeiter beraubt«. Damit sei »die Basis des Irans für den Bau von Atomwaffen geschwächt [worden], indem sie das erforderliche Fachwissen und die schwierig zu erlangende Managementerfahrung beseitigt hat«.

Für die ISIS-Experten trifft der Allgemeinplatz, nach dem man einmal erlangtes Wissen nicht mehr eliminieren könne, nur bedingt zu: »In einem streng geheimen Programm wie dem iranischen Atomwaffenprogramm, in dem man sich der Gefahr von Informationslecks sehr bewusst ist, ist es wahrscheinlich, dass nur wenige Personen vollständige Kenntnis über die sensibelsten und aktuellsten Entwicklungen des Programms und darüber hatten, wie die einzelnen Teile zusammenwirken sollten.« Und aus der Geschichte wisse man, dass Wissen vielleicht nicht zerstört, sehr wohl aber, dass es »vergessen, verloren oder unterdrückt« werden kann.

Jemand wie der am 13. Juni bei einem israelischen Luftschlag getötete Fereydoun Abbasi-Davani etwa, der einer der zentralen Köpfe des früheren Amad-Plans zur Herstellung von Atomsprengköpfen und später unter anderem Chef der iranischen Atomenergieorganisation war, ist nicht ohne Weiteres ersetzbar. Dasselbe gilt auch für eine Fülle an Daten, die bei den Angriffen auf bestimmte Einrichtungen im Zusammenhang mit dem Atomprogramm vernichtet wurden.

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