Mena-Talk: Aleppo zwischen Zerstörung und Wiederaufbau

Mena-Watch-Talk mit Thomas von der Osten-Sacken (re.) über die aktuelle Situation in Aleppo.
Mena-Watch-Talk mit Thomas von der Osten-Sacken (re.) über die aktuelle Situation in Aleppo.

Thomas von der Osten-Sacken über die Aufbruchsstimmung, die Konflikte und die Hoffnungen in der syrischen Stadt Aleppo.

Nachdem er wenige Wochen nach dem Sturz Assads im Vorjahr bereits nach Damaskus gereist war, befand sich Thomas von der Osten-Sacken in der vergangenen Woche in Aleppo. Von dort zugeschaltet, berichtet er im Mena-Watch-Talk über seine Eindrücke aus der Stadt, in der an allen Ecken und Enden am Wiederaufbau gearbeitet wird und der vorherrschende Optimismus spürbar ist.

Aleppo war einst das wirtschaftliche Zentrum Syriens und eine der bedeutendsten Handelsmetropolen des Nahen Ostens. Während des syrischen Bürgerkriegs wurde die Stadt zum Schauplatz erbitterter Kämpfe. Jahrelang verliefen Frontlinien durch Wohnviertel und die historische Altstadt. 2016 eroberten die Truppen des Assad-Regimes mit Unterstützung der Hisbollah und iranischer Einheiten die Stadt zurück. Ende November 2024 fiel Aleppo schließlich im Zuge der Offensive der islamistischen HTS-Miliz, die wenig später zum Sturz des Assad-Regimes führte.

Heute, knapp zwei Jahre später, bietet sich Besuchern von der Osten-Sacken zufolge ein gemischtes Bild. Zwar erinnerten ganze Straßenzüge, zerstörte Wohnhäuser und die Ruinen historischer Gebäude weiterhin an den Krieg. Gleichzeitig seien die Menschen aber damit beschäftigt, ihre Häuser wieder bewohnbar zu machen, Geschäfte zu eröffnen und ihre Stadt wiederaufzubauen. »Ich bin extrem überrascht. Ich hatte es mir viel zerstörter vorgestellt, als es dann in Wirklichkeit ist.« Das vorherrschende Gefühl sei das der Hoffnung, dass nach den langen Kriegsjahren endlich eine Phase der Stabilität begonnen haben könnte.

Die Rückkehr des Alltags

Bemerkenswert war für von der Osten-Sacken die wiedergewonnene Normalität. Rund um die berühmte Zitadelle haben Cafés geöffnet, Händler verkaufen Souvenirs, und selbst der innerstaatliche Tourismus kehrt zurück. Familien besuchen die Sehenswürdigkeiten, Menschen gehen abends aus, und das gesellschaftliche Leben findet wieder auf öffentlichen Plätzen statt.

Von der Osten-Sacken beschreibt die Sicherheitslage als überraschend gut. In den Straßen sei wenig Polizei zu sehen, man könne sich auch nachts unbesorgt bewegen. Frauen seien selbstverständlich alleine unterwegs.

Auffällig sei die Erleichterung vieler Bewohner darüber, dass die Herrschaft Assads und die jahrelangen Kampfhandlungen endlich vorüber seien. »Diese Dankbarkeit darüber, dass dieser Horror vorbei ist, die kann man überall spüren.«

Allerdings warnt von der Osten-Sacken davor, die Stimmung der Bevölkerung zu verallgemeinern. Aleppo war während des Bürgerkriegs politisch gespalten, und ein Teil seiner Bewohner unterstützte das Assad-Regime. Dennoch sei gegenwärtig kaum zu erkennen, dass die ehemaligen Frontlinien weiterhin unüberwindbare gesellschaftliche Grenzen bildeten.

