Völkische Ideologie als außenpolitische Ressource

moritz Maurer im Mena-Talk über völkische Ideologie als außenpolitische Ressource

Im MENA-Talk spricht Jasmin Arémi mit dem Religionswissenschaftler Moritz Maurer über seine Forschungsarbeit zu Siegrid Hunke, völkischer Ideologie und erstaunlichen Kontinuitäten deutscher Nahostpolitik nach 1945.

Siegrid Hunke war NSDAP-Mitglied, promovierte bei dem Rassenpsychologen Ludwig Ferdinand Clauss und bewegte sich auch nach 1945 in rechtsextremen und neurechten Netzwerken. Gleichzeitig wurde sie zur Bestsellerautorin. Ihr 1960 erschienenes Buch »Allahs Sonne über dem Abendland. Unser arabisches Erbe« erreichte ein breites Publikum und machte Hunke auch in der arabischen Welt bekannt. Ihre völkische Vergangenheit stand dieser Karriere keineswegs im Weg.

Der Religionswissenschaftler Moritz Maurer erklärt, wie Hunke zur Schnittstelle zwischen rechtsextremen Netzwerken, bundesdeutschen Institutionen und politischen Akteuren in der arabischen Welt werden konnte. Anders als viele andere Akteure aus ihrem politischen Umfeld publizierte sie nicht nur in randständigen rechten Publikationen, sondern bei renommierten deutschsprachigen Verlagen. Ihre Bücher verbreiteten dabei keine unveränderte nationalsozialistische Ideologie. Vielmehr, so Maurer, transportierten sie eine transformierte Form ihres völkischen Denkens: Die alten ideologischen Muster wurden unter demokratischen Vorzeichen neu formuliert und damit für ein breites bundesdeutsches Publikum anschlussfähig.

Hunkes Ehemann Peter Hans Schulze, während des Nationalsozialismus Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS, machte nach dem Krieg Karriere im Bundespresseamt. Gemeinsam verfügte das Ehepaar über Kontakte, die bis in höchste politische und diplomatische Kreise reichten.

Beliebt in der arabischen Welt

Relativ früh erlangte Hunkes Buch erhebliche Bekanntheit in der arabischen Welt – möglicherweise auch aufgrund ihrer privaten Initiativen, wobei sich dies heute nur schwer nachvollziehen lässt. Anfang der 1960er Jahre fragten etwa arabische Delegierte bei den Vereinten Nationen Exemplare des Buches bei der deutschen Delegation an. Dies geschah unmittelbar im Kontext des Nahostkonflikts: Nachdem die deutsche Delegation ein Buch über Israel verteilt hatte, forderten arabische Delegierte als Reaktion darauf Exemplare von Hunkes Werk. Schon bald erschienen zudem arabische Übersetzungen, unter anderem im Libanon und in Ägypten.

Auf Einladung der Arabischen Liga reiste Hunke nach Ägypten, wo sie auch von der deutschen Botschaft betreut wurde. Maurer ordnet diese Kontakte in den historischen Kontext der 1960er Jahre ein, als Deutschland auf arabischer Seite zunächst einen gewissen Vertrauensvorschuss genoss. Zugleich verschärfte sich das Verhältnis, nicht zuletzt aufgrund der bundesdeutschen Unterstützung Israels.

Die Unterstützung Hunkes lässt sich dabei nicht allein auf einzelne Entscheidungsträger zurückführen. Maurer betont, dass sie institutionell getragen wurde. Die Verbreitung Tausender Bücher über einen großen geografischen Raum erforderte Budgets, organisatorische Strukturen und die Beteiligung verschiedener staatlicher Stellen. Hunke trat zudem in Goethe-Instituten auf und konnte auf bestehende Strukturen der bundesdeutschen Kultur- und Außenpolitik zurückgreifen. Ihre Förderung war damit keine im Verborgenen stattfindende Initiative Einzelner, sondern eine im Kontext damaliger außenpolitischer Interessen als opportun betrachtete Maßnahme, die von bundesdeutschen Institutionen mitgetragen und organisiert wurde.

Dabei war Hunkes nationalsozialistische Vergangenheit keineswegs unbekannt. Gerade ihre völkische Argumentation machte sie, so Maurers zentrale These, für die damalige Außenpolitik nützlich. Ihre Vorstellung einer besonderen deutsch-arabischen Verbundenheit traf auf den zeitgenössischen Panarabismus und ließ sich zugleich gegen Israel in Stellung bringen.

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