Israelboykottbewegung: »Iss nicht bei Juden«

Antiisraelischer Protest vor einer Miznon-Filiale im australischen Melbourne

Die Israelboykottbewegung hat ein neues Ziel: vermehrt werden weltweit Restaurants ins Visier genommen, sobald sich auch nur die kleinste Verbindung zum jüdischen Staat nachweisen lässt.

Miznon ist eine moderne Restaurantkette des israelischen Starkochs Eyal Shani. Bekannt ist sie für kreative Pitafüllungen, die klassische Streetfood-Ideen neu interpretieren. Statt Standard-Falafel stehen hier Zutaten wie geschmortes Lamm, Steak, Ei oder gerösteter Karfiol im Mittelpunkt. Ursprünglich in Tel Aviv gegründet, ist Miznon heute in Metropolen wie Berlin, Paris und New York vertreten. Das Konzept setzt auf frische Produkte, offene Küchen und eine lebendige, entspannte Atmosphäre. Miznon zeigt, wie einfaches Streetfood zu einer internationalen Erfolgsgeschichte werden kann.

Doch das schmeckt nicht jedem. Vor dem Miznon in London finden fast jeden Freitagabend Proteste statt. Sie richten sich gegen ein Projekt des Miteigentümers Eyal Shani, der Mahlzeiten für Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) sowie für Überlebende des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 bereitstellt. Zudem wird Miteigentümer Shahar Segal für dessen zeitweilige Tätigkeit als Medienansprechpartner für die Gaza Humanitarian Foundation (GHF) kritisiert.

Doch auch die Londoner Polizei steht in der Kritik, weil sie nicht genug dagegen unternommen haben soll, dass Gäste und Angestellte des Lokals bedrängt, belästigt und eingeschüchtert wurden. Der Mob stand vor dem Restaurant, hielt Reden über Lautsprecher (»Wir haben keinen Appetit auf Genozid«), trommelte und skandierte »Shut it down!«. Bei einer Rede im britischen Oberhaus sagte der konservative Peer Lord Leigh of Hurley: »Es gab einige sehr aggressive und einschüchternde Demonstranten, und die Polizei stand einfach nur da.«

Weltweite Angriffe

In Melbourne führte ein ähnlicher Protest im Juli vergangenen Jahres zur Zerstörung eines Miznon-Restaurants. Rund zwanzig Personen stürmten das Lokal, warfen mit Essen und Stühlen und brüllten Parolen gegen Israel. Am selben Abend wurden in Melbourne eine Synagoge und die Autos jüdischer Besitzer in Brand gesteckt.

In Berlin demonstrierten Anti-Israel-Gruppen letzten Sommer gegen die Eröffnung des Restaurants »Gila and Nancy« – ein neues Projekt von Eyal Shani und Shahar Segal. Zeit Online rückte die Tatsache, dass ein Jude in Berlin ein Restaurant eröffnet, mit einer rhetorischen Frage in die Nähe eines Skandals: »Mitten im Gaza-Krieg will der israelische Starkoch sein erstes Restaurant in Berlin eröffnen. Kann das gut gehen, solange Palästinenser Hunger leiden?«Was das eine mit dem anderen zu tun haben soll, versteht nur, wer ein geschlossenes antisemitisches Weltbild hat.

Es würde ja auch niemand gegen ein palästinensisches oder chinesisches Restaurant demonstrieren, weil er gegen die Hamas oder die Regierung in Peking ist. Aber Juden sollen weder öffentlich kochen noch essen dürfen. Diese Proteste – in manchen Fällen auch Krawalle – zeigen nur die mangelnde Zivilisation derer, die daran beteiligt sind.

Der Antisemitismus ist darauf aus, jegliche Lebensäußerung von Juden zu unterdrücken. Man soll sie nicht sehen und nicht hören – und auch nichts von ihnen schmecken. Es werden jüdische Musiker und Sportler an Auftritten gehindert und Tanzgruppen mit Steinen beworfen. 44 Jahre nach dem Terroranschlag auf das Pariser Restaurant Jo Goldenberg, bei dem sechs Menschen getötet und zweiundzwanzig verletzt wurden, geraten auch jüdische Restaurants und Cafés wieder ins Fadenkreuz des Antisemitismus.