Das gelte auch für die christlichen Viertel der Stadt. Von der Osten-Sacken wohnte während seines Aufenthalts in einem armenisch-christlich geprägten Stadtteil, in dem sich das Leben nach seiner Beobachtung kaum von jenem vor mehreren Jahrzehnten unterscheidet. In der maronitischen Kathedrale finden Konzerte statt, Restaurants und Lokale sind geöffnet, man habe »eher das Gefühl, dass man in Süditalien ist und nicht im Nahen Osten.«

Wiederaufbau

Die Herausforderungen bleiben dennoch gewaltig. Nach UNO-Angaben aus dem Jahr 2017 wurden allein in Aleppo zwischen 30.000 und 35.000 Gebäude zerstört. Besonders schwer betroffen sind Teile der historischen Altstadt und des berühmten Basars, des einstmal größten überdachten Basars der Welt.

Während einige Abschnitte des Basars wieder belebt seien, lägen andere weiterhin in Trümmern. Der Wiederaufbau gleicht einem Mosaik: Neben vollständig restaurierten Gebäuden stehen Ruinen, und nur wenige Meter von belebten Geschäftsstraßen entfernt finden sich völlig zerstörte Wohnviertel.

Bei bedeutenden historischen Bauwerken gebe es internationale Unterstützung. So wurde die im Krieg schwer beschädigte Umayyaden-Moschee wiederhergestellt und unlängst wieder eröffnet. Teile des Basars werden mithilfe der Aga-Khan-Stiftung restauriert, und auch türkische Organisationen engagierten sich. Die Syrian Heritage Foundation und das Islamische Museum Berlin unterstützen gemeinsam mit Anwohnern die originalgetreue Wiederherstellung eines Altstadtviertels.

Der Wiederaufbau gewöhnlicher Wohnhäuser werde dagegen weitgehend von den Bewohnern selbst getragen. »Es wird sehr viel improvisiert, aber an allen Ecken und Enden passiert etwas«, schildert von der Osten-Sacken. Häufig würden Menschen einzelne Räume in zerstörten Häusern wieder aufmauern, um zumindest einen Teil ihrer früheren Wohnungen nutzen zu können.

Ähnliche Entwicklungen beobachtete er in einer schwer zerstörten Stadt südlich von Aleppo. In die Stadt, die nach schweren Kämpfen völlig verlassen gewesen war, seien nach Angaben örtlicher Bewohner inzwischen rund 80 Prozent der Bevölkerung zurückgekehrt. Viele hätten zuvor jahrelang in Binnenvertriebenenlagern gelebt und versuchten nun mit bescheidensten Mitteln, ihren Heimatort wieder aufzubauen.

Zwischen Islamisierung und gesellschaftlichem Widerstand

Eine der wichtigsten Fragen für Syriens Zukunft betrifft den politischen und gesellschaftlichen Kurs der neuen Führung unter Präsident Ahmed al-Sharaa. Von der Osten-Sacken warnt davor, die islamistischen Bestrebungen der Regierung zu unterschätzen. Es gebe durchaus Versuche, Religion stärker in gesellschaftlichen Institutionen zu verankern und die Freiheiten bestimmter Bevölkerungsgruppen einzuschränken.

Als Beispiel nennt er Bestrebungen, Frauen den Zugang zu bestimmten technischen Studiengängen an staatlichen Universitäten zu verwehren. Dagegen habe es Proteste gegeben, während private Universitäten erklärten, entsprechende Beschränkungen nicht übernehmen zu wollen.

Dennoch hält er es für falsch, Syrien bereits als weitgehend islamisierten Staat zu betrachten. Gerade Aleppo zeige, wie vielfältig und widersprüchlich die gesellschaftliche Entwicklung verlaufe. In manchen Cafés säßen abends fast ausschließlich Frauen, die in aller Ruhe Wasserpfeife rauchten.

»Es wird gerade gesellschaftlich ausgehandelt«, beschreibt er diese Entwicklung. Die neue Regierung verfolge zwar das Ziel einer schleichenden Islamisierung, stoße dabei aber auf gesellschaftlichen Widerstand. Entscheidend werde sein, wie weit die Bevölkerung solche Veränderungen akzeptiere.

