Eine Gelegenheit, die sich Avraham Burg nicht entgehen lassen konnte

Avraham Burg auf der Internationalen Buchmesse Jerusalem

Avraham Burg, der über Israel herzieht, dass es jedem Antisemiten ganz warm ums Herz wird, fordert die Juden auf, gegen die jüdischen Staat zu rebellieren.

Normalerweise lohnt es sich nicht, über jüdische Kronzeugen für antisemitische Anklagen zu schreiben. Sie sind als Einzelne unbedeutend, aber erlangen scheinbare Bedeutung, wenn sie die Hetze gegen Juden, den Zionismus und den jüdischen Staat nachplappern. Dann hört man: »Aber, wenn es doch auch Juden selbst sagen …«

Während der politische Zionismus vor der Shoah eine Minderheitsmeinung einiger Weitblickender innerhalb des Judentums darstellte, fungierte die Shoah gleich einem Urteil der Geschichte als Zeitenwende: Sie bestätigte die Notwendigkeit eines jüdischen Staates.

Eines sollte dabei auch klar sein: Die Gründung Israels erfolgte nicht wegen, sondern trotz der Shoah. Sechs Millionen Juden fehlten dem Staat, von denen viele noch am Leben hätten sein können, hätten die britischen Imperialisten nicht aus Appeasement gegenüber den Arabern eine Einwanderungssperre für Juden über das Mandatsgebiet Palästina verhängt. (Hört man, wie französische und britische Politiker heute Forderungen an Israel stellen, drängt sich der Eindruck auf, sie sind noch immer nicht darüber hinweggekommen, dass die Zeit, in der ihre Länder als Kolonialmächte in der Region die Regeln zu diktieren versuchten, längst vorüber ist.)

Jüdische Kronzeugen der Judenhasser gab es schon immer. Im Mittelalter waren es der konvertierte Franziskaner Nikolaus Donin und der ebenfalls konvertierte Dominikaner Pablo Christiani; später jüdische Bolschewisten und Stalinisten oder nationaldeutsche Juden, deren Anbiederung an völkisches Denken und Dämonisierung des Zionismus ihnen letztlich auch nicht geholfen hat.

Gibt es also jüdische Antisemiten? Selbstverständlich. Die international anerkannte Antisemitismusdefinition der IHRA kümmert sich nicht um die ethnisch-religiöse Zugehörigkeit desjenigen, der Antisemitismus verbreitet. Und zu behaupten, Juden könnten gar keine Antisemiten sein, wäre rassistisch.

Aufrtitt Avraham Burg

Ein Kronzeuge, dem ich eine gewisse Bedeutung nicht absprechen kann, ist Avraham Burg, ehemaliges Mitglied der israelischen Arbeiterpartei, ehemaliger Vorsitzender der Knesset sowie der Jewish Agency. Sein Versuch zur Übernahme der Arbeiterpartei im Jahr 2001 scheiterte nach Vorwürfen über Wahlbetrug bei der internen Vorwahl.

Ich kannte noch seinen Vater, Israels einstmaligen Innenminister Joseph Burg, und dessen Tochter und Schwiegersohn; wir besuchten dieselbe Synagoge. Avraham Burg habe ich dort nie gesehen, wiewohl er in der Öffentlichkeit, wahrscheinlich auch als Zeichen der Offenheit seiner Partei an die Religiösen, die Kippa trug. Auch der Name Burg war hierfür hilfreich, denn dieser hatte im nationalreligiösen Lager durchaus Bedeutung.

Nach dem Ende seiner Politikerkarriere 2004 erlitt Avraham Burg beim Versuch, im Wirtschaftsleben Fuß zu fassen, zweimal Schiffbruch. Zunächst scheiterte der angestrebte Kauf des Unternehmens Ashot Ashkelon Industries am Einspruch des staatlichen Kontrollamts; behördliche Untersuchungen gegen Burg, dem vorgeworfen wurde, als Strohmann für andere Akteure tätig gewesen zu sein, wurden aber eingestellt. Seine Tätigkeit bei der Firma Vita Pri Hagalil, einem Hersteller von Tiefkühlobst und -gemüse, führte sodann zu einer Auseinandersetzung um die Verwendung von Krediten in Millionenhöhe, die letztlich von den Banken fällig gestellt wurden.

Politisch wandelte sich der ehemalige Vorsitzende der Jewish Agency und gescheiterte Geschäftsmann zu einem vehementen Kritiker Israels, der mit dem Zionismus komplett gebrochen hat. Ein 2009 auch auf Deutsch veröffentlichtes Buch, in dem er Israel eine von der Shoah verursachte »jüdische Paranoia« sowie Aggressivität zuschrieb, wurde vom Historiker Benny Morris als »furchtbares Buch voller Fehler« bezeichnet. 2015 trat Burg der jüdisch-arabischen kommunistischen Partei Hadash bei.

Dieser Tage nun rief Burg die Juden zur Rebellion gegen Israel und zur Sammlung von einer Million Unterschriften auf, um Israel vor dem Internationalen Gerichtshof wegen angeblicher Verbrechen gegen die Menschheit anzuklagen.

Dass einer wie Avraham Burg, der seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten über Israel herzieht, dass es jedem Antisemiten ganz warm ums Herz wird, inmitten einer weltweiten Welle des Judenhasses schweigen würde, war nicht zu erwarten. Eine solche Gelegenheit, sich einmal mehr als fundamentaler »Israel-Kritiker« in Szene zu setzen, konnte er sich nicht entgehen lassen, zumal er als jüdischer Kronzeuge gegen die angeblichen Untaten des jüdischen Staates international auf den Applaus hoffen darf, der ihm in Israel schon längst versagt bleibt.

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