El-Sayeds Einzug in den US-Senat markiert einen Durchbruch der israelkritischen Linken. Der Mamdani-Effekt erreicht die Bundespolitik zu einem brisanten Zeitpunkt im Nahostkonflikt.
Bei der Senatswahl im US-Bundesstaat Michigan hat sich der Demokrat Abdul El-Sayed, nach Auszählung von 96 Prozent der Stimmen mit 52,4 Prozent gegen den Republikaner Mike Rogers durchgesetzt. Damit zieht erstmals in der Geschichte ein Muslim in den US-Senat ein.
Der Wahlkampf war einer der teuersten und am härtesten umkämpften in der Geschichte des nördlichen Bundesstaates. In Michigan waren rund 7,42 Millionen Menschen als aktive Wähler registriert, und bereits bis zum Vorabend des Wahltags hatten rund 33 Prozent von ihnen ihre Stimme abgegeben. El-Sayeds Sieg am Dienstag ist zugleich ein politischer Erfolg des linken Parteiflügels der Demokraten. Parallel dazu hat seine Partei auch die Kontrolle über das Repräsentantenhaus zurückerobert.
Ein Senatssitz, eine Zerreißprobe
Der Platz in der 100-sitzigen Parlamentskammer im Washingtoner Kapitol war frei geworden, nachdem der demokratische Senator Gary Peters im Januar 2025 angekündigt hatte, bei den Zwischenwahlen 2026 nicht erneut anzutreten und sich aus der Politik zurückzuziehen. Da kein Amtsinhaber zur Wiederwahl stand, ging es nicht um die Verteidigung eines Mandats, sondern um die politische Ausrichtung der Demokraten. Der Kampf um die Kandidatur entwickelte sich zu einer regelrechten Machtprobe zwischen dem progressiven und dem moderaten Parteiflügel.
Der 42-jährige Abdul El-Sayed ist Arzt, Epidemiologe und Gesundheitspolitiker. Als Sohn ägyptischer Einwanderer studierte er an der University of Michigan und der Columbia University und promovierte als Rhodes-Stipendiat an der University of Oxford. Von 2015 bis 2017 leitete er das Gesundheitsamt von Detroit, später war er Gesundheitsdirektor im Wayne County.
Politisch gehört er zweifelsohne dem linken Flügel der Demokratischen Partei an und wird häufig mit Bernie Sanders verglichen. Allerdings ist er kein Mitglied der Democratic Socialists of America (DSA), und er weist auch die Bezeichnung als Sozialist zurück. Damit unterscheidet er sich organisatorisch von Politikern wie dem New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani und der New Yorker Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, die beide der DSA angehören.
Sein 63-jähriger republikanischer Kontrahent Mike Rogers war Heeresoffizier der Infanterie und später FBI-Agent, wo er unter anderem in der Bekämpfung der organisierten Kriminalität tätig war. Er vertrat Michigan von 2001 bis 2015 im US-Repräsentantenhaus und leitete dort den Geheimdienstausschuss. El-Sayed bezeichnete Rogers im Wahlkampf als unterwürfig gegenüber Donald Trump. Rogers selbst ließ am Sonntag offen, ob er sich selbst dem MAGA-Lager zurechnet.
Am 4. August 2026 hatte sich El-Sayed mit 48,5 zu 47,5 Prozent gegen die als moderat geltende Kongressabgeordnete Haley Stevens durchgesetzt. Der Vorsprung betrug gerade einmal 14.893 Stimmen. Der Wahlkampf wurde mit enormem finanziellem Aufwand geführt. Insgesamt flossen mehr als achtzig Millionen Dollar in die Vorwahl. Allein AIPAC und verbündete Gruppen investierten knapp dreißig Millionen Dollar, um El-Sayeds Kandidatur wegen seiner israelkritischen Haltung zu verhindern.
Die innerparteiliche Spaltung eskalierte zwei Tage vor der Hauptwahl: Stevens brach mit dem eigenen Parteikandidaten und rief öffentlich dazu auf, den Republikaner Mike Rogers zu wählen. Sie warf El-Sayed vor, einen Wahlkampf voller Hass zu führen und jüdische Mitbürger zu gefährden. Die Parteiführung in Washington, darunter Chuck Schumer und Nancy Pelosi, verurteilte ihren Schritt scharf.
