Der Sturz des ehemaligen syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und die aktuellen Machtkämpfe im Land schwächen Russlands Position im Mittelmeerraum und stärken den türkischen Einfluss.
Während die Türkei ihren Einfluss in der MENA-Region (Naher Osten/Nordafrika) ständig ausweitet, scheint Moskau zusehends in die Defensive gedrängt. Der Handlungsspielraum des Kremls im Mittelmeerraum wird nicht nur durch die politische Unsicherheit in Libyen eingeengt, sondern auch durch den Verlust seines wichtigsten Verbündeten in Syrien. Seit dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Baschar al-Assad operiert Russland dort nur noch eingeschränkt, während Ankara seine Kontakte zu den neuen Machtzentren intensiviert.
Zeitgleich ringen russische Unternehmen mit bürokratischen Blockaden, während türkische Firmen ihre Präsenz in Syrien und Libyen konsequent ausweiten. Die Konkurrenz verschiebt das Gleichgewicht in einer Region, die für beide Mächte zum Schlüsselraum geworden ist.
Russlands Luftwaffenbasen
Als die syrischen Rebellen im Dezember 2024 Damaskus einnahmen, war ein Detail aufschlussreich: Während die iranische Botschaft verwüstet und geplündert wurde, blieb die russische unangetastet. Ein erstes Anzeichen, dass Syrien für Russland womöglich doch noch nicht verloren ist.
Ein halbes Jahr nach dem Sturz des mit Russland verbündeten Regimes nutzt Moskau seine Luftwaffenbasis in Hmeimim weiterhin für Logistikflüge nach Afrika. Neben diesem Stützpunkt in Latakia betreibt Russland nach wie vor seine Basis am Flughafen von Qamishli in Nordostsyrien. Sie wurde zuletzt ausgebaut und dient zunehmend als Drehscheibe für Waffenlieferungen nach Libyen.
Moskaus strategische Handlungsspielräume haben sich jedoch verkleinert. Bei einem Besuch des syrischen Außenministers Asaad al-Shibani in Moskau einigten sich beide Seiten darauf, die bisherigen Abkommen zwischen Syrien und Russland neu zu bewerten. Konkrete Auswirkungen auf die Lage vor Ort sind bisher nicht erkennbar. Spekulationen, Russland könne Hmeimim zugunsten von Qamishli aufgeben, wurden nicht bestätigt.
Russische Firmen agieren in Syrien weiterhin zurückhaltend, zumal die Ausbeutung syrischer Öl- und Gasfelder durch die Gruppe Wagner bis 2023 von der syrischen Bevölkerung zuletzt eher skeptisch gesehen wurde. Dennoch signalisiert Damaskus Interesse an engerer Kooperation: Im Juni wurden Tatneft und andere russische Firmen eingeladen, ihre Aktivitäten im Land wiederaufzunehmen.
Weitaus offensiver in wirtschaftlichen Fragen geht die Türkei vor. Der Regierungswechsel in Damaskus eröffnet Ankara die Möglichkeit, türkische Firmen am Wiederaufbau Syriens zu beteiligen. Nach UN-Schätzungen sind dafür rund vierhundert Milliarden Dollar nötig. Analysten in Istanbul erwarten, dass türkische Unternehmen Aufträge im Wert von etwa hundert Milliarden Dollar erhalten, davon allein drei Milliarden Dollar im Bausektor während der ersten fünf Jahre.
Einfluss in Libyen
Nach dem Ende des Assad-Regimes versuchte Moskau, seine Strategie für die Mittelmeerregion den neuen Verhältnissen anzupassen, indem es sein Stützpunktnetzwerk in Ostlibyen ausbaute. Doch anders als in Syrien, wo Russland offen operierte, agiert es in Ostlibyen weitgehend verdeckt. Militärische und logistische Operationen erfolgen in enger Abstimmung mit lokalen Akteuren über Stützpunkte in Al Khadim, Al Jufra, Ghardabiya und Brak al-Shati. Eine offizielle russische Militärbasis bleibt unter den aktuellen Machtverhältnissen ausgeschlossen, da sie das Einverständnis der beiden miteinander konkurrierenden libyschen Regierungen erfordern würde.