In Leipzig wurde diesen Monat ein koscheres Café angegriffen. Wie die Jüdische Allgemeine berichtete, beobachtete eine Mitarbeiterin, wie zwei Kinder eine am Café Ha Makom angebrachte Israelflagge entfernten. Darauf angesprochen, hätten sie die Flagge zurückgegeben und sich entfernt.

»Wenig später kehrten sie jedoch mit sechs weiteren Kindern und Jugendlichen zurück und warfen gefüllte Plastikflaschen in Richtung der 46-Jährigen, die dabei leichte Verletzungen am Schienbein erlitt. Dabei äußerten sie sich den Angaben zufolge in volksverhetzender Weise. Danach versuchten die Kinder offenbar, in das Café einzudringen und schlugen mit einem Aufsteller gegen eine Scheibe. Polizeibeamte konnten mittels Videoaufzeichnungen zwei zehn und elf Jahre alte Tatverdächtige identifizieren, die demnach bereits als jugendliche Intensivtäter bekannt sind.«

Szenenwechsel, auf der anderen Seite der Erde: Nach dem Massaker am Bondi Beach während der Chanukka-Feier im letzten Monat gab die koschere Bäckerei Avner’s Bakery ihre Schließung bekannt: »Nach dem Pogrom in Bondi ist eines deutlich geworden: Es ist in Australien nicht mehr möglich, Orte und Veranstaltungen, die sich offen als jüdisch präsentieren, sicher zu gestalten. Nach zwei Jahren fast ununterbrochener antisemitischer Belästigungen, Vandalismus und Einschüchterungen gegen unsere kleine Bäckerei müssen wir die bestehenden Bedrohungen realistisch einschätzen. … Als offenes und öffentlich zugängliches Unternehmen, das rund um die Uhr geöffnet ist, können wir die Sicherheit unserer Mitarbeiter, unserer Kunden und ihrer Familien nicht mehr gewährleisten.«

Ähnliches geschieht auch in den USA: Die Angestellten einer Bäckereikette in New York, die einem Israeli gehört und für ihre Schokoladen-Babka berühmt ist, machten kürzlich unter dem Dach der Autogewerkschaft UAW die Gründung einer Gewerkschaft öffentlich, um sogleich »das Ende der Unterstützung des Völkermords in Palästina durch dieses Unternehmen« einzufordern. Die New York Times versuchte, mit den Organisatoren der neuen Gewerkschaft ins Gespräch zu kommen, wurde aber abgewiesen, warfen aber zeitgleich der Zeitung nach Angaben der Redaktion vor, ebenfalls einen »Genozid« zu »unterstützen«.

»Wir backen Babka. Wir mischen uns nicht in die Politik ein«, sagte der Sprecher der Kette gegenüber der jüdischen Nachrichtenagentur Jewish News Syndicate (JNS). »Wir waren schon immer ein Arbeitsplatz, an dem Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund und unterschiedlichen Ansichten zusammenkommen, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen: die Freude und Liebe zum Backen zu teilen. Es beunruhigt uns, dass spaltende politische Themen in unseren Arbeitsalltag Einzug halten.«

Einige Beobachter erklärten gegenüber JNS, dass die Bemühungen die Gewerkschaftsarbeit mit antiisraelischer Politik zu vermischen scheinen. Yair Klyman, ein jüdischer Finanzberater, der in der Upper East Side lebt, sagte, dass viele Unternehmen Gewerkschaften hätten, aber »das Besondere an diesem Fall ist, dass die Diskussion über arbeitsrechtliche Fragen hinausgeht und sich auf politisches Terrain verlagert«.

»Breads Bakery ist eine kulturell jüdisch geprägte Marke mit Wurzeln in Tel Aviv und es scheint, als würde sie in einer Weise herausgegriffen, die eher mit der breiteren BDS-Bewegung als mit traditionellen Anliegen am Arbeitsplatz übereinstimmt. Wenn eine Gewerkschaftskampagne ihren Fokus von den Arbeitsbedingungen auf Forderungen mit Bezug zur internationalen Politik verlagert, wirft das Fragen nach Motiven und Präzedenzfällen auf.«

Alexandra Bellak, eine langjährige Kundin des Geschäfts, weiß, »dass die Gründer Israelis sind, aber mich hat immer nur der Geschmack ihrer fantastischen Babka interessiert«. Sie selbst unterstütze Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechte und habe die Angestellten bei Breads als zufrieden und engagiert erlebt. »Ich verstehe nicht, wann Babka zu einem so politischen Thema geworden ist, sie soll doch Freude und Zufriedenheit bringen!«