El-Sayeds Aufstieg legt eine Zerreißprobe offen, die quer durch die demokratische Wählerschaft verläuft und insbesondere zwei Wählergruppen betrifft, die traditionell zu den tragenden Säulen der Demokratischen Partei gehören: jüdische Amerikaner und schwarze Christen. Viele Juden warnten vor den Folgen seiner kompromisslosen Israelkritik für die Sicherheit jüdischen Lebens. Schwarze Christen sahen ihre eigenen sozialen und wirtschaftlichen Anliegen gegenüber der politischen Aufwertung arabisch-amerikanischer Interessen zunehmend an den Rand gedrängt. Ihre Motive sind nicht deckungsgleich, doch ihre Warnungen verweisen auf einen gemeinsamen Konflikt.
Washingtons Kurswechsel gegenüber Israel
Der Wahlsieg El-Sayeds fällt in eine Phase, in der die amerikanische Israelpolitik parteiübergreifend unter Druck gerät. Im Zentrum steht die Militärhilfe, deren vollständige Einstellung der neue Senator fordert. Der Demokrat will sämtliche militärischen Hilfen kappen, auch defensive Waffensysteme. Israels Vorgehen in Gaza bezeichnet er als Genozid, die Besatzungspolitik als Apartheid. Die strategische Partnerschaft stellt er ebenfalls infrage: Israel sei »aktuell nicht unser Freund«.
Ausgerechnet Donald Trump griff diese Forderung am Wahltag auf und kündigte an, die jährlichen Zahlungen zum Jahresende einzustellen. Der US-Präsident begründete seine Ankündigung mit Israels wirtschaftlicher Stärke und verwies zugleich auf die politische Angreifbarkeit der Milliardenhilfe. Die Republikaner sollten sich nicht länger von Kritikern wie El-Sayed vorhalten lassen müssen, Israel zu finanzieren. Wie der Ausstieg aus der bis 2028 vereinbarten Militärhilfe von insgesamt 38 Milliarden Dollar rechtlich umgesetzt werden soll, ließ er offen. Die Waffenverkäufe sollen weitergehen, nur erhält Israel keine amerikanischen Gelder mehr dafür.
Für den jüdischen Staat wäre das Ende der jährlichen Zuschüsse eine sicherheitspolitische Zäsur. Die Militärhilfe ist ein zentraler Pfeiler der Partnerschaft mit Washington. Oppositionspolitiker Yair Golan warnte vor schweren Folgen für Israels Sicherheit. Die politische Tragweite reicht allerdings über Trumps Ankündigung hinaus: Denn die Demokraten verfügen ab Januar 2027 – sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus – über die Mehrheit. Zwar teilt die Partei El-Sayeds Positionen keineswegs geschlossen. Doch seine Wahl stärkt eine Strömung, die das Verhältnis zu Israel grundsätzlich infrage stellt. Die Normalisierung israelfeindlicher Positionen erreicht damit zunehmend die Institutionen der amerikanischen Macht.
Hoffnungsschimmer im blauen Nebel
Für Verbündete des jüdischen Staates gibt es dennoch einige Lichtblicke innerhalb der Partei der Demokraten. In New York gewann der vehement pro-israelische Afrolatino Ritchie Torres die Wiederwahl als Kongressabgeordneter. Zudem wurde seine Parteikollegin Grace Meng als die erste und einzige asiatisch-amerikanische Kongressgeordnete aus dem Bundesstaat New York gewählt.
Hinzu kommt die Afroamerikanerin Keisha Lance Bottoms, die gestern Abend die Gouverneurswahl im Bundesstaat Georgia gewann. Mit diesem Sieg schrieb auch sie Geschichte: Denn sie ist nicht nur die erste Frau an der Spitze Georgias, sondern auch die erste schwarze Frau überhaupt, die in den USA zur Gouverneurin gewählt wurde. Als ehemalige Bürgermeisterin von Atlanta und Beraterin des Weißen Hauses während der Präsidentschaft von Joe Biden, gehört sie dem moderaten Flügel der Demokraten an, der traditionell für eine starke und verlässliche Unterstützung der amerikanisch-israelischen Beziehungen steht.
Auch die US-Republikaner können sich über einen solch historischen Durchbruch freuen. Der Afroamerikaner Byron Donalds hat die Wahl in Florida gewonnen und wird damit zum ersten schwarzen Gouverneur des Bundesstaates. Donalds setzte sich als enger Verbündeter von Donald Trump gegen den Demokraten David Jolly durch. Donalds hatte von Anfang an betont, dass Israel ein Recht darauf habe, die Hamas vollständig zu zerschlagen, und er hat konsequent gegen Einschränkungen von Militärhilfen für Israel gestimmt. Jolly, ein ehemaliger Republikaner, ist übrigens auch ein zuverlässiger Unterstützer Israels.
