Die Wiege des Christentums: Wie eine Weltreligion in ihrer historischen Heimat an Bedeutung verliert

Gemeinden werden immer kleiner: Palästinensiche Christen im Dorf Abud im Westjordanland
Gemeinden werden immer kleiner: Palästinensiche Christen im Dorf Abud im Westjordanland (© Imago Images / UPI Photo)

In Bethlehem, Gaza und anderen Orten des Heiligen Landes werden die einheimischen christlichen Gemeinden seit Jahrzehnten kleiner. Religiöser und gesellschaftlicher Druck, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, politische Instabilität und Krieg treiben viele Menschen zur Auswanderung.

Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, das den Krieg zwischen Israel und Gaza auslöste, sind weite Teile des Küstenstreifens verwüstet. Hunderttausende Menschen befinden sich auf der Flucht. Die Terrororganisation hat im Krieg gegen die israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) viele ihrer Anführer, Kommandeure und Kämpfer verloren und steht unter erheblichem Druck, ihre Kontrolle über den Küstenstreifen aufrechtzuerhalten. Nach Angaben der US-Regierung nutzt sie zudem Zivilisten und zivile Infrastruktur als menschliche Schutzschilde. Unter ihrer seit 2007 bestehenden Herrschaft war die Bevölkerung jahrelang Repression und islamistischer Kontrolle ausgesetzt. Strafen, Folter und Exekutionen waren an der Tagesordnung. Eine Entwicklung, unter der auch die kleine christliche Gemeinschaft zu leiden hatte, deren Zahl seit Beginn des Krieges von tausend auf circa sechshundert gesunken ist.

Während der aktuellen Kämpfe wurden auch Kirchen zu Zufluchtsorten für Schutzsuchende. Doch selbst dort waren sie nicht sicher: In der katholischen Heiligen-Familie-Kirche und im griechisch-orthodoxen Gotteshaus St. Porphyrius suchten Hunderte Christen und muslimische Nachbarn Schutz und harrten gemeinsam aus. Beide Gotteshäuser wurden im Verlauf des Krieges beschädigt. Dabei ist der Küstenstreifen kein Sonderfall. Seit Jahrzehnten geht die Zahl der Christen im Heiligen Land zurück. Das als Geburtsstadt Jesu geltende Bethlehem war noch Mitte des 20. Jahrhunderts mehrheitlich christlich. Heute stellen die Christen dort nur noch einen kleinen Teil der Bevölkerung. Bei der Volkszählung von 2017 waren es rund zehn Prozent. Die Auswanderung hat sich während des Gaza-Krieges weiter beschleunigt.

Zunehmende Islamisierung

Das Heilige Land ist die Wiege des Christentums und mit dieser Religion tief verwurzelt. Seine Geschichte reicht bis zu ihren Anfängen zurück – nach Bethlehem, Jerusalem, Nazareth und Gaza. Doch ausgerechnet in dieser Region verliert die einheimische Gemeinschaft zunehmend an Größe. Krieg und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit treiben Menschen zur Auswanderung; zugleich berichten viele von ihnen von religiösem und gesellschaftlichem Druck. Die Ursachen sind umstritten und unterscheiden sich von Ort zu Ort.

»In Bethlehem sind heute nur noch knapp elf Prozent der Bevölkerung Christen«, erzählt die nun in Nazareth lebende Mira Farhad aus, die während der zweiten Intifada im Jahr 2002 im Alter von zwölf Jahren mit ihren Eltern aus der Geburtsstadt Jesu floh. »Mit dem Ende des britischen Mandats lebten dort und in weiteren Großstädten – wie Ramallah – fast ausschließlich Christen. Überhaupt macht heute ihr Anteil an der gesamten Bevölkerung des Westjordanlandes weniger als zwei Prozent aus.«

Als die katholische Familie ihre Heimat verließ, kam sie zunächst bei Verwandten in Haifa unter, bis sie in Nazareth ein neues Zuhause fand. Mittlerweile leben die Farhads seit fast zwei Jahrzehnten in der Stadt in Untergaliläa, wo auch Christus seine Kindheit verbrachte. Die zweifache Mutter, die als Psychologin arbeitet und die israelische Staatsbürgerschaft besitzt, erzählt, dass ihre Eltern – die sich für eine Zweistaatenlösung einsetzten – immer wieder ins Visier palästinensischer Extremisten kamen und oft zwischen den Fronten standen.

Der islamische Charakter der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) ist sowohl in ihrem verfassungsrechtlichen Rahmen als auch in ihren politischen Gruppierungen tief verwurzelt. Viele Prinzipien der islamischen Scharia bilden die Grundlage ihrer Gesetzgebung. Das Fehlen von Menschenrechten – vor allem für Frauen – und Meinungsfreiheit veranlasst viele Menschen zur Auswanderung. Doch auch die instabile Wirtschaftslage, mangelnde Arbeitsplätze und fehlender Wohnraum spielen eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt die Zersplitterung der lokalen christlichen Gemeinschaft aufgrund der Sicherheitslage in der Westbank sowie die politische Unsicherheit und die zunehmenden extremistischen Übergriffe.