Der Besuch von General Khalifa Haftar in Moskau im vergangenen Mai deutet auf eine stärkere Annäherung an den Kreml hin. Doch Moskaus Linie bleibt unklar: Die russische Botschaft sitzt weiterhin ausschließlich in Tripolis im Westen des Landes; ein Konsulat in Bengasi wurde trotz russischer Präsenz im von Haftar kontrollierten Osten bislang nicht eröffnet.
Das vorsichtige Agieren hat innenpolitische Gründe, denn in Moskau gehen die Einschätzungen bezüglich Libyens Zukunft auseinander, insbesondere hinsichtlich der Nachfolge des 81-jährigen Haftars. Im August ernannte dieser seinen Sohn Saddam, unter anderem bekannt durch den größten Bankraub in der Geschichte, zum Stellvertretenden Oberbefehlshaber der Libyschen Nationalarmee. Doch auch Haftars Sohn Khaled, Generalstabschef der Sicherheitskräfte Ostlibyens, gilt als einflussreich. Und dann gib es noch einen dritten Sohn, Belgacem, der den libyschen Entwicklungs- und Wiederaufbaufonds leitet.
Unsichere Nachfolge
Saddam Haftar reiste mehrfach nach Moskau, zuletzt im Mai 2025. Welche Haltung er gegenüber Russland einnehmen würde, sollte sein gesundheitlich angeschlagener Vater ausfallen, ist jedoch unklar. Während Saddam eher auf Unterstützung durch NATO-Staaten setzt und gute Beziehungen zu Ankara hat, unterhält sein Bruder Khaled enge Kontakte zu Russland und Belarus. Ende August war auch er erneut in Moskau.
Wie Al-Monitor berichtete, habe Khaled die Wiederinbetriebnahme des aufgegebenen Luftwaffenstützpunkts Maaten al-Sarra in der südlibyschen Wüste initiiert – im Interesse des sogenannten Afrikakorps, einer paramilitärischen Formation mit Kreml-Verbindungen. Das Gebiet steht jedoch unter der Kontrolle Saddams. Dass Khaled dort russische Logistikkapazitäten für Operationen in Burkina Faso, Mali, Niger und Sudan bereitstellt, sei ein deutliches Zeichen an Moskau.
Saddams enge Kontakte zu Ankara und seine mit Russland nicht abgestimmten Reisen dorthin beobachtet Moskau hingegen mit wachsender Nervosität, befürchtet der Kreml doch einen Einflussverlust gegenüber der Türkei. Denn eine Annäherung Ankaras an Bengasi würde russische Initiativen überlagern und Moskau in wachsende Abhängigkeit von Erdogans Libyen-Kurs bringen.
Fragile Balance
Seit dem Scheitern von Haftars Angriff auf Tripolis im Juni 2020 hat die militärische Präsenz Russlands und der Türkei den libyschen Konflikt weitgehend eingefroren. Beide Staaten nutzten das Machtvakuum – entstanden durch die zurückhaltende Haltung westlicher Staaten wie den USA und Frankreich –, um sich militärisch zu etablieren. Nach dem Ende der Kampfhandlungen stützt sich Haftar auf Russland, um soziale Unruhen zu verhindern und sich gegen Angriffe westlibyscher Gegner abzusichern. Diese wiederum verlassen sich auf die Türkei, um eine neue Offensive Haftars zu verhindern. Beide Lager haben ihren ausländischen Schutzmächten im Gegenzug Zugeständnisse gemacht und ihnen so eine dauerhafte Präsenz in Libyen ermöglicht, ohne dass diese große Kosten tragen mussten.
Laut Al-Monitor befürchte Moskau nun, diese Balance könnte ins Wanken geraten, denn der Kreml projiziert seine Erfahrungen aus Syrien, wo im Dezember 2024 die von der Türkei unterstützte Opposition die Kontrolle über Damaskus übernahm, auf Libyen. Moskau fürchtet eine Wiederholung dieses Szenarios in Form einer Ausweitung des türkischen Einflusses in Ostlibyen.
Die außenpolitischen Präferenzen der Haftar-Söhne gehen weit auseinander, wodurch eine reibungslose Machtübergabe kaum zu erwarten ist. Für Moskau bedeutet dies, in einem von Ankara dominierten Umfeld um Einfluss kämpfen zu müssen – und das mit schwindenden Ressourcen und ohne verlässliche Partner.