Leichte Ziele

Das ist vielleicht gerade der Punkt, der Restaurants und Bäckereien für antisemitische Aktivisten attraktiv macht. Anders als Synagogen oder Gemeindezentren, die oft Sicherheitsvorkehrungen, Überwachung und Protokolle zum Schutz ihrer Gemeindemitglieder getroffen haben, sind Restaurants leichte Ziele, schreibt die Journalistin Vanessa Berg in einem Beitrag für die Website Future of Jewish: »Sie sind öffentlich zugänglich, von der Straße aus erreichbar und wirken einladend. Sie sind Orte der Begegnung, des Komforts, der Begegnung und der Kultur, was sie sowohl sehr sichtbar als auch besonders verwundbar macht.«

In den USA gab das koschere Restaurant Shouk bekannt, seine beiden letzten Standorte in Rockville (Maryland) und der Hauptstadt Washington zu schließen, unter anderem aufgrund von Boykotten im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen Israel und der Hamas. »Nach fast einem Jahrzehnt des Kochens, Teilens und Zusammenkommens mit euch sind wir an dem bittersüßen Moment angekommen, Abschied zu nehmen«, hieß es in einer Erklärung von Shouk vom 30. September 2025. »Shouk hat seine Türen offiziell geschlossen.«

Das Restaurant, das für veganes Streetfood bekannt war, servierte laut Washington Jewish Week (WJW) »schnelle, legere, nahöstliche Küche«: »Aus frischem Gemüse, Bohnen, Getreide und Gewürzen zubereitet, erlangten die Gerichte von Shouk landesweite Anerkennung. Der Shouk Burger wurde im Food Network vorgestellt und von der Washington Post zum besten Burger gewählt. Zudem wurde das Restaurant drei Jahre in Folge von der Washington Post und DC Eater zum Best Fast Casualin Washington, D.C. gekürt.«

In einer Stellungnahme vom 3. Oktober 2025 führte das Management von Shouk die Schließungen teilweise auf sinkende Einnahmen zurück und verwies dabei auf Boykotte wegen der Verbindungen des Restaurants zu Israel. Der Gründer von Shouk, Ran Nussbacher, wurde in Israel geboren und diente bei den Israelischen Verteidigungsstreitkräften, bevor er in die Vereinigten Staaten übersiedelte. »Ein Faktor war, dass wir uns in den Gegenströmungen eines toxischen politischen Klimas rund um den Israel-/Gaza-Krieg wiederfanden«, hieß es in der Erklärung. »Immer mehr Kunden haben sich entschieden, Unternehmen mit Bezug zu Israel zu meiden. Wir hörten von langjährigen Stammgästen, die uns aus diesen Gründen nicht mehr besuchten.«

Shouk war laut WJW eines der Hauptziele der Washingtoner BDS-Gruppe DC for Palestine und wurde auf deren Instagram-Account von DC for Palestine unter »Restaurants, die kulturelle Aneignung betreiben oder Produkte aus israelischen Siedlungen verkaufen«, aufgeführt.

In der portugiesischen Hauptstadt Lissabon musste Anfang Januar ebenfalls ein beliebtes jüdisches Restaurant wegen antisemitischer Vorfälle schließen. Das Tantura wurde vor zehn Jahren von den Köchen Elad Budenshtiin und Itamar Eliyahu eröffnet, die auch privat ein Paar sind. Die Speisekarte war inspiriert von verschiedenen jüdischen Küchen und sollte den israelischen Schmelztiegel widerspiegeln.

Seit dem 7. Oktober 2023 sei das Restaurant jedoch Ziel antisemitischer Handlungen geworden. In einer Erklärung auf Facebook teilte es mit, dass es in den vergangenen drei Jahren – »mit dem Krieg und dem alarmierenden Anstieg des Antisemitismus weltweit« – wiederholt mit Graffiti an den Außenmauern, Verleumdungen im Internet, feindseligen Kampagnen und Boykottaufrufen konfrontiert gewesen sei.

Nach »Treib keinen Sport mit Juden« und »Sing nicht mit Juden« nun also auch: »Iss nicht bei Juden«.

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