Der Oberste Führer des Irans, Mojtaba Khamenei, ist seit Kriegsbeginn nicht mehr öffentlich aufgetreten und hat auch keine Neujahrsansprache gehalten, was die Gerüchteküche zum Brodeln bringt.
Während Geheimdienstinformationen darauf hindeuten, dass Mojtaba Khamenei, der anstelle seines am ersten Kriegstag getöteten Vaters Ali Khamenei zum Obersten Führer des Irans gewählt wurde, am Leben ist, versuchen derzeit amerikanische und israelische Geheimdienste, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln, berichtete das US-Nachrichtenportal Axiosunter Berufung auf hochrangige amerikanische und israelische Beamte.
Vor allem der Umstand, dass Mojtaba Khamenei am vergangenen Freitag nicht die traditionelle Rede zum persischen Neujahrsfest Nouruz gehalten hatte, sondern lediglich eine schriftliche Botschaft auf Telegram veröffentlicht wurde, ließ aufhorchen. Präsident Massud Peseschkian hingegen veröffentlichte ein Video zum Feiertag. Dem Axios-Bericht zufolge versucht die CIA zu überprüfen, ob die Fotos auf Khameneis Telegram-Kanal aktuell oder veraltet sind.
»Wir hatten erwartet, Mojtaba Khamenei in irgendeiner Form zu sehen«, sagte ein US-Beamter, »doch er hat weder die Gelegenheit genutzt noch der Tradition Folge geleistet«, was »ein deutliches Warnsignal« und »mehr als seltsam« sei. »Wir glauben nicht, dass die Iraner sich all diese Mühe machen würden, um einen Toten zum Obersten Führer zu wählen, aber gleichzeitig haben wir keinen Beweis dafür, dass er die Zügel in der Hand hält.«
Die Ungewissheit über Mojtaba Khameneis Gesundheitszustand wurde in der vergangenen Woche auch bei einer Anhörung des Geheimdienstausschusses des US-Repräsentantenhauses diskutiert. Die Direktorin des Nationalen Geheimdienstes Tulsi Gabbard behauptete, Khamenei sei bei einem israelischen Angriff »sehr schwer verletzt« worden und die Entscheidungsfindung innerhalb der Führungsriege »unklar«. Neben Mojtabas Vater sollen bei dem Angriff auch seine Frau Zahra Haddad Adel, sein Sohn und seine Mutter ums Leben gekommen sein.
Auch die internationalen Medien können nur spekulieren, wie es um Khamenei steht. So teilten zum Beispiel israelische Beamte der New York Times mit, der Oberste Führer habe Verletzungen an den Beinen und befinde sich an einem sicheren Ort mit eingeschränkter Kommunikationsmöglichkeit. CNN wiederum sprach von einem gebrochenen Fuß, einer Augenverletzung und von Schnittwunden im Gesicht.
Geht es nach der kuwaitischen Zeitung Al Jarida, sei Khamenei heimlich mit einem russischen Militärflugzeug nach Moskau geflogen worden, nachdem Präsident Wladimir Putin seinem iranischen Amtskollegen Peseschkian in einem Telefonat eine medizinische Behandlung des Obersten Führers angeboten hatte. Der Kreml lehnte eine diesbezügliche Stellungnahme ab, während der iranische Botschafter in Moskau den Bericht später dementierte.
Und im Iran selbst kursierten in den sozialen Medien in den letzten Tagen unbestätigte Behauptungen, nach denen Mojtaba Khamenei nicht mehr am Leben sei.
Entscheidungsträger Revolutionsgarde
Man habe »keine Beweise dafür, dass Mojtaba Khamenei tatsächlich derjenige ist, der die Befehle erteilt«, sagte ein israelischer Beamter gegenüber Axios. Angesichts des offensichtlichen Führungsvakuums nach einer Reihe von Luftschlägen, denen der ehemalige Oberste Führer Ali Khamenei, der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats Ali Laridschani und die militärische Führungsspitze zum Opfer fielen, herrscht die Einschätzung vor, dass sich die politische Entscheidungsfindung auf das Korps der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) verlagert hat, die auch Khameneis Ernennung unterstützt hatte.
Tulsi Gabbard bestätigte bei der US-Anhörung, dass Mojtaba Khamenei der Revolutionsgarde nahesteht. Die Frage, wer nun im Iran das Sagen habe, stehe im Mittelpunkt. Präsident Peseschkian besitzt zwar formal weitreichende Befugnisse, spielt aber bei Entscheidungen zur aktuellen militärischen Landesverteidigung keine Rolle. Dies wurde durch die öffentliche Demütigung unterstrichen, die er erlitt, als er sich bei den Golfstaaten für iranische Angriffe entschuldigte, nur um feststellen zu müssen, dass die Angriffe unmittelbar danach weitergeführt wurden.
Innerhalb der militärischen Hierarchie zeichnet sich als ranghöchster Funktionär der neue IRGC-Kommandeur Ahmad Vahidi ab, ein ehemaliger Kommandeur der Quds-Brigaden und ehemaliger Verteidigungsminister.
Westlichen Berichten zufolge stand das IRGC hinter der Ernennung Khameneis zum neuen Obersten Führer des Irans und übte Druck auf alle aus, die einen anderen Kandidaten bevorzugten, welcher Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten oder Reformen zur Beruhigung der Demonstranten anstreben könnte. Den Berichten zufolge erzwang das IRGC die Entscheidung, indem sie Druck auf Mitglieder der Expertenversammlung ausübte, die sich heimlich treffen musste, nachdem ihre Büros in Qom bombardiert worden waren. Die Bekanntgabe verzögerte sich aufgrund interner Widerstände um viele Stunden, einige Mitglieder wurden erst gar nicht eingeladen.
Es wird angenommen, dass Mojtaba Khamenei im Laufe der Jahre enge Beziehungen zu Kommandanten des IRGC aufgebaut hat, insbesondere zu Offizieren der mittleren Führungsebene, die nun die Rollen jener hochrangigen Funktionären übernommen haben, die bei den amerikanisch-israelischen Angriffen getötet wurden.