»Ähnlich wie in Gaza wird auch das Westjordanland zunehmend von radikalen Islamisten beeinflusst«, warnt Farhad. »Ihre Ideologien ähneln stark denen der Hamas. Meine Verwandten dort erzählen immer wieder von einer systematischen Diskriminierung durch die PA. Es herrscht eine Kultur der Angst und eine Bevorzugung von Muslimen gegenüber Christen. Somit sind der Küstenstreifen und die Palästinensergebiete nicht nur Schauplatz des israelisch-arabischen Konflikts. Auch innerhalb der palästinensischen Gesellschaft werden zahlreiche Bevölkerungsgruppen unter Druck gesetzt.«

Was sich in Bethlehem und Gaza beobachten lässt, ist Teil einer Entwicklung, die weit über die palästinensischen Gebiete hinausreicht. In Ägypten, Irak, Syrien und auch im Libanon geht die Präsenz der christlichen Gemeinden seit Jahren zurück – ausgerechnet in jener Region, in der ihre Religion ihre historischen Wurzeln hat. Doch auch im jüdischen Staat selbst, wo arabische Christen die israelische Staatsbürgerschaft besitzen und vor allem in Nazareth, Haifa, Jaffa und kleineren christlichen Gemeinden leben, zeigt sich diese Entwicklung. Sie machen rund eineinhalb Prozent der israelischen und knapp sieben Prozent der arabischen Bevölkerung aus – und ihr Anteil nimmt weiter ab, hauptsächlich wegen der geringeren Geburtenrate als bei den muslimischen Bevölkerungsgruppen.

Nicht nur die Zahl schwindet

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel dort, wo Christen unter einer überwiegend palästinensisch-muslimischen Herrschaft leben. Die demografische Entwicklung wirft dabei eine grundsätzliche Frage auf: Was sagt der Blick auf die vergangenen Jahrzehnte über die Zukunft des Christentums in den palästinensischen Gebieten aus?

»Gewalt und Zwang sind die Hauptursachen des Rückgangs der christlichen Bevölkerung in Gebieten, die bis zu neunzig Prozent von der Hamas oder der PA kontrolliert werden«, erklärt der IDF-Oberstleutnant der Reserve Maurice Hirsch in seiner gemeinsamen mit Tirza Shorr verfassten Studie für das Jerusalemer Zentrum für Sicherheit und Außenpolitik (JCFA). »Machten Christen zu Beginn des britischen Mandats über Palästina im Jahre 1922 noch knapp elf Prozent der Bevölkerung aus, so beträgt ihr Anteil heute nur 1,9 Prozent. Demografie lügt nicht. Vor allem aus historisch bedeutenden Städten wie Bethlehem gibt es schon seit vielen Jahren eine Massenauswanderung, die zu einer signifikanten Verringerung von achtzig bis neunzig Prozent geführt hat.«

Hirschs und Shorrs Untersuchung belegt, dass religiöse und rechtliche Diskriminierung, die Schändung heiliger Stätten sowie soziale Ausgrenzung durch muslimische Palästinenser und die islamisch dominierte PA maßgeblich zu diesem Rückgang beigetragen haben. Die Studie sammelte auch Zeugenaussagen über Gewalt und Belästigung, insbesondere gegen christliche Mädchen seit der Machtübernahme durch die PA. Doch die meisten Fälle werden aus Angst vor Vergeltung und wegen mangelnder rechtlicher Durchsetzung nicht zur Anzeige gebracht.

Die Autoren betrachten dabei nicht nur die Entwicklung der Bevölkerungszahlen, sondern auch konkrete Berichte über das Alltagsleben der Betroffenen. Herangezogen werden unter anderem Berichte über Einschüchterungen, Gewalt und Benachteiligungen sowie Hinweise auf das Verhalten der Sicherheits- und Justizbehörden. Dadurch versucht die Studie, die statistisch sichtbare Abwanderung mit den Erfahrungen der Menschen vor Ort in Verbindung zu bringen. »Schweigen stärkt die Täter und lässt die Opfer ohne internationale Unterstützung zurück«, sagt Hirsch. »Das Überleben des Christentums im Heiligen Land hängt von Bewusstsein und Handeln ab. Sein Massenexodus birgt die Gefahr, dass seine jahrtausendealte Präsenz in seiner historischen Ursprungsregion verloren geht.«

