Susanne Schröter ist emeritierte Professorin am Institut für Ethnologie und war bis September 2025 Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Im Gespräch mit Elisa Mercier ordnet sie die Bedrohungslage durch den politischen Islam ein und beschreibt Maßnahmen, wie er bekämpft werden könnte.
Elisa Mercier (EM): Der islamistische Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day richtete sich gezielt gegen queere Menschen und unsere liberale Lebensweise. Was sagt dieser Anschlag über die aktuelle Bedrohung durch den Islamismus in Deutschland aus?
Susanne Schröter (SS): Der Anschlag zeigt, dass die islamistische Bedrohung nach wie vor sehr hoch ist. In Deutschland leben rund 9.000 Islamisten, die zumindest bekannt sind, und viele davon sind gewaltbereit. Allein diese Zahl macht deutlich, dass die Sicherheitsbehörden nicht jeden Islamisten rund um die Uhr überwachen können. Hinzu kommen die strukturellen Probleme dieser Behörden, die ein wirksames Vorgehen gegen den Islamismus zusätzlich erschweren.
Ein zweiter Aspekt betrifft die Deradikalisierungsprogramme und die Präventionsnetzwerke, die auch im Fall von Abdul B. beteiligt waren. Man muss sich fragen, ob diese Strukturen nicht gescheitert sind. Gegen fest verankerte ideologische Überzeugungen und erheblichen inneren Widerstand, wie dies offenbar beim Attentäter der Fall war, kann man nur wenig ausrichten.
Der dritte Punkt ist die Rolle der Gerichte, die Islamisten häufig so behandeln, als seien sie lediglich harmlose Dorfbuben. Richter und Mitarbeiter der Justiz sollten sich deshalb viel intensiver mit dem Islamismus beschäftigen und sich mindestens fortbilden, um ein stärkeres Bewusstsein für diese Form des Extremismus und die Gefahren, die von ihm ausgehen, zu entwickeln.
Ein vierter Punkt ist die mangelnde gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Islamismus und den politischen Islam. Das zeigte sich auch bei den Veranstaltern des Berliner CSD, die es nach dem Anschlag vermieden, den Islamismus des Attentäters klar zu benennen. Stattdessen werden die Gründe für solche Anschläge häufig in den westlichen Gesellschaften selbst gesucht, in politischen Strukturen oder vermeintlichen Machtverhältnissen. So wird verdrängt, dass es Gruppen gibt, die eine offene, liberale und pluralistische Gesellschaft grundsätzlich ablehnen. Aus Angst, als islamfeindlich oder diskriminierend zu gelten, werden notwendige Debatten oft nicht geführt und es wird nicht zwischen einer Religion und einer politisch-extremistischen Ideologie unterschieden. Genau diese fehlende Differenzierung erschwert es, Islamismus zu benennen und zu bekämpfen.
Queerfeindlichkeit
EM: Homosexualität wird von vielen islamistischen Gruppen strikt abgelehnt. Wie ausgeprägt ist die Queerfeindlichkeit im politischen Islam?
SS: Sie ist sehr weit verbreitet. Der politische Islam ist eine Ideologie, die jegliche normative Ordnung auf den Koran zurückführen will und letztlich die gesellschaftliche Ordnung des 7. Jahrhunderts zum Maßstab nimmt. Entsprechend gibt es eine klare binäre Geschlechterordnung und keine Akzeptanz von Homosexualität. Diese wird als Gotteslästerung angesehen und hart bestraft bis hin zur Todesstrafe. Mit Queerfeindlichkeit müssen sich viele Muslime, nicht nur Islamisten, im Umgang mit ihren theologischen Quellen auseinandersetzen. Denn wenn eine wissenschaftliche oder historisch-kritische Auseinandersetzung fehlt, führt dies häufig zu einer wortwörtlichen Auslegung religiöser Texte in einer sehr rigiden Interpretation. Islamisten können sich deshalb darauf berufen, dass Homosexualität verboten sei.