Dabei weist von der Osten-Sacken darauf hin, dass auch zahlreiche Syrer, die al-Sharaa ablehnten, anerkennen würden, dass es seiner Führung bislang gelungen sei, einen neuerlichen landesweiten Bürgerkrieg zu verhindern. Selbst unter Christen und anderen Kritikern der Regierung höre man deshalb, dass die gegenwärtige Stabilität ein bedeutender Fortschritt sei. Nach 15 Jahren Krieg sei bereits die Möglichkeit, den Alltag zu planen und ohne ständige Angst zu leben, ein enormer Gewinn.

Armut und steigende Energiepreise bedrohen den Aufschwung

Die größte Sorge vieler Menschen gelte derzeit weniger der politischen als der wirtschaftlichen Entwicklung. Syrien ist weiterhin von extremer Armut geprägt. Nach den im Gespräch angeführten Zahlen leben rund 80 Prozent der Bevölkerung unter dem Existenzminimum. Millionen Menschen benötigen Wohnraum, Arbeitsplätze und eine verlässliche Versorgung mit grundlegenden Gütern.

Zusätzlich verschärfen die regionalen Konflikte die wirtschaftliche Lage. Der Krieg mit dem Iran und die damit verbundenen steigenden Energiepreise treffen Syrien besonders hart. Von der Osten-Sacken berichtet von massivem Dieselmangel und erheblichen Preissteigerungen. Hohe Treibstoffkosten erschweren den Warentransport und verteuern Lebensmittel und andere Güter. Gleichzeitig gibt es Befürchtungen, dass der Staat künftig Schwierigkeiten bekommen könnte, Beamtengehälter pünktlich auszuzahlen.

Überraschend positiv entwickelt habe sich hingegen die Stromversorgung. In Aleppo sei Elektrizität inzwischen nahezu rund um die Uhr verfügbar, nicht zuletzt dank zahlreicher Solaranlagen. Im Irak, in dem von der Osten-Sacken seit den 1990er Jahren tätig ist, hätte es 20 Jahre gebracht, um Ähnliches zu erreichen.

Ausländische Investitionen, unter anderem aus der Türkei und den Golfstaaten, könnten zwar den Wiederaufbau unterstützen. Allerdings gebe es Kritik, dass die Wirtschaftspolitik der Regierung vor allem wohlhabenden Bevölkerungsschichten zugutekomme. Der Versuch, ausländisches Kapital anzuziehen, löse die Probleme der ärmeren Mehrheit bislang kaum.

Der gegenwärtigen Aufbruchsstimmung stehe die Angst vor einem neuerlichen wirtschaftlichen Abschwung gegenüber.

Integration der Kurden

Eine weitere Herausforderung ist die Integration der ehemals kurdisch kontrollierten Gebiete in den syrischen Zentralstaat. Offiziell wurde die kurdische Selbstverwaltung aufgelöst, und die Kämpfer der Syrian Democratic Forces (SDF) sollen in die syrische Armee eingegliedert werden. In der Praxis gestaltet sich dieser Prozess komplizierter.

Gerade in den kurdisch geprägten Aleppiner Stadtvierteln Scheich Maksud und Aschrafijeh habe sich von der Osten-Sacken zufolge an der de-facto-Kontrolle durch die Kurden wenig verändert. Zwar würden Verwaltungsstrukturen umbenannt, Uniformen ausgetauscht und ein paar Namensschilder ausgewechselt, an den tatsächlichen Machtverhältnissen vor Ort habe das bislang aber nur wenig geändert.

Auch ethnische Spannungen seien keineswegs verschwunden. So habe es in Hasaka Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Kurden gegeben, unter anderem über kurdische Beschriftungen, Fahnen und Gedenkbilder.

Dennoch sieht von der Osten-Sacken auch hier Fortschritte. Die Integration sei zwar unvollständig und konfliktträchtig, doch rechne in Aleppo gegenwärtig kaum jemand mit einem unmittelbar bevorstehenden erneuten Ausbruch bewaffneter Kämpfe.