Doch die Entwicklung lässt sich nicht allein an Bevölkerungszahlen ablesen. Mit jeder Familie, die ihre Heimat verlässt, verändert sich auch das soziale und kulturelle Gefüge jener Orte, an denen christliches Leben über Generationen selbstverständlich war. Verändert sich eine Gemeinschaft dauerhaft, geht dabei weit mehr verloren als ihre bloße zahlenmäßige Größe: Sprache, Erinnerungen, Bräuche und Formen des Zusammenlebens können innerhalb weniger Generationen ihre Träger verlieren. Zugleich stellt sich die Frage, ob historische Orte des Christentums ihre Bedeutung bewahren können, wenn die Menschen fehlen, die diese Tradition bis heute lebendig halten. Kirchen und Klöster mögen bestehen bleiben, doch ohne die Gläubigen, die sie mit Leben füllen, drohen sie, zu Zeugnissen einer Vergangenheit zu werden, statt Teil einer lebendigen Gegenwart zu sein.

»Wir leben als Christen in Israel als Minderheit innerhalb einer Minderheit«, sagt der griechisch-orthodoxe Priester Gabriel Naddaf aus Nazareth. »Als ich aufwuchs, war Nazareth mehrheitlich christlich – vor allem griechisch-orthodox, aber auch katholisch und protestantisch. Heute ist die Stadt mehrheitlich muslimisch.«

Für den Geistlichen zeigt sich darin exemplarisch, wie stark sich die christliche Präsenz in der Region innerhalb weniger Generationen verändert hat. Zugleich geht es für ihn darum, wie diese Minderheit mit diesem tiefgreifenden Wandel umgehen kann. Anders als in Bethlehem oder Gaza vollzieht sich dieser Wandel in Nazareth innerhalb des israelischen Staates und damit unter anderen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen. Doch auch hier stellt sich für die jüngere Generation die Frage, welche Zukunft sie sich als Christen in ihrer historischen Heimat vorstellen kann.

Naddaf sieht darin nicht nur eine Frage der Religion, sondern auch der eigenen Identität und gesellschaftlichen Zugehörigkeit. »Wir wollen, dass junge Christen vollständig in die israelische Gesellschaft integriert werden«, betont er. »Unsere Zukunft als christliche Minderheit ist mit der Zukunft des Staates Israel verbunden. Wir wollen mehr zur Gesellschaft beitragen und unseren Anteil leisten wie alle anderen auch.«

Damit verbindet der Priester die Zukunft der christlichen Gemeinden mit einer Frage, die über den Erhalt einzelner Kirchen und Gemeinden hinausgeht: Sehen junge Christen in ihrer historischen Heimat auch künftig eine eigene gesellschaftliche Perspektive? Zugleich versteht Naddaf Zugehörigkeit nicht als einseitige Forderung, sondern als Verbindung von Rechten und Pflichten. »Wir fühlen uns in Israel sicher«, erklärt er. »Wir verstehen uns als Bürger mit gleichen Rechten, aber auch mit gleichen Verantwortlichkeiten und Pflichten.«

Platz bewahren

Vielleicht liegt die Zukunft der christlichen Gemeinden deshalb weniger in ihrer bloßen Zahl als in ihrer Fähigkeit, sich in einer veränderten Region neu zu behaupten. Wer bleibt, lebt nicht nur in einer Landschaft von großer religiöser Bedeutung, sondern in Gesellschaften, deren politische und soziale Ordnung sich immer wieder verändert. Gerade dann wächst ihre Bedeutung als Träger einer Geschichte, die sich nicht allein in Kirchenmauern und alten Inschriften bewahren lässt. Entscheidend ist letztlich auch, ob sie weiterhin ein selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens sein können.

»Ich möchte nicht, dass meine Kinder eines Tages nur aus Büchern erfahren, woher ihre Familie kommt«, sagt Mira Farhad aus Nazareth. »Für mich gehört diese Geschichte nicht in ein Museum, sondern in unser tägliches Leben. Wir sind zwar weniger geworden, aber nicht verschwunden. Entscheidend ist, dass die nächste Generation noch einen Grund hat, hier zu bleiben.«

Darin liegt die leise Hoffnung, die trotz dieser Entwicklung bleibt: dass diese Gemeinschaften nicht mit ihrer Vergangenheit verschwinden, sondern von Menschen weitergetragen werden, die ihre Heimat nicht nur als Erinnerung bewahren wollen. »Während die christliche Präsenz in vielen Ländern der arabischen und muslimischen Welt zunehmend zurückgeht, wollen wir in Israel und den Palästinensergebieten unseren Platz bewahren – mit der eigenen Geschichte, dem eigenen Glauben und als Teil dieser Gesellschaft. Unser Wunsch ist, dass wir auch morgen noch selbstverständlich zu diesem Land gehören.«

Die Verfolgung von Christen im Nahen Osten

Von Joseph Puder. Um autoritäre arabische Regime nicht zu verärgern, haben westliche Staaten wenig unternommen, um die Situation der Christen im Nahen Osten zu verbessern.

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