Gleichzeitig gab und gibt es natürlich auch in der islamischen Welt Homosexualität. Blickt man in die Geschichte, finden sich etwa an den adligen Höfen Beziehungen zwischen oftmals älteren und sehr jungen Männern. Auch im Volksislam gab es Erscheinungsformen, in denen Homosexualität oder Transidentität vorkamen. Männer in weiblicher Kleidung übernahmen teils religiöse Aufgaben, arbeiteten aber auch in der Prostitution oder im Unterhaltungsbereich. Diese Rollen erfüllten gewissermaßen eine Entlastungsfunktion, indem die Transperson den weiblichen Part übernahm. Solche Phänomene finden sich kulturübergreifend.
EM: Ein Teil der queeren Community kooperiert mit Gruppen, in denen teils islamistische Akteure aktiv sind. Wie erklären Sie sich diese Zusammenarbeit – und wird der Anschlag daran etwas ändern?
SS: Ich kann das nur als wahnhafte Verblendung bezeichnen. Sie wurzelt in einem universitären Theoriegebäude, das die Welt in Täter und Opfer einteilt: Die Weißen gelten als Täter, Muslime als Opfer. Israel wird dabei als weißer Apartheidstaat dargestellt. Diese Sichtweise stammt aus der postkolonialen Theorie und Werken wie denen von Edward Said.
Besonders absurd ist diese Konstruktion im Fall Israels, obwohl das Land vielfältig und multikulturell ist. Dennoch wird diese Sichtweise von einem großen Teil der politischen Linken und der queeren Szene geteilt. Man kann aber nicht gleichzeitig für die Hisbollah oder die Hamas eintreten und sich für queere Rechte einsetzen. Beides ist unvereinbar, denn in den von diesen Gruppen geprägten Milieus werden queere Menschen nicht akzeptiert. Nicht ohne Grund suchen viele queere Menschen aus der Region Schutz in Israel.
Mit diesem Widerspruch kommen viele westliche Queers nicht zurecht und sprechen stattdessen von »Pinkwashing«. Wenn man in London halbnackt durch die Straßen läuft, mag das funktionieren – in Gaza wäre das jedoch undenkbar. Ich bedaure sehr, dass auch Teile der politischen Linken diesen Weg eingeschlagen haben, denn gerade sie standen früher für Freiheitsrechte und unterstützten Emanzipationsbewegungen.
Keine Zusammenarbeit
EM: Welche Maßnahmen und Ansätze bräuchte es im Umgang mit dem politischen Islam?
SS: Neben verstärkten Sicherheitsmaßnahmen und einer veränderten Migrationspolitik wäre es, wie bereits angedeutet, vor allem wichtig, Islamismus als Problem anzuerkennen. Seit Jahren sitzen Islamisten in Gremien, erhalten Preise und bekommen öffentliche Fördergelder für ihre Projekte. Mit solchen Akteuren darf es aber keine Zusammenarbeit geben. Die Gesellschaft muss insgesamt eine andere Haltung entwickeln. Politik, Medien, Kultur und Bildungsbereich sind hier gleichermaßen gefordert. Man muss sich der Tatsache stellen, dass es internationale Vernetzungen, ein strategisches Vorgehen und sogar gezielte Unterwanderungsversuche gibt. Man denke etwa an die Muslimbruderschaft oder an türkische Organisationen. All das ist bekannt.
Die Zusammenarbeit mit entsprechenden Akteuren findet sich in allen Parteien – nicht nur bei der SPD oder der Linken, sondern ebenso bei der CDU und der FDP. Ich kann nur vermuten, dass man dabei bestimmte Wählergruppen im Blick hat, insbesondere muslimische Wähler. Man biedert sich ihnen an. Dadurch werden Antisemitismus und Queerfeindlichkeit, die in muslimischen Milieus vielfach tief verwurzelt sind, nicht mehr mit der notwendigen Konsequenz thematisiert. Das halte ich auch parteipolitisch für ein großes Problem. Zwar gibt es inzwischen vereinzelt Ansätze, etwa bei der FDP oder der Union, die Programme gegen Islamismus veröffentlicht haben. Doch wie glaubwürdig ist ein Kurswechsel, wenn das Problem über Jahre relativiert oder negiert wurde?