Genug von regionalen Stellvertreterkriegen

Nach Ansicht von der Osten-Sackens bestehe in der syrischen Bevölkerung ein weitreichender Konsens darüber, dass das Land nicht erneut in die zahlreichen Konflikte des Nahen Ostens hineingezogen werden sollte. Das gelte sowohl für die Spannungen mit Israel im Süden Syriens als auch für mögliche militärische Interventionen in anderen Staaten.

Auch wenn vereinzelt Syrer im Jemen kämpfen dürften, hält von der Osten-Sacken Spekulationen über einen möglichen Einsatz syrischer Truppen in diesem Konflikt an der Seite Saudi-Arabiens für wenig plausibel. Es bestehe kein Bedürfnis an derartigen ausländischen Abenteuern. Das sei auch deutlich geworden, als die USA und Israel laut darüber nachdachten, dass Syrien sich am Vorgehen gegen die Hisbollah im Libanon beteiligen sollte. Die neue syrische Führung habe ein solches Engagement rasch abgelehnt.

Von der Osten-Sacken zufolge sei die Regierung al-Sharaa um möglichst stabile Beziehungen zu den Nachbarstaaten bemüht und wolle eine erneute Verwicklung in regionale Stellvertreterkriege vermeiden. »Leute wollen einfach Frieden, Leute wollen ihre Ruhe haben, wollen ihrem Alltag nachgehen«, fasst er die vorherrschende Stimmung zusammen.

Nach den Erfahrungen von Krieg, Vertreibung und Zerstörung stehe für die meisten Syrer nicht geopolitischer Einfluss, sondern die Wiederherstellung eines halbwegs normalen Lebens im Vordergrund.

Missverständnis europäischer Debatten

Zum Abschluss spricht von der Osten-Sacken einen Aspekt an, der für die europäische Syrienpolitik von besonderer Bedeutung ist: die Rückkehr syrischer Flüchtlinge. Innerhalb Syriens kehrten bereits zahlreiche Binnenvertriebene in ihre Herkunftsorte zurück. Auch aus dem Libanon und der Türkei gebe es Rückkehrbewegungen. Aus Europa sei die dauerhafte Rückkehr hingegen deutlich zurückhaltender.

Von der Osten-Sacken führt das nicht in erster Linie auf finanzielle Anreize oder Sozialleistungen zurück, sondern auf die rechtliche Unsicherheit vieler Flüchtlinge. In Aleppo begegne er zahlreichen Syrern, die Deutsch sprechen und inzwischen einen deutschen oder österreichischen Pass besitzen. Sie könnten ihre frühere Heimat besuchen und sogar überlegen, wieder dauerhaft dort zu leben, weil sie jederzeit nach Europa zurückkehren könnten.

Für Menschen ohne entsprechende Staatsbürgerschaft oder gesicherten Aufenthaltsstatus stelle sich die Situation anders dar. Sie müssten befürchten, im Falle einer neuerlichen Verschlechterung der Lage in Syrien noch einmal den gesamten Asylprozess durchlaufen zu müssen oder gar nicht mehr nach Europa zu gelangen. »Die große Frage ist nicht Sozialhilfe oder irgendwas«, betont von der Osten-Sacken. Entscheidend sei vielmehr, ob Menschen nach einem Rückkehrversuch im Notfall wieder nach Europa kommen könnten.

In den europäischen Debatten werde nie verstanden, dass gerade eine gesicherte Aufenthaltsperspektive in Europa die beste Voraussetzung für eine freiwillige Rückkehr nach Syrien sei. Die politische Debatte über Abschiebungen und die Aberkennung von Schutzrechten sei aus dieser Sicht kontraproduktiv.

Denn viele Syrer hätten ihre Heimat nie verlassen wollen, sondern seien durch Krieg und Verfolgung dazu gezwungen worden. Sie würden die Gelegenheit nutzen, wieder zurückzukehren – vorausgesetzt, sie würden dadurch nicht automatisch die Existenzen und Sicherheiten verlieren, die sie sich in Europa mühsam aufbauen haben müssen.

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