Auch wenn es seit Jahren einen niedrigschwelligen bewaffneten Konflikt in Belutschistan gibt, ist seit Anfang September eine deutliche Zunahme zu registrieren.
Ende vergangenen Jahres hatten sich verschiedene oppositionelle Gruppen und Parteien in der im Südosten des Iran gelegenen Region Belutschistan in der Dachorganisation der Popular Fighters Front (PFF) zusammengeschlossen. Dies geschah etwa zur gleichen Zeit, als auch iranisch-kurdische Parteien eine Koalition bildeten mit dem Ziel, effektiver gegen das Regime in Teheran zu kämpfen. Während über die Bemühungen der Kurden kurzzeitig auch ausführlich in den Weltmedien berichtet wurde – vor allem in den Tagen nach Beginn des US-israelischen Krieges gegen die Islamische Republik –, sind die Entwicklungen in Belutschistan weitgehend unbekannt.
Opposition gegen Regime
Ähnlich wie Kurdistan ist Belutschistan aufgeteilt zwischen Pakistan, dem Iran und Afghanistan und blickt auf eine lange Tradition nationaler Unabhängigkeitsbewegungen zurück. Das gilt vor allem für Pakistan, denn im Rahmen der Aufteilung Britisch-Indiens hatten führende Politiker ein unabhängiges Belutschistan ausgerufen, das dann mit Gewalt in den Staat Pakistan eingegliedert wurde.
Auch im Iran existiert eine lange Tradition des Widerstandes gegen die Zentralgewalt in Teheran, die sich in den letzten Jahren noch verstärkt hat. Dies ist nicht nur der Fall, weil die Provinzen Sistan und Belutschistan traditionell zu den ärmsten und unterentwickelten Regionen des Landes zählen, sondern auch, weil die Mehrheit der Bevölkerung der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam zugehörig ist und sich gegen die schiitischen Machthaber in Teheran wehrte. Obwohl Belutschistan im Gegensatz zu anderen Regionen des Iran stark ländlich geprägt und eher traditionell und konservativ ist, unterstützten überdurchschnittlich viele Belutschen die Protestbewegungen der letzten Jahre. Auch im Januar dieses Jahres riefen verschiedene Organisationen in Belutschistan zu Demonstrationen auf.
Der Freitagsprediger der großen Moschee von Zahedan, der sunnitische Mufti Molavi Abdolhamid, spielt dabei seit den »Frau, Leben, Freiheit«-Protesten 2022 eine ganz besondere Rolle, erklärte er sich doch dezidiert solidarisch mit den Demonstrationen und wurde so sogar, wie Iran Wire schrieb, zur Stimme des Protests in Belutschistan. So forderte er unter anderem auch die Abhaltung eines Referendums über die künftige Verfassung des iranischen Staates.
Sein Engagement sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Oppositionsgruppen in Belutschistan, die teils auch über bewaffnete Einheiten verfügen, offen islamistisch oder sogar jihadistisch gewesen sein und in ihren Programmen die Errichtung eines sunnitisch-islamischen Systems forderten. Dies änderte sich erst in letzter Zeit, vermutlich auch im Rahmen der Neuausrichtung von Ahmad al-Sharaa in Syrien.
Welche Strategie?
So fiel Beobachtern dann auch auf, dass in das Gründungsmanifest der Popular Fighting Front bemerkenswert wenig islamistische Topoi Eingang fanden und stattdessen von Menschenrechten und föderaler Selbstbestimmung die Rede ist. Auch wurde vom Ziel der Schaffung eines geeinten Belutschistans ein wenig Abstand genommen und versucht, sich stärker als Teil des iranweiten Protestes gegen das Regime zu definieren. Erstmalig präsentieren diese Gruppen sich damit explizit als Teil der iranischen Opposition und nicht mehr als Kämpfer für nationale Unabhängigkeit.
Zugleich sucht die PPF engere Kontakte mit iranisch-kurdischen Parteien und anderen Vertretern nichtpersischer Bevölkerungsgruppen im Iran, wobei auf die traditionell engen Beziehungen der Kurden und der Belutschen verwiesen wurde.
Abgesehen von historischen Bezügen verfügen auch nur diese beiden Bevölkerungsgruppen über leichte Waffen und haben eigene Milizen. Und trotz der vielen Rückschläge der letzten Monate haben Oppositionskräfte in Belutschistan ihren bewaffneten Kampf nicht nur fortgesetzt, sondern in letzter Zeit sogar intensiviert. Regelmäßig kommt es zu Anschlägen auf Revolutionsgardisten, höhere Polizeioffiziere oder Vertreter des Regimes. Teilweise kommt es sogar zu Scharmützeln zwischen Guerillakämpfern und der Armee.
Auch wenn es seit Jahren einen niedrigschwelligen bewaffneten Konflikt in Sistan-Belutschistan gibt, ist seit Anfang September eine deutliche Zunahme von Anschlägen und militärischen Aktionen der PPF zu registrieren. Entsprechend stellt sich die Frage nach dem Ziel dieser Aktion. Hoffen diese Gruppen in Belutschistan, die Schwäche des Regimes für sich ausnützen zu können und mittelfristig sogar Gebiete an der Grenze zu Pakistan unter ihre Kontrolle zu bringen? Bekommen sie Unterstützung von außen? Sind ihre Aktivitäten Teil eines Plans, auf nichtpersische Opposition zurückzugreifen, um das Regime weiter zu schwächen?
»Es lässt sich«, schlussfolgert etwa die Nachrichtenplattform Amwaj Media, die die Entwicklungen recht genau verfolgt, »nur schwer feststellen, ob es sich dabei um eine gezielte Strategie belutschischer Kämpfer handelt oder lediglich um eine Gelegenheit, die sich durch die umfassenderen militärischen Verstrickungen des Iran ergeben hat.«
Gerade für Saudi-Arabien, das momentan von den proiranischen Huthi-Milizen aus dem Jemen massiv bedroht wird, böte es sich förmlich an, im Gegenzug Milizen in Belutschistan zu unterstützen. Einem solchen Ansinnen dürfte allerdings das eng mit den Saudis verbündete Pakistan im Wege stehen, das selbst mit einer eigenen belutschischen Opposition zu kämpfen und deswegen erhebliches Interesse an einer befriedeten Region hat. Ob die Situation im Jemen daran etwas ändern wird, ist unklar. Jedenfalls steigen die Spannungen zwischen dem Iran und Pakistan dieser Tage fast täglich, da Pakistan im Jemen eine immer aktivere Rolle an der Seite Saudi-Arabiens gegen die Huthi einnimmt.