EM: In Ihrem neuen Buch »Links, rechts, islamistisch – Die wahren Feinde der Demokratie« beschreiben Sie unterschiedliche Feinde der liberalen Demokratie. Was verbindet diese – und worin unterscheiden sie sich grundlegend?
SS: Der Rechtsextremismus ist eine autoritäre, führerzentrierte Strömung, die aber inhaltliche Berührungspunkte mit dem Islamismus hat. Bereits während des Nationalsozialismus bestanden Kontakte zwischen Nationalsozialisten und der Muslimbruderschaft. Diese Verbindungen und ideologischen Einflüsse wirkten auch in Teilen der arabischen Welt nach und sind bis heute sichtbar. Auch in der heutigen Neonazi-Szene finden sich Überschneidungen mit islamistischen Positionen, etwa bei der Ablehnung von Queerness und im Antisemitismus.
Das gilt allerdings nicht für den gesamten Rechtsextremismus. Ein Teil der Zustimmung für rechte Parteien kommt von Menschen, die sich gegen Islamismus stellen und daraus ihre politischen Präferenzen ableiten. Meiner Ansicht nach sollten die anderen Parteien dieses Thema nicht der AfD überlassen und sich von möglichen Vorwürfen, man sei rechts oder rassistisch, wenn man über Islamismus und Migration spricht, nicht abhalten lassen, Probleme anzusprechen. Wenn man Themen wie Islamismus oder Sicherheit ausschließlich der AfD überlässt, entsteht eine Repräsentationslücke.
Auch die politische Linke hat eine solche Repräsentationslücke geschaffen. Statt weiter eine treibende Kraft für Freiheitsrechte und Gleichberechtigung zu sein, sucht sie seit den frühen 2000er-Jahren die Nähe zu islamistischen Akteuren – nach dem Motto: »Der Feind meines Feindes ist mein Freund.« Kapitalismus, Kolonialismus und westliche Gesellschaften gelten dabei als gemeinsame Gegner. Ich kenne viele Islamisten, die diese Entwicklung sehr begrüßen. Die politische Linke hat ihnen diese Allianz geradezu auf dem Silbertablett angeboten. Heute sieht man, dass diese Zusammenarbeit funktioniert. Gemeinsame Projekte, etwa im Bereich Antirassismus, verschaffen islamistischen Akteuren zusätzliche politische Legitimität und Einfluss.
EM: Wenn Sie auf die aktuelle gesellschaftliche Lage blicken: Welche Bedrohung stellt für die liberale Demokratie derzeit die größte Herausforderung dar – Rechtsextremismus, Islamismus, linksautoritäre Strömungen oder das Zusammenwirken verschiedener extremistischer Milieus?
SS: Problematisch ist aus meiner Sicht zunächst, dass bestimmte Formen des Extremismus ideologisch unterschiedlich bewertet werden. Während Rechtsextremismus zu Recht große Aufmerksamkeit erhält, wird Islamismus häufig relativiert oder ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Diskriminierung betrachtet. Dadurch entsteht ein unausgewogener Blick auf unterschiedliche extremistische Bedrohungen.
Für die größte Gefahr für unsere liberale Demokratie halte ich aktuell den Islamismus, weil er sich besonders gut tarnen kann. Islamistische Akteure maskieren sich häufig als überzeugte Demokraten und haben damit Erfolg. Sie denken zugleich in sehr langen Zeiträumen. Aus ihrer Sicht geht es um eine langfristige Veränderung Europas. Europa ist auf eine solche Herausforderung nicht ausreichend vorbereitet, weil viele diese Gefahr schlicht nicht wahrhaben wollen und weil eine gewisse Hybris vorherrscht. Es wird häufig angenommen, dass Menschen, die nach Europa kommen, automatisch Ideen von Demokratie und einer freiheitlichen Gesellschaft übernehmen. Tatsächlich bringen manche jedoch andere Vorstellungen von Gesellschaft, Religion und einem guten Leben mit.
