„Entstanden ist diese charakteristische Mischung aus Verfolgungswahn, Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex in der Zerfallsphase des Osmanischen Reiches. Anderthalb Jahrhunderte lang versuchten die osmanischen Herrscher, Modernisierungen nach europäischem Vorbild einzuführen und gerieten doch nur zum Spielball der imperialen Großmächte. Spätestens mit dem Vertrag von Sèvres, mit dem die Sieger des Ersten Weltkriegs die Aufteilung des Reiches beschlossen, verhärteten sich diese Erfahrungen zu einer veritablen Neurose: dem ‚Sèvres-Syndrom‘, also der Annahme, dass fremde Mächte die Türkei vernichten wollen. Doch nie zuvor waren diese kollektiven Gemütsstörungen so eng mit einer einzelnen Person verflochten wie im Falle Erdoğan.“ (Der Türkei-Korrespondent Deniz Yücel in der deutschen Tageszeitung Die Welt: „Erdogan – der Kalif, der aus der Volksneurose kam“)