Was für den ORF heutzutage Faktencheck heißt

Mit seinem Faktencheck zu Israel belegt der ORF bloß mehr seine eigene Voreingenommenheit

Der Begriff »Faktencheck« dient heute nicht mehr dem Schutz vor Falschmeldungen, sondern dazu, an der eigenen Einseitigkeit und Voreingenommenheit festhalten zu können.

Manche Begriffe durchleben im Laufe der Zeit einen erstaunlichen Bedeutungswandel. »Antifaschismus« beispielsweise hieß die längste Zeit, sich gegen Faschismus zu stellen, faschistisches Gedankengut zu bekämpfen und Antisemitismus zu verabscheuen. Heute gibt es zahlreiche »Antifaschisten«, die schlicht das Gegenteil tun: Sie stellen sich unerschütterlich an die Seite einer faschistischen Organisation wie der islamistischen Hamas, lassen deren Bluttaten gegen Juden hochleben und verbreiten ohne jegliche Skrupel israelbezogenen Judenhass.

Ähnliches lässt sich über »Feministinnen« sagen: Einst kämpften sie für Frauenrechte, heute aber solidarisieren sich zumindest einige von ihnen mit der durch und durch misogynen Hamas, um Israel zu attackieren – das einzige Land im Nahen Osten, in dem Frauen nicht gemäß islamischen Rechtsvorstellungen systematisch diskriminiert werden.

Missliebige Bilder

»Faktencheck« ist auch so ein Begriff, dessen Bedeutung sich massiv gewandelt hat. Lange Zeit hieß Faktencheck, nun ja, wie der Name schon sagt: Fakten checken, also überprüfen, ob etwas, das behauptet wird, stimmt oder nicht. Mittlerweile bedeutet Faktencheck oft etwas völlig anderes: Es wird gar nicht behauptet, die Fakten eines Berichts würden nicht stimmen, sondern zu erklären versucht, warum die Fakten irrelevant sind, weil sie mit dem politisch gewollten Narrativ nicht in Einklang zu bringen sind.

Nehmen wir als Beispiel den ORF: Dieser ist im Rahmen einer »gemeinsamen Recherche europäischer Medien«, bei der ein Video unter die Lupe genommen wurde, das auf dem YouTube-Kanal des israelischen Außenministeriums veröffentlicht wurde, zu dem Schluss gekommen: »Israel verharmlost Notlage in Gaza

Was die Israelis getan haben, dass die »Fakten-Checker« von ORF & Co. in konzertierte Aktion traten? – Sie haben es gewagt, Aufnahmen zu zeigen, auf denen aktuelle Szenen aus Restaurants in Gaza-Stadt zu sehen sind: Köche, die Brote und Pizza backen, Leute, die an Tischen die zubereiteten Speisen zu sich nehmen, eine Wartschlange, die in einem Eisgeschäft um Pistazieneis ansteht, Männer, die mit frischem Obst aus einem Geschäft kommen.

Aufgenommen wurden diese Szenen nicht etwa von israelischen Soldaten oder Finstermännern in israelischem Sold, sondern von Bewohnern aus Gaza-Stadt. Das bestreitet der ORF auch gar nicht: »Die Videos zeigen eine lebhafte Restaurantszene und Märkte mit frischen Lebensmitteln. Die Aufnahmen stammen von Accounts von Lokalen in Gaza, von denen viele tatsächlich auch aktuell geöffnet haben.«

Normalerweise wäre der »Faktencheck« hier zu Ende: Anders als viele Fotos und Videos aus den vergangenen Wochen, die eine Hungersnot im Gazastreifen zeigen sollten, sind die Aufnahmen aus den Restaurants in Gaza-Stadt keine Fakes, sondern echt. Nicht so beim ORF, der sich daran stößt, dass das Video des israelischen Außenministeriums mit der Einblendung endet: »Es gibt Lebensmittel in Gaza. Jede andere Behauptung ist eine Lüge.« Denn damit würde Israel die angeblich »weit verbreitete Hungersnot« verharmlosen. Dass es »keinen Hunger gibt, ist aber ein Trugschluss«.

Das wurde in dem Video freilich nicht behauptet. Gezeigt wurde nicht mehr und nicht weniger, als dass es sehr wohl Lebensmittel gibt. Sie mögen teuer sein, weswegen sich bei Weitem nicht jeder ein Essen in einem Restaurant leisten kann. Es mag große regionale und auch soziale Unterschiede bei der Versorgung mit Lebensmitteln geben, und dass es in Gaza-Stadt offene Restaurants gibt, heißt nicht, es wäre überall im Gazastreifen so.

Wann der ORF aktiv wird

Warum die Verteilung so unterschiedlich ist, wäre ein spannendes Thema, doch mit dem beschäftigt sich der ORF nicht. – Womöglich, weil man dabei über andere Schuldige sprechen müsste als ausschließlich Israel? Müsste man vielleicht gar die Hamas für die Lage im Gazastreifen verantwortlich machen?

Nein, so weit darf es nicht kommen: Wenn »die UNO und viele Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen« behaupten, es gebe eine »große Hungerkrise« und Israel trage daran die Schuld, dann hat es eben so zu sein. Und wenn die Bilder das nicht hergeben, müssen eben die »Fakten-Checker« ausrücken, um die Fakten nicht etwa zu überprüfen, sondern zu relativieren.

In den mittlerweile fast zwei Jahren des Kriegs hätte es zahlreiche Gelegenheiten gegeben, Faktenchecks zu unternehmen – fast jeder Bericht von ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary hätte reichlich Material dafür geboten. Dass der ORF ausgerechnet dann aktiv wird, wenn Aufnahmen aus dem Gazastreifen zeigen, dass die Situation dort vielleicht anders ist, als nicht zuletzt der ORF sie dauernd schildert, verdeutlicht den Bedeutungswandel, den der Begriff »Faktencheck« erlebt hat: Er dient heute nicht mehr dem Schutz vor Falschmeldungen und als Korrektiv für Journalisten, sondern dazu, trotz gegenteiliger Fakten an der eigenen Einseitigkeit und Voreingenommenheit festhalten zu können.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 10. September. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